Wie lockt man eine Bundesrätin über die Reuss?

Was bereits viele versucht haben, ist Gemeindepräsidentin Gaby Noser Fanger dieses Jahr gelungen: Am 1. August, um 14 Uhr hält Bundesrätin Doris Leuthard aus Merenschwand beim Pontonierhaus in Ottenbach die Festrede.

Doris Leuthard. (Bild Thomas Stöckli)
Doris Leuthard. (Bild Thomas Stöckli)

In ihrem Schreiben an Bundesrätin Leuthard hat Gaby Noser beim Bau der Reussbrücken angesetzt: «1864 – vor gut 150 Jahren also – wurden die zwei (Reuss-)Brücken Obfelden-Merenschwand und Ottenbach-Merenschwand/Birri gebaut. Damals überwanden die Bauwerke nicht nur eine Kantonsgrenze, sondern sie brachten auch katholische und protestantische Regionen näher. «Nach meinem ersten Amtsjahr als Gemeindepräsidentin von Ottenbach bin ich mehr denn je überzeugt, dass es bei der politischen Arbeit darum geht, Brücken zu bauen. Ohne Brückenschlag zwischen Interessengruppen oder über Parteigrenzen hinweg ist es nicht möglich, unsere Region und unser Land im Interesse der Gesamtbevölkerung nachhaltig weiterzuentwickeln», hält Gaby Noser fest.

Der Brückenschlag ist gelungen: Doris Leuthard hat zugesagt. «Rita Ackermann hat als Gemeinderätin schon versucht, Doris Leuthard nach Ottenbach zu bringen. Sie hat damit vorgespurt», sagt Gaby Noser, «und wahrscheinlich hatten wir auch Glück, dass ihre Agenda den Besuch in diesem Jahr zulässt», und schmunzelnd fügt sie bei: «Vielleicht hat sie auch positiv darauf reagiert, dass im Nachbardorf Ottenbach eine Frau das Gemeindepräsidium ausübt.»

Ottenbacher machten sich unbeliebt

In früheren Jahrhunderten war die Reuss eine schwer zu überwindende Grenze. Nicht nur, dass man lediglich mit der Fähre über den Fluss gelangen konnte. Merenschwand gehörte zu Luzern, Ottenbach zu Zürich. Luzern hatte zwar vor Zürich die Reformation durchgeführt. Da die Waldstätte den Luzernern aber nicht folgten, kehrte die Stadt zum katholischen Glauben zurück, um die Rolle als Vorort der inneren Orte spielen zu können. Fortan waren sich Zürich und Luzern wenig freundlich gesinnt.

Hauptstreitpunkt zwischen Ottenbach – das damals auch das heutige Obfelden umfasste – und Merenschwand waren Flussverbauungen, die gegenseitig so angebracht wurden, dass auf der eigenen Flussseite Land gewonnen werden konnte. Besonders brisant waren die Ottenbacher Güter jenseits der Reuss. Es ist nicht bekannt, wie diese zustande gekommen sind. Sie waren nicht mit Marchsteinen abgegrenzt, sondern wurden im Flächenmass Mannwerk beziffert. Mäandrierte die Reuss zuungunsten der Merenschwander Seite, mussten die Merenschwander den Ottenbachern das so verlorene Land «ennet der Reuss» ersetzen. Dies mag die Beliebtheit der Ottenbacher in Merenschwand nicht gerade gesteigert haben.

Anlässlich der Eröffnung der Bahnlinie Zürich – Affoltern am Albis – Zug spannten einerseits Ottenbach und Muri, anderseits Obfelden und Merenschwand zusammen, um als erste die Brücke über die Reuss zu eröffnen und so den Zubringerverkehr durchs eigene Dorf zu lenken. Das Konsortium Obfelden/Merenschwand entschied sich für eine Holzkonstruktion, um schneller zu sein. Das Vorhaben gelang, aber nur bis zum ersten Hochwasser. Dieses schwemmte die Holzbrücke weg – und die Ottenbacher Reussbrücke war bis zur Eröffnung der neuen Obfelder Brücke die einzige auf weiter Flur.

Betrachtet man die früheren Kämpfe und Auseinandersetzungen der beiden Reussgemeinden, kommt dem Besuch von Doris Leuthard eine symbolische Bedeutung ganz im Sinn der Anfrage von Gaby Noser zu: Um die Probleme der heutigen Zeit zu lösen, müssen alle am selben Strick ziehen, unabhängig davon, von welcher Seite der Reuss sie stammen.

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