Wer braucht schon eine Hüft-OP, wenn er den Klausenpass hat?
Sommerserie «Grenzen» (2): Mit 67 eine Rennvelo-Tagestour mit 201 Kilometern und 3008 Höhenmetern
Es gibt kaum einen anderen Bereich im Leben, in dem wir die Grenzen unserer Wahrnehmung mit der Zeit immer weiter verschieben wie beim Alter selbst. Als Kind sind die vielleicht 40-jährigen Eltern alt und die Grosseltern im Pensionsalter bereits uralt. Je älter man selbst wird, desto mehr verschiebt sich die Alterstoleranz. Man empfindet Ältere nicht mehr so alt wie früher. Und plötzlich ist man selber alt – oder fühlt sich vielleicht so. Oder auch nicht: Man ist zwar schon älter, fühlt sich aber nicht so. Davon soll diese Geschichte zum Thema Grenzen verschieben handeln. Sie handelt von meinem Velokollegen Dino Rey und einem Selbstversuch: Schafft man mit 61 beziehungsweise 67 Jahren noch eine Velotour von 200 km Länge über den Klausenpass? Wieso wir ausgerechnet diese Challenge gewählt haben, erzählt Dino gleich selbst:
«Meine Begeisterung fürs Velofahren wurde 1973 so richtig erweckt, als ich in der Affoltemer Industrie das Hans-Knecht-Bubenrennen mit einem beherzten Angriff in der letzten Runde gewann. Der Namensgeber und Sponsor Hans Knecht wurde in jenem Jahr sechzig Jahre alt. Als ich wenig später vernahm, dass der Senior von seinem Wohnort Zürich noch regelmässig über den Klausenpass fuhr, schien mir das unglaublich. Ein Mann dieses Alters, der locker mein Grossvater hätte sein können, erschien mir als vierzehnjährigem Jüngling uralt. Ich fuhr dann selbst einige Jahre mit Begeisterung Radrennen, beendete die aktive Rennerei aber nach einem schweren Sturz mit 21.
Velofahren aus purer Freude!
Das Velo hängte ich aber nicht an den berühmten Nagel, sondern war aus purer Freude während Jahrzehnten mehr oder weniger intensiv stets mit dem Fahrrad unterwegs. Vor ein paar Jahren beim Durchstöbern alter Fotos kam mir die Hans-Knecht-Geschichte wieder in den Sinn. Ich nahm mir vor, es ihm mit sechzig gleich zu tun. Die ominöse Jahreszahl kam schneller, als es mir lieb war. Das Vorhaben habe ich dann noch eine ganze Weile vor mir hergeschoben – bis in diesem Jahr. Nach etlichen Rennradfahrten von Affoltern in unser Feriendomizil im Jura und wieder zurück fühlten sich meine Beine wieder mehr so an wie in jungen Jahren. Mein Sportsfreund Martin, der mich einige Male auf der 130-km-Fahrt begleitet hat, erinnerte mich an meine Hans-Knecht-Geschichte und motivierte mich, den Test mit der Klausenfahrt endlich gemeinsam durchzuziehen.
Ich hatte etwas Respekt vor der Velotour, galt es doch, die 200 Kilometer und 3000 Höhenmeter in einem Tag zu absolvieren. Das Pensum entspricht immerhin einer mittelschwereren Tour-de-Suisse-Etappe. Aber wenn nicht jetzt, wann dann?
Unser Anspruch war, die Fahrt wenn immer möglich zu geniessen und nicht völlig erschöpft wieder zu Hause anzukommen.
Der perfekte Tag für die Challenge
Wir erwischten mit dem 16. Juni den perfekten Tag. Bei leichter Bewölkung und angenehmen, nicht allzu heissen Temperaturen ging es morgens um halb acht Uhr los Richtung Glarnerland. Über den Hirzel Richtung Schindellegi, Feusisberg sammelten wir möglichst abseits viel befahrener Strassen bereits eifrig Höhenmeter, ehe wir in Pfäffikon auf die (Zürich-)Seestrasse einbogen. Der Wind war uns wohlgesonnen und blies uns nur in der Region Glarus Nord kurz, aber heftig entgegen. Essend und trinkend pedalierten wir dem Klausen entgegen, galt es doch, unbedingt einen gefürchteten Hungerast zu vermeiden. Biberli, Birnenbrot, Trockenfleischbrötchen, viel Wasser, Cola und Kaffee. Ernährungswissenschaftlich nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss. Aber wann darf man schon ungestraft so viele Süssigkeiten in sich hineinschlemmen, ohne dass es ansetzt?
Nach vielen erlebnisreichen Abschnitten – wir tranken unterwegs Kaffee mit einer ebenfalls velobegeisterten, alten Freundin, begegneten einem Lama-Treck, fuhren plötzlich auf einem Single Trail entlang der Linth und wechselten beim stationären Zirkus Mugg für ein paar Runden aufs Karussell – auf (meistens) gut ausgeschilderten Radwegen erreichten wir nach 85 km den Anstieg zum Klausenpass. Er beginnt mit dem Pflastersteinabschnitt und steigt danach angenehm – also nicht zu steil – mit weiten Kehrkurven. Ideal für uns, um in moderatem Tempo Richtung Urner Boden zu pedalen. Nach einer Stärkung im Dorfladen nehmen wir den zweiten Teil des Passes in Angriff und freuen uns dabei über das geringe Verkehrsaufkommen an diesem Tag. Die Erschöpfung hält sich in Grenzen, stellen wir, oben angekommen, zufrieden fest und stürzen uns bald in die rasante, lange Abfahrt nach Altdorf.
Das positive Fazit
Auf der Rückfahrt müssen wir Radfahrer auf der Axenstrasse zwischen Sisikon und Brunnen wegen einer Baustelle den Shuttlebus benutzen. Diese fehlenden Kilometer wurden aber mit der Benutzung der Radwege mehr als kompensiert, führen die doch fast immer im Zickzack zum Ziel. Fehlt noch das letzte Pièce de Résistance an diesem Tag: die Berner Höhe zwischen Lauerz und Goldau, danach gehts entlang des Zugersees in flottem Tempo nach Zug. Dort gönnen wir uns zwischen elegant gekleideten Apéro-People wie zwei Paradiesvögel in unseren bunten Lycra-Veloklamotten zum Abschluss noch eine feine Pizza direkt am Zugersee, um den Tag gebührend ausklingen zu lassen. Die finalen 15 Kilometer zurück ins Säuliamt haben danach den Charakter des Ausrollenlassens.
Bei unserer Marathonfahrt haben wir folgende Erkenntnisse gewonnen:
1. Wenn du etwas vorhast, dann zieh es zeitnah durch, denn gerade im fortgeschrittenen Alter weiss man nie, was morgen kommt.
2. Sei positiv, denn auf so langen Fahrten tut immer etwas weh – das war aber schon in jungen Jahren so.
3. Ausfahrten von 200 Kilometern Distanz sind nicht zwangsläufig doppelt so schön als solche von 100 Kilometern Länge.
4. Seit 1973 ist die durchschnittliche Lebenserwartung in der Schweiz gemäss Statistik um zehn Jahre gestiegen. Somit müsste ich die Klausenfahrt in drei Jahren wiederholen, damit sie repräsentativ ist.
5. Hans Knecht, wir ziehen den Hut vor dir! 1973 wogen die stählernen Rennräder noch die Hälfte mehr als die heutigen Karbon-Boliden. Und auch die Übersetzungen waren längst noch nicht so muskelschonend klein wie heute. Ganz zu schweigen von den kratzenden Wolltrikots und den blutabschnürenden Pedalbügeln.
«Grenzen» - abstrakt und konkret
In der diesjährigen Sommerserie rücken die «Anzeiger»-Journalistinnen und Journalisten Grenzen in den Fokus. Wo wurden einst Grenzen gezogen, wo werden Grenzen durchbrochen oder vielleicht auch mal etwas Grenzwertiges?
Jeder Teil ost eine individuelle Auseinandersetzung mit dem Grenzbegriff – ob abstrakt oder konkret. Lassen Sie sich überraschen und stellen Sie sich die Frage, wo ihre eigenen Grenzen liegen und weshalb. (red)
Bereits erschienen: Mehr Wild im Wald (net), «Anzeiger» vom 7. Juli.
Sommerserie
Technische Daten der Klausenfahrt
Distanz: 201 km
Höhenmeter: 3008
Zeit unterwegs: 11:42 h
Zeit im Sattel: 8:35 h
Durchschnittstempo: 23,4 km/h
Topspeed: 76,1 km/h
Durchschnittsleistung: 131 Watt
Spitzenleistung: 568 Watt
Kalorienverbrauch: 4585
Flüssigkeitsverlust: 6,9 Liter
Die Daten zeigen den mässigen biologischen Wirkungsgrad des menschlichen Körpers. Nur 21,1 Prozent der verbrauchten Energie von 0,84 PS kamen auf den Pedalen an. Der grosse Rest verpuffte als Wärme. Immerhin: Wenigstens nimmt der reine muskuläre Wirkungsgrad mit zunehmendem Alter nicht wesentlich ab. Aktuelle sportwissenschaftliche Studien zeigen, dass ein gesunder 65-Jähriger die Energie in den Muskelzellen fast genauso effizient in mechanische Bewegung umsetzt wie ein 25-Jähriger. (map)
Hans Knecht, der Strassenweltmeister, der soziale Grenzen verschob
Hans Knecht war der erste Schweizer Strassenweltmeister der Profis und bezwang Legenden wie Fausto Coppi und Gino Bartali. Dennoch steht der Name heute oft im Schatten der darauffolgenden goldenen Schweizer Radsportära mit Ferdy Kübler und Hugo Koblet. Dabei verkörpert Knechts Lebensweg eines der packendsten Dramen der Schweizer Sportgeschichte: den Triumph des unbändigen Willens über bittere Armut.
Geboren am 29. Juni 1913 in Albisrieden, wuchs Knecht in armen Verhältnissen auf. Der gelernte Färber fand im Radsport eine Möglichkeit und den Traum vom sozialen Aufstieg. Ohne grosses Talent, aber mit eiserner Härte gegenüber sich selbst, schaffte er den Anschluss an die nationale Spitze. 1938 feierte er in Valkenburg (NL) mit dem WM-Titel bei den Amateuren seinen ersten internationalen Erfolg. Der Wechsel zu den Profis 1939 versprach den grossen Durchbruch – doch dann bremste der Zweite Weltkrieg seine Karriere in den besten Jahren jäh aus.
Sensationeller Triumph im Regen
Seinen Platz in den Geschichtsbüchern sicherte sich Knecht am 1. September 1946. Bei der Heim-Weltmeisterschaft in Zürich goss es in Strömen. Kaum jemand rechnete mit dem bereits 33-jährigen Schweizer Meister. Nach einer Nacht, die er mangels Geld bei einem Bauern im Heustock verbracht hatte, wuchs Knecht über sich hinaus. Auf dem schweren Parcours düpierte er die gesamte Weltelite. Im Zielsprint schlug er den belgischen Favoriten Rik van Steenbergen und krönte sich zum ersten Schweizer Profi-Weltmeister. Es war eine Sensation, die in der Schweiz grosse Bewunderung auslöste.
Doch der Ruhm war nur von kurzer Dauer und die Verdienstmöglichkeiten als Radsportler waren damals noch mässig. Nach seinem Rücktritt 1949 stieg Knecht ins Velobusiness ein. Nach anfänglichen Erfolgen musste Knecht aber bald wieder untendurch und ging mit seinem Fahrradgeschäft Konkurs. Der frühere Weltmeister verdingte sich fortan als Magaziner in der Autobranche. Am 8. März 1986 verstarb er im Alter von 72 Jahren in Zürich. (map)












