Als Holz das Dorf bewegte
Ein Blick in die letzte Wagnerei von Maschwanden
«Meine Grosseltern starben früh, mein Vater, als ich 33 Jahre alt war», erzählt Rolf Frei. «Gerne hätte ich ihn noch viel mehr über sein Handwerk ausgefragt.» Die Familie Frei lebte und arbeitete unter einem Dach. Im Erdgeschoss befand sich die Wagnerei. Über Generationen entstanden dort Holzwagen und Gebrauchsgegenstände für die Landwirtschaft. Heute ist dieses Handwerk verschwunden. Rolf Frei, der als Kind in der Werkstatt seines Vaters mithalf, erinnert sich an eine Zeit, in der das Wissen um die verschiedenen Holzarten, Präzisionsarbeit und handwerkliches Können zum Alltag in Maschwanden gehörten.
Eine Werkstatt für das ganze Dorf
Die Arbeitstage begannen früh. Im Winter heizte Vater Rudolf Frei zuerst den Ofen mit Holzspänen ein, bevor überhaupt gearbeitet werden konnte. «In der Werkstatt war es sehr kalt», sagt Rolf Frei. Ein Auto besass der Handwerker lange nicht. Holz und andere Materialien transportierte er mit einem alten Militärvelo und einem schweren Anhänger. Musste besonders sperriges Gut verfrachtet werden, kam ein Traktor zum Einsatz. «Unsere Mutter packte überall mit an, wo mein Vater allein nicht weiterkam», erinnert sich der 79-Jährige.
Der Beruf des Wagners war auch über Maschwanden hinaus eng mit der Landwirtschaft verbunden. «Wagner leitet sich von Wagenbau ab», ergänzt Frei. Die Handwerker fertigten etwa Holzräder, Holzwagen, Pflüge, Schubkarren oder Werkzeugstiele. Gleichzeitig gehörte auch das Küferhandwerk zu ihren Aufgaben. Fässer, Bottiche, Milcheimer und andere Gefässe entstanden in sorgfältiger Handarbeit.
Der Geruch von Hobelspänen
Die wichtigsten Kunden waren Bauern und Landwirte aus der Region. «Mein Vater musste oft schnell eine Kurbelstange oder einen Werkzeugstiel ersetzen, damit der Bauer weiterarbeiten konnte», berichtet Frei. Auch Melchteren (Milcheimer) und Stalltüren gehörten zur täglichen Arbeit. Präzision war selbstverständlich. «Er arbeitete immer sehr genau, damit jeder Gegenstand seine Funktion erfüllen konnte.» Die Werkstatt war gut ausgerüstet. Bandsäge, verschiedene Hobel, Drehbank und spezielle Maschinen für den Radbau erleichterten die Arbeit. Dennoch blieb vieles Handarbeit. «Der Wagner wurde manchmal spöttisch Chrumhölzler genannt. Gerade Werkstücke waren in seiner Werkstatt selten. Und wenn einmal etwas gerade war, wurde es verziert. Wagner waren eben auch Ästheten.»
Das Geheimnis der Güllenfässer
Schon als kleiner Bub arbeitete Rolf Frei in der Werkstatt mit. Auf den Heuwagen nagelte er Bretter fest oder half seinem Vater beim Bau der grossen Güllenfässer. «Die Fässer entstanden aus sorgfältig ausgewähltem Fichtenholz. Zusammengehalten wurden sie von Eisenreifen, die wir ebenfalls passgenau anfertigten.»
Besonders eindrücklich blieb ihm das Konservieren der Güllenfässer in Erinnerung. Nachdem sie fertig gehobelt waren, wurden sie mit Hobelspänen gefüllt, die man anschliessend anzündete. Das Fass wurde rundum kontrolliert angebrannt. «Das war jedes Mal ein Erlebnis. Meine Mutter und ich standen auf der einen Seite, mein Vater auf der anderen. Es gab riesige Stichflammen.»
Der richtige Zeitpunkt zum Löschen entschied über den Erfolg oder Misserfolg. «Man durfte weder zu früh noch zu spät löschen.» Durch das Anbrennen wurde das Holz widerstandsfähiger gegen Fäulnis. Bei guter Pflege hielten die Fässer zwischen 30 und 50 Jahre. Das grösste Güllenfass, das sein Vater herstellte, hatte ein Fassungsvermögen von rund 2000 Litern. Die Arbeit in der Werkstatt weckte Rolf Freis Begeisterung für Holz. «Ich arbeitete gern mit dem Material.» Später entschied er sich deshalb für eine Schreinerlehre.
Als Eisen das Holz verdrängte
Mit der Industrialisierung begann der schleichende Niedergang des Berufs. Wagen mit Eisenkonstruktionen ersetzten die Holzwagen, später kamen Gummibereifung und industriell gefertigte Werkzeuge hinzu. «Plötzlich konnte man die Fahrzeuge im Freien stehen lassen. Holzwagen verfaulten dagegen im Regen», ergänzt Frei. Immer weniger Bauern und Landwirte brauchten einen Wagner.
Sein Vater reagierte auf die Veränderungen und übernahm zunehmend Holzarbeiten in Häusern. Täferdecken, Innenausbauten oder Stalltüren gehörten zum Alltag. Als die ersten Spanplatten aufkamen, musste er erneut umdenken. «Als er seine erste Stichsäge kaufte, waren wir alle begeistert.»
Ganz verschwand die Wagnerei dennoch nicht. Als kaum noch landwirtschaftliche Aufträge eingingen, brachte ein Oldtimerrestaurator historische Wagen zur Reparatur. «Die alten Fahrzeuge faszinierten uns Kinder natürlich.» Rudolf Frei ersetzte verfaulte Holzteile und reparierte, wenn auch mit mässiger Begeisterung, die aufwendigen Holzspeichenräder.
Ein Handwerk lebt im Museum weiter
Bis heute finden sich Spuren des familiären Schaffens in Maschwanden. Holzbrücken über den Haselbach und die Lorze tragen ebenso ihre Handschrift wie zahlreiche Stalltüren und -fenster. Vieles davon erfüllt seinen Zweck bis heute.
Für Rolf Frei liegt eine Botschaft des alten Handwerks im bewussten Umgang mit den Werkstoffen und Materialien. «Man muss die verschiedenen Holzarten kennen und wissen, welche sich für welchen Einsatz eignen.» Ebenso wichtig sei der Sinn für Gestaltung. «Wenn man einen alten Holzwagen anschaut, sieht man sofort, wie präzise und kunstvoll die Arbeiten ausgeführt wurden.»
Im Ortsmuseum Maschwanden wird dieses Wissen bewahrt. Dort sind Werkzeuge, Buchhaltung, Lehrbrief und eine von Rudolf Frei gefertigte Lehrlingsabschlussarbeit – ein kunstvoll gefertigtes Holzrad – erhalten geblieben. Sie erinnern an ein Handwerk, das einst für jedes Bauerndorf unverzichtbar war und heute fast vollständig verschwunden ist.
Vergangene Arbeitswelten
Viele Berufe, die einst den Bezirk prägten – vom Bahnhofvorstand über den Weber bis zum Schmied – sind heute verschwunden. In dieser Serie werden ihre Geschichten wieder lebendig. Die Beiträge basieren auf historischen Quellen (Archivmaterial und Fachliteratur) und lokalen Überlieferungen. (red)








