Globale Drohnentechnologie im Reppischtal
Wenn die Drohne Wache hält: Blick hinter Stallikons Hightech-Kulissen
Wer durch die ruhigen, grünen Landschaften von Stallikon fährt, geniesst meist den Blick auf weite Felder, dichte Wälder und den idyllischen Rand des Albis. Es ist eine Kulisse, die von Schweizer Tradition und Entschleunigung spricht. Doch im «Diebis», der Gewerbezone der Gemeinde, ist ein technologischer Wandel im Gange, der weltweit Aufmerksamkeit erregt. Hinter einer unauffälligen Fassade schlägt das Herz von Sunflower Labs, einem Unternehmen, das von hochkarätigen Silicon-Valley-Investoren unterstützt wird und die Regeln der Sicherheitsbranche durch fortschrittliche, autonome Drohnentechnologie grundlegend neu schreibt.
An der Spitze dieses Unternehmens steht Alex Pachikov. Wer den CEO trifft, spürt sofort den «Silicon Valley Spirit». Alex ist ein visionärer Unternehmer, der bereits als Mitbegründer von Evernote digitale Geschichte geschrieben hat. Doch während er früher versuchte, das menschliche Gedächtnis digital zu organisieren, widmet er sich heute der physischen Anwendung des autonomen Fliegens. Obwohl der juristische Hauptsitz des Unternehmens in Kalifornien bleibt, ist Stallikon weit mehr als nur eine Zweigstelle. Es ist das Forschungs- und Entwicklungszentrum (F&E) der Firma. Wie Alex es einfach ausdrückt: Viele Menschen kommen jeden Tag hier vorbei, ohne zu merken, dass genau hier Technologie mit globaler Reichweite entwickelt und hergestellt wird.
Der «fliegende Sicherheitswächter»
Die Technologie ist so elegant wie logisch: Alex nennt das System einen «fliegenden Sicherheitswächter». Während herkömmliche Drohnen mühsam von Hand gesteuert werden müssen, arbeitet Sunflower Labs völlig autonom. Der Nutzer legt lediglich den Patrouillenplan fest; den Rest erledigt die Technik. Die Drohne hebt selbstständig ab, überwacht das Areal aus der Vogelperspektive und meldet Unregelmässigkeiten in Echtzeit direkt aufs Smartphone – Sicherheit auf Knopfdruck.
Das System nutzt das «Bee & Hive»-Prinzip: Bei Alarm startet die Drohne (Bee) vollautomatisch aus ihrer Station (Hive). Sie streamt Live-Bilder vom Geschehen und kehrt nach dem Einsatz zur punktgenauen Landung und zum Laden zurück. Dieser völlig autarke Prozess, in der Fachwelt als «Drone-in-a-Box» bekannt, revolutioniert die Überwachung grosser Areale, da kein Mensch mehr vor Ort sein muss.
Warum Stallikon?
Für viele Leser mag es überraschend klingen, dass ein Unternehmen, das von Grössen wie Sequoia Capital finanziert wird, das ruhige Stallikon als Basis wählt. Doch für Alex und seine Schweizer Mitbegründer war die Wahl in erster Linie praktischer Natur. «Wir brauchten einen Ort, an dem wir unser System realistisch testen können», sagt Alex. Tests in einem dichten städtischen Umfeld sind schwierig: Es gibt mehr Hindernisse, engere Grenzen und höhere Risiken. Stallikon hingegen bietet offenes Gelände und weniger Risikozonen und ist dennoch nah genug an Zürich für Pendler und Logistik. Diese Kombination ermöglicht lange Testflüge in mehrere Richtungen, ohne dass die Testaktivitäten inmitten dichter Wohngebiete stattfinden müssen.
Das Wetter als Entwicklungsvorteil
Ein weiterer Grund, den das Unternehmen hervorhebt, ist das Schweizer Wetter etwas, worüber sich viele Technologiefirmen eher beklagen. Sunflower Labs sieht es als strategischen Vorteil. Regen, Wind, Schnee und die bissige «Bise» bieten eine breite Palette an Bedingungen, die eine Sicherheitsdrohne meistern muss, wenn sie weltweit eingesetzt werden soll. «Wenn das Produkt in verschiedenen Regionen funktionieren soll, muss es unter verschiedenen Bedingungen zuverlässig arbeiten», sagt Alex. Windverhalten und Wintertauglichkeit sind zentrale Testthemen, und Stallikon liefert diese Vielfalt von Natur aus. Wenn eine Drohne bei Schneefall im Reppischtal sicher landen kann, ist sie auch für einen Sturm in Chicago oder Berlin gerüstet.
Ein Standort, viele Funktionen
Sunflower Labs betreibt seinen Standort in Stallikon seit 2021. Das Gebäude ist ein «lebendes Labor», das nicht nur für Forschung und Entwicklung, sondern auch für die Produktion genutzt wird. Jeder Raum dient als Werkstatt oder Testzone. Laut Alex werden auch Montage, Verpackung und Versand vor Ort abgewickelt: ein Set-up, das darauf abzielt, die Entwicklungszyklen kurz zu halten: bauen, testen, anpassen und erneut testen.
Das Unternehmen beschäftigt derzeit rund 47 Mitarbeiter, davon etwa 28 in Stallikon. Das Team ist hochgradig international, mit Spezialisten aus ganz Europa und den USA, von denen viele über Schweizer Universitäten wie die ETH Zürich zum Unternehmen stiessen. Während die juristische Einheit in Kalifornien registriert ist, fungiert der Betrieb in Stallikon als lebenswichtiger technischer Kern.
KI als Beschleunigungsfaktor
Technisch gesehen ist das System um künstliche Intelligenz (KI) herum aufgebaut. Während frühere Drohnen auf eine einfache Objekterkennung setzten, argumentiert Alex, dass neuere KI-Modelle den Kontext unterstützen: das Erkennen von Anomalien und das Interpretieren von Verhaltensmustern. KI verändert auch die internen Arbeitsabläufe in Stallikon. Das Unternehmen nutzt Werkzeuge, die das Prototyping und die Dokumentation beschleunigen und so eine schnellere Schleife zwischen einer Idee und ihrer Umsetzung schaffen. Seiner Ansicht nach erfordert das Tempo des Wandels ständiges Lernen; Werkzeuge entwickeln sich zu schnell für «Set-and-Forget»-Routinen.
Einsätze in der CH und im Ausland
Heute ist das Unternehmen in fast zehn Ländern tätig. In der Schweiz nutzen Organisationen wie die SBB, Swisscom und Armasuisse das System zum Schutz kritischer Infrastrukturen.
Für die Bewohner von Stallikon bleibt die Arbeit meist unsichtbar. Dennoch fungiert die Gemeinde als erstklassiges technisches Umfeld. Stallikon ist nicht nur eine Kulisse; es ist ein grundlegender Teil der Entwicklungslogik. Oder, wie Alex es beschreibt, ein Ort, der «genau richtig zum Nachdenken und genau richtig zum Testen» ist.






