«Kunst darf schön sein»
Die Hausemer Künstlerin Elisabeth Jacob stellt in ihrem Atelier in Baar aus

Das Vermitteln war und ist für Elisabeth Jacob zeitlebens eine Herzensangelegenheit. Mit ihren Werken vermittelt sie keine laute, aufrüttelnde Gesellschaftskritik, sondern die unbeschwerte Lust am Malen, die Neugier am Experimentieren und die Freude daran, Ruhe und stille Emotionen zu vermitteln. Deshalb ihre Aussagen: «Kunst darf schön sein» und «Mit meinen Bildern soll man sich wohlfühlen».
Am letzten Oktoberwochenende zeigt sie ihre vielschichtigen Werke in ihrem Atelier in Baar.
Sie zieht das Atelier der Galerie vor
Elisabeth Jacob stellte über mehrere Jahrzehnte erfolgreich in vielen Galerien aus. Heute zieht sie es vor, ihre Bilder im grosszügigen, hellen Atelier in der historischen Obermühle in Baar zu zeigen, wo sie als Künstlerin und Kursleiterin wirkt. Ein grosser Teil ihrer Gemälde entsteht aber in ihrem Zuhause in Hausen, wo sie in Ruhe Ideen umsetzen kann.
Seit sie 1974 als junge Primarlehrerin nach Mettmenstetten kam, unterrichtet sie mit Begeisterung. Im Laufe der Jahrzehnte vermittelte sie verschiedene Maltechniken in Atelierkursen, für das Künstlerbedarfsgeschäft Boesner an drei Standorten sowie in Ferienkursen, beispielsweise in Brissago.
Die Kursteilnehmenden werden in verschiedenen Maltechniken angeleitet und erhalten fundierte Informationen zu den verwendeten Materialien. Für ihre Bilder in Acryl-Mischtechnik und für ihre Collagen verwendet Jacob beispielsweise Pigmente, Bitumen, Sand, Asche und verrostenden Eisensand. Doch auf den eigentlichen Bildinhalt und die künstlerischen Aussagen der Werke ihrer Kursteilnehmenden nimmt sie möglichst keinen Einfluss.
Sie experimentiert gern. Dabei weiss auch sie nie im Voraus, wie sich beispielsweise ölhaltige Flüssigkeiten oder Pasten mit wässrigen Elementen zusammen verhalten. «Es kommt nie so heraus, wie man sich das am Anfang vorgestellt hat. Das persönliche Erleben, die Emotionen beim Malen fliessen hinein», sagt sie.
Im Atelier lagern zahlreiche ihrer Bilder. Sie dienen den Kursteilnehmenden zur Inspiration und als anschauliche Beispiele für verschiedene Techniken. Die Ausstellung im Atelier ermöglicht den Besucherinnen und Besuchern zugleich einen Einblick in unterschiedliche Schaffensphasen und lädt dazu ein, die besondere Atmosphäre des Ortes auf sich wirken zu lassen.
Im Sommer waren Rosen ihr Thema, im Moment beschäftigt sie sich intensiv mit Wabi-Sabi.
Japanisches ästhetisch-philosophisches Konzept
Wabi steht für die bewusste Reduktion auf das Wesentliche, Bescheidenheit, Freiheit von Überfluss sowie die Freude am Unvollkommenen. Sabi beschreibt die Spuren, die das Altern und der Lauf der Zeit an Dingen hinterlassen – beispielsweise Patina, Risse, Sprünge, Abnutzung oder Moos.
Wabi-Sabi ist ein Konzept, das die Schönheit des Unvollkommenen und Vergänglichen anerkennt. Es regt dazu an, den natürlichen Kreislauf von Werden und Vergehen anzunehmen und gerade in Fehlern, Alterung und Gebrauchsspuren Charakter und Schönheit zu entdecken.
Abstrakte Leinwandbilder im Wabi-Sabi-Stil zeigen sichtbare Spuren von Spachtelmasse, Sand oder natürlichen Pigmenten. Mit gezielt behandeltem Papier erreicht Elisabeth Jacob beispielsweise den Crackle-Effekt. Dieses Papier arbeitet sie in ihre Gemälde ein. Ihre Bilder entstehen stets in vielen Schichten.
Bei Wabi-Sabi geht es darum, die Spuren des Alters zu schätzen. Ein verlassener Ort, ein sogenannter Lost Place, zeigt diese Spuren besonders unmittelbar – durch Rost, Risse und verblasste Farben. In der modernen westlichen Welt muss vieles glatt, neu und fehlerfrei sein. Lost Places sind das genaue Gegenteil. Sie zeigen still und unspektakulär, dass auch das Bruchstückhafte und Fehlerhafte seine eigene Schönheit besitzen kann.
Diesen Gedanken greifen Elisabeth Jacobs neuste Bilder auf. Sie laden nicht nur zum Betrachten, sondern geradezu dazu ein, ihre Oberflächen und Strukturen haptisch zu entdecken.
Bis das Bild fertig ist
Wenn Elisabeth Jacob malt, liegt eine Leinwand auf einem Tisch, der in einem Kinderplanschbecken steht. So kann die Künstlerin Flüssigkeiten über das Bild fliessen lassen und damit gezielt bestimmte Effekte erzeugen. Ihr grösstes Bild misst 1,20 mal 1,50 Meter – sie mag grosse Bilder.
Sie ist eine genaue, geduldige Beobachterin. Hat sie eine Idee, trägt sie sie lange mit sich herum. «Ich habe eine Werkzeugkiste mit Maltechniken im Kopf und entscheide nach langem ‹Schwanger-gehen› mit einem Thema, wie ich meine Idee realisieren will», sagt sie. Sie spürt, wann die Zeit reif ist, eine Idee konkret umzusetzen.
Auch wann ein Bild fertig ist, weiss sie meist. Doch zunächst hängt sie es in ihrem Wohnzimmer gegenüber dem Tisch auf und lässt es im Alltag auf sich wirken. Es muss stimmig sein. Das heisst: Harmonie und Spannung müssen im Gleichgewicht sein. Wenn nicht, macht sie sich wieder an die Arbeit. Ist das Bild dann endgültig fertig, fällt es ihr leicht, es wegzugeben.
Ein Besuch im Atelier bietet deshalb mehr als die Begegnung mit fertigen Bildern: Er führt mitten hinein in einen offenen, experimentellen Schaffensprozess – und in eine Welt, in der Schönheit nicht perfekt sein muss. Vielleicht liegt gerade darin die stille Botschaft von Elisabeth Jacobs Kunst: «Kunst darf schön sein» – und darf uns einfach guttun.
Ausstellung im Atelier Jacob: Landschaften, Blumen, Stillleben, Abstrakt, in der Obermühle 10 in Baar. Freitag, 30. Oktober 2026, 13.00 – 19.00 Uhr, Samstag, 31. Oktober 2026, 13.00 – 19.00 Uhr, Sonntag, 1. November 2026, 11.00 – 19.00 Uhr. Informationen zu Kursen: www.atelier-jacob.ch


