Neues Feuer, altes Handwerk

Wie Daniel Hedinger Tradition und Innovation zusammenschmiedet

Einst war die Kunstschmiede Hedinger eine Ein-Mann-Werkstatt. Heute beschäftigt Daniel Hedinger acht Mitarbeitende in seinem Betrieb. (Bild Deviprasad Rao)
Einst war die Kunstschmiede Hedinger eine Ein-Mann-Werkstatt. Heute beschäftigt Daniel Hedinger acht Mitarbeitende in seinem Betrieb. (Bild Deviprasad Rao)

Als Daniel Hedinger 2019 die Kunstschmiede seines Vaters übernahm, war er 31 Jahre alt – jung für die Verantwortung, die nun auf ihm lastete. Ein Betrieb, den sein Vater über vierzig Jahre lang allein aufgebaut hatte, ging in wenigen Monaten in neue Hände über. Kein sanfter Übergang, sondern ein Sprung: von Angestelltem zu Geschäftsführer, von Sohn zu Chef seines eigenen Vaters. Heute, sechs Jahre später, spricht er von «Herzblut», wenn er über seine Arbeit erzählt. Der Weg dorthin war nicht geradlinig.

Der jüngste von drei Söhnen

Daniel war der jüngste von drei Brüdern. Da seine älteren Geschwister sich nicht für den Metallbau interessierten, fühlte er sich «ein bisschen verpflichtet», das Familienunternehmen dereinst weiterzuführen. Er absolvierte eine klassische Metallbau-Lehre im Nachbardorf Stallikon – reiner Metallbau, ohne Kunstschmiedearbeit – und liess sich anschliessend zwei Jahre berufsbegleitend zum Werkstatt- und Montageleiter ausbilden.

Der Weg zur Schmiede war nicht sein eigener Plan. «Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich unbedingt selbstständig werden will», erinnert er sich. Erst ein epileptischer Anfall Mitte zwanzig, der einmalig blieb, brachte ihn dazu, sich neu zu orientieren. Er begann die Meisterschule, zunächst als Absicherung. Während der Ausbildung reifte der Entschluss, weiterzuführen, was sein Vater aufgebaut hatte. Innerhalb eines halben Jahres stieg er ein – für seinen Vater, wie er sagt, «relativ unvorbereitet».

Von der Pflicht zur Leidenschaft

Am Tag der Übernahme sei er «sehr leicht in die neue Atmosphäre eingestiegen», erzählt Daniel. «Im ersten Jahr bist du auf Wolke sieben. Ich habe etwas geschafft, wo wenige Hände in meinem Alter hingekommen sind.» Die Ernüchterung kam bald darauf.

Die emotionale Wende kam erst später, etwa 2020/21: «Vorher war es ein bisschen Pflicht, Geld zu verdienen.» Entschieden hat er sich für den Erhalt der Tradition, kombiniert mit Offenheit für neue Technologien. «Das soll unsere Kernkompetenz werden», sagt er.

Die Zusammenarbeit mit dem Vater war nicht immer einfach. «Die Herausforderung war, dass er mein Vater ist», sagt Daniel. Anerkennung sei eher selten direkt ausgesprochen worden: «Mein Vater ist nicht bekannt dafür, dass er Lob leichtfertig verteilt.» Entscheidend war ein gemeinsames Coaching, das Daniel zur Bedingung für die Übernahme gemacht hatte: ein Jahr lang, einmal monatlich.

Tradition und Moderne vereinen

Daniel sieht sich selbst als «Transporteur einer Formsprache in die nächste Generation». Traditionelles Schmiedehandwerk soll auch in moderner Architektur seinen Platz finden – nicht als Kopie vergangener Stile, sondern in neuen Formen. Das grösste Hindernis sieht er im fehlenden Wissen der Planenden: «Chromstahl ist nicht die einzige Option – man könnte auch geschmiedeten Stahl in Betracht ziehen.»

Auch beim Gestalten braucht es Zeit: «Kreativität kommt bei mir wirklich im Moment. Wenn Kreativität auf Knopfdruck kommen muss, wird es schwierig.» Ideal seien drei, vier Wochen, in denen ein Entwurf reifen kann.

Gleichzeitig treibt er den technologischen Wandel voran: 3D-gedruckte Metallteile, Handlaserschweissen für feine, schnelle Nähte, neuste Pulsfrequenzschweisstechnik für Bronze und Messing. «Da ist die Technologie sehr, sehr weit vorne», sagt er – Werkzeuge, die klassische Verfahren ergänzen, nicht ersetzen.

Wachstum mit Mass

Von einer Ein-Mann-Werkstatt ist die Kunstschmiede Hedinger heute ein Betrieb mit acht Mitarbeitenden gewachsen, darunter zwei Lehrlinge. Die grösste Hürde war psychologischer Natur: die Angst seines Vaters, Personal einzustellen. «Das war der grösste Schlüssel, den ich lösen musste», sagt Daniel. Heute ist die Werkstatt am Standort voll ausgelastet – der nächste Schritt sei die Suche nach zusätzlichen Hallenflächen.

Der Blick des Vaters

Oski Hedinger, der die Kunstschmiede 1979 gegründet hat, blickt auf die Übergabe zurück – mit Stolz und leiser Skepsis: «Ich staune, wie Daniel den Laden schmeisst. Auch, wie er nach Rückschlägen wieder aufsteht und schaut, dass es weitergeht.» Besonders die Innovationsfreude seines Sohnes habe ihn überrascht – «auch, wenn es aus meiner Sicht manchmal vielleicht sogar etwas zu viel ist», wie er einschränkend hinzufügt. Doch gerade das zeige, wie viel Freude am Handwerk vorhanden sei.

Für ihn selbst ist die Schmiede längst mehr als Beruf: «Die Kunstschmiede ist nicht nur mein Beruf, sondern auch mein Hobby.» Die Zusammenarbeit mit seinem Sohn beschreibt er als Glücksfall: «Ich finde es ehrlich cool, mit Daniel zusammen schaffen zu dürfen, dass wir uns in dieser besonderen Konstellation so gut gefunden haben und dass wir immer noch so gut miteinander auskommen.»

Nachwuchs für das Feuer

Was Daniel besonders beschäftigt, ist der Fachkräftemangel im Schmiedehandwerk. Ausgebildete Metallbauer, die zum Schmieden wechseln möchten, haben praktisch keine Möglichkeit dazu – ausser über eine komplette Zweitlehre. Sein Wunsch: ein halbjähriger Grundkurs für Quereinsteiger. «Sonst haben wir in dreissig Jahren niemanden mehr am Feuer, der arbeitet.»

Den eigenen Lehrlingen gibt er zwei Grundsätze mit: Qualität vor Effizienz – «wenn Qualität nicht stimmt, kann man nicht schneller werden» – und die Empfehlung, nach der Lehre möglichst viele Betriebe kennenzulernen, bevor man sich festlegt.

Mit der Serie Unternehmerinnen und Unternehmer stellt der Anzeiger in lockerer Folge Unternehmerpersönlichkeiten vor und würdigt damit deren Engagement für den Wirtschaftsstandort Knonauer Amt. (red)

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