«Wo das Rüebli steckt, muss der Granitblock in die Erde»
Sommerserie «Grenzen» (4): Leo Röllin setzt mit Marchsteinen und Messingpunkten Grenzen fest
Jede Parzelle hat ihre Grenzen. Diese können sich beispielsweise ändern, wenn eine neue Strasse oder ein Haus entsteht. Auf den Plänen werden die neuen Linien jeweils genau festgelegt. Nicht nur auf den Plänen. Auch draussen in der Natur, in der Wiese, auf dem Trottoir, am Seeufer, im Wald, beim Gartenzaun oder auf dem Feldweg. Für die Umsetzung vom Plan in die Realität ist in den meisten Gemeinden des Bezirks Affoltern Leo Röllin verantwortlich. «Für viele im Säuliamt bin ich der Steinsetzer», erklärt er humorvoll beim Treffen auf dem neuen Feldweg neben dem renaturierten Jonenbach bei Rifferswil. In seinem Bus hat er alles dabei: einen Generator, eine Hilti-Bohrmaschine, Schaufel, Messlatten, Kübel, Ackersteine und zwei Stapel Granitblöcke. «Die kommen aus dem Maggiatal, jeder wiegt ungefähr 30 Kilogramm.»
Leo Röllin erhält vom Vermessungsbüro GPW die Pläne zugestellt, auf welchen die Grenzpunkte eingezeichnet sind. Heute ist er daran, entlang des verlegten Wegs neben dem Bach diese neuen Grenzpunkte sichtbar zu machen. Die wichtigste Vorarbeit wurde schon geleistet. «Das sind die Rüebli, die wurden durch die Fachleute bereits verpflockt.» Am Wegrand ist nur ein kleiner roter Punkt zu sehen. Ein Rüebli? Das Geheimnis lüftet sich bald. «Genau dort, wo das Rüebli steckt, muss der Granitblock in die Erde. Dieser Punkt ist für die Ausrichtung des Marchsteins entscheidend.» Ein Zentimeter Ungenauigkeit werde toleriert. «Aber ich strebe an, die Steine ganz genau zu setzen.»
Goldene Grenzpunkte im Asphalt
Zuerst vermisst Leo Röllin den Punkt mit Messlatten, dann schaltet er den Generator an. Der Feldweg ist zu hart, um mit der Schaufel ein Loch von 60 Zentimetern Tiefe auszuheben. «In einer Wiese loche ich natürlich von Hand.» Mit dem Hilti spitzt er den harten Wegbelag innert Minuten auf und entfernt das sogenannte Rüebli aus der Erde. Der orange Plastikdorn mit dem roten Kopf sieht wirklich aus wie ein Rüebli. Die weitere Arbeit geht schnell voran. Der Marchstein verschwindet bis zur Oberkante im Loch, wird mit Ackersteinen fixiert, mit dem ausgehobenen Schutt- und Erdmaterial eingegraben und zum Schluss festgestampft. Je nach Umgebung dauert das Setzen eines Marchsteins 30 bis 60 Minuten.
Wenn Grenzpunkte im Asphalt markiert werden müssen, kommen Messingstifte zum Einsatz. Auf dem goldenen Kopf, der zum Beispiel neben einer Garageneinfahrt oder einem Trottoir sichtbar ist, steht «Grenzpunkt». Das Fixieren dieser Punkte ist relativ einfach und erfordert nur das Bohren eines Lochs und das Einbringen etwas Betonmörtels.
Seit über 30 Jahren übt der Steinsetzer diese Tätigkeit aus. «Ganz korrekt würde ich mich Vermarkungsfacharbeiter nennen. Das klingt doch nobel.» Er lacht. «Das Wichtigste an dem Job ist das Schaufeln und Lochen. Ich muss jedenfalls nicht ins Fitnessstudio gehen.» Die eidgenössische Grundbuchführung sei 1912 eingeführt worden. «Und seither werden die Marchsteine immer noch auf dieselbe bewährte Weise von Hand gesetzt.»
In der Natur und Kontakt zu Menschen
Leo Röllin beschäftigte sich zuerst nur nebenbei mit den Grenzsteinen. Er war Bauer und melkte bis im Jahr 2002 Kühe in seinem Stall in Rifferswil. Dann gab er die Milchproduktion auf und weidete bis vor einem Jahr noch ein paar Kühe auf seinen Wiesen. Jetzt hat er sein Land verpachtet und arbeitet fast vollamtlich für die amtliche Vermessung. Er ist nicht nur im Bezirk unterwegs, sondern auch für ein Büro ausserhalb des Kantons Zürich. Wie viele Steine hat er schon gesetzt? «In den gut 30 Jahren waren es sicher schon 30000, sehr viele damals entlang der Baustelle für die Autobahn zwischen Knonau und der Brunau.» Er rechnet kurz zusammen und kommt auf 900 Tonnen Granit. «Mein Rücken macht immer noch mit», meint er zufrieden und betont, dass ihm sein Beruf sehr viel Freude mache. «Ich bin mein eigener Chef und kann mir die Arbeit selber einteilen.» Wenn es aus Kübeln schütte oder über 30 Grad heiss sei, habe er die Freiheit, zu Hause zu bleiben. «Besonders schön ist für mich, dass ich in der Natur draussen bin und zugleich doch immer wieder Kontakt mit Menschen habe. Da ergibt sich am Wegrand oder am Gartentor mancher Schwatz mit Bekannten oder auch mit Menschen, die ich neu kennenlernen kann.»
Sommerserie
«Grenzen» – abstrakt und konkret
In der diesjährigen Sommerserie rücken die «Anzeiger»-Journalistinnen und -Journalisten Grenzen in den Fokus. Wo wurden einst Grenzen gezogen, wo werden Grenzen durchbrochen oder vielleicht auch mal etwas grenzwertiges?
Jeder Teil ist eine individuelle Auseinandersetzung mit dem Grenzbegriff – ob abstrakt oder konkret. Lassen Sie sich überraschen und stellen Sie sich die Frage, wo Ihre eigenen Grenzen liegen und weshalb. (red)
Bereits erschienen: Mehr Wild im Wald (net), «Anzeiger» vom 7. Juli; Wer braucht schon eine Hüft-OP, wenn er den Klausenpass hat? (map), 10. Juli; Grenzen auf der Spur (cla), 14. Juli.


















