Nicht einfach ein beliebiger Arbeitsplatz: «Im Spital geht es immer um Menschen»
Levin Wigger absolviert im Spital Affoltern seine Ausbildung zum Kaufmann EFZ Gesundheit

Der erste Eindruck bei der Begegnung mit Levin Wigger ist eindeutig: Dies wird ein Gespräch mit jemandem, der gerne auf Leute zugeht und gut kommunizieren kann. So hat er es sich auch nicht nehmen lassen, den Besuch vom «Anzeiger» gleich selbst am Empfangsschalter des Spitals Affoltern abzuholen. «Wir sind hier auf der Personalabteilung, dies ist schon meine vierte Abteilung, die ich durchlaufe», erklärt der 17-jährige KV-Lernende bei der Ankunft an seinem Arbeitsplatz im Verwaltungstrakt des Spitalkomplexes. Er ist im «Schlussspurt» seines zweiten von insgesamt drei Lehrjahren, sein Ausbildungsplan hat ihm auch schon mehrmonatige Aufenthalte auf der Patientenadministration, am Empfang und im Beschaffungswesen (Einkauf) ermöglicht.
Vertrauen des Arbeitgebers lässt Junge in Ausbildung wachsen
Helles Tageslicht fällt auf Levins aufgeräumt wirkenden Schreibtisch, der nicht etwa von Aktenstapeln, sondern allein von zwei grossen Bildschirmen beherrscht wird. Dennoch gibt es auch hier Tätigkeiten, die noch mit Papier zu tun haben: «Vorhin habe ich gerade Unterlagen eingescannt, dies muss einmal wöchentlich gemacht werden», führt der angehende Kaufmann aus und deutet auf den Scanner in der Ecke. Es gehe bei diesen Routinetätigkeiten beispielsweise um Eintritte, die im Computersystem erfasst werden müssen. «Hier auf der Personalabteilung einen vertieften Einblick in die Lohnbuchhaltung und in andere Bereiche zu erhalten, mit denen auch innerhalb des Betriebs nur wenige Mitarbeitende zu tun haben, ist spannend für mich», resümiert Levin Wigger. Das Vertrauen, das in ihn gesetzt wird, lässt ihn sprichwörtlich wachsen. Denn alle hier wissen: Den professionellen Umgang mit Daten, die Verschwiegenheit erfordern, hat er bereits in seiner ersten Abteilung, der Patientenadministration, bei der täglichen Arbeit einüben können.
Die überbetrieblichen Kurse sind nahe an der Praxis
Unterscheidet sich seine KV-Lehre wesentlich von derjenigen in anderen Branchen? «Beim KV im Gesundheitswesen besucht man die ‹normale› kaufmännische Berufsschule beim Escher-Wyss-Platz in Zürich, nur die branchenspezifischen, ÜK genannten überbetrieblichen Kurse finden bei uns in den Räumlichkeiten der Pädagogischen Hochschule beim Zürcher Hauptbahnhof statt», antwortet der junge Mann. «Diese überbetrieblichen Kurse sind nahe an der Praxis, ich kann die Dinge, die ich gelernt habe, oftmals direkt anwenden bei uns im Spital, beispielsweise in der Patientenadministration», stellt er fest. Es gehe dabei nicht um Medizinisches wie etwa die Wirkung von Medikamenten, sondern um kaufmännische Themen, was zum Beispiel auch die Aufteilung der Kosten bei einer Spitalrechnung beinhalten kann. In seinem Ausbildungsbetrieb, dem Spital Affoltern, geniesst er momentan noch seine Tätigkeit in der HR-Abteilung, bevor es für ihn schon bald ins Rechnungswesen und am Schluss seiner Lehre auch noch ins Marketing geht. Auf die Frage, welcher Bereich für ihn bisher am spannendsten war, fallen dem Lernenden gleich mehrere Abteilungen ein: «Am Empfang hatte ich mit den Leuten persönlich zu tun, dies hat mir sehr gefallen.» Herausfordernder seien dabei anfangs die telefonischen Kontakte gewesen: «Im Namen des Betriebs irgendwo anrufen und etwas einfordern, das muss schon zuerst eingeübt werden», blickt er auf diese Zeit am Anfang seiner Lehre zurück.
Für Entscheidungsfindung war ein Einblick in viele Berufsfelder nötig
Als Kind habe er nie einen eindeutigen Berufswunsch gehabt, ausser vielleicht, vor einer Kamera zu stehen und Sport zu kommentieren, berichtet der in Bonstetten wohnhafte angehende Kaufmann. Diese Präferenz zu Medienberufen hat sich bei ihm später wieder verloren, nicht aber seine Ambitionen im Sport: Levin Wigger ist im Streethockey äusserst erfolgreich und hat auf Kaderstufe sogar schon an einer Weltmeisterschaft teilgenommen. In Sachen Berufswahl hingegen sei bei ihm noch während seiner Schulzeit an der Sek A ein breites Spektrum von Ausbildungen infrage gekommen, was sich auch an seinen zahlreichen absolvierten Schnupperlehren zeige. Diese fanden in so verschiedenen Berufsfeldern wie Elektroinstallateur (zwei Schnupperlehren), Automatiker, Polymechaniker sowie KV (drei Schnupperlehren) statt. «Am Schluss habe ich mich dann auf die KV-Ausbildung fokussiert und mich nur für diesen Beruf beworben», so der Lernende. Nach einem erneuten Probeschnuppern sei es dann rasch gegangen mit der Zusage vom Spital Affoltern, die er mit Freude entgegengenommen habe. Gibt es etwas, was man unbedingt wissen sollte, bevor man sich für diesen Ausbildungsweg entscheidet? «Vom Betrieb her fällt mir gar nichts Negatives ein, vom Beruf als Kaufmann im Allgemeinen muss man sich bewusst sein, dass die Arbeit auch mal etwas eintöniger ausfallen kann», lautet hier die Antwort. Angst, dass sein erlernter Beruf schon bald der künstlichen Intelligenz zum Opfer fallen könnte, hat Levin Wigger nicht. «Ich mache mir schon Gedanken darüber, auch dazu, dass ich später vielleicht einmal zu einem Berufswechsel gezwungen sein könnte, aber ich denke, im Gesundheitswesen wird es noch länger dauern, bis diese Technologie voll durchschlägt, allein schon wegen des Umgangs mit den zahlreichen vertraulichen Daten», so seine Einschätzung. Sehr dankbar zeigt sich der Lernende dem Spital Affoltern gegenüber, dass es seine sportliche Laufbahn ebenso unterstützt wie seine sprachliche Weiterbildung: «Ich war vom KV aus jüngst eine Woche in Malta für einen Sprachaufenthalt und erhielt dafür vom Betrieb zusätzliche Ferien», erzählt er sichtlich zufrieden.
«Wir brauchen offene Menschen für die Berufe im Spital»
«Wenn man das KV im Gesundheitswesen absolvieren möchte, sollte man kommunikativ sein, man muss auf Menschen zugehen können und darf keine Scheu haben», betont Eliane Pürro, Leiterin Bildung im Spital Affoltern und Ausbildungsverantwortliche für Levin Wigger. Des Weiteren seien vernetztes Denken, Interesse für die Materie Gesundheit und durchaus auch der Wille, sich über aktuelle Entwicklungen zu informieren und politisch eine Meinung zu bilden, ein wichtiger Bestandteil. «Bei der Rekrutierung wird darauf geachtet, ob wir es mit einem offenen Menschen ohne Berührungsängste zu tun haben», so Eliane Pürro weiter. Man dürfe bei einer Ausbildung im Gesundheitsbereich auch keine Angst davor haben, unter anderem Dinge im Zusammenhang mit dem Thema Tod bearbeiten zu müssen (im kaufmännischen Bereich geht es hier um Administratives), und man müsse ein Gespür und Verständnis für die Menschen und ihre Bedürfnisse haben. Wer diese Voraussetzungen erfülle, den erwarte beim KV im Spital eine erfüllende und bereichernde Ausbildung.
In dieser Serie stellt der «Anzeiger» in unregelmässigen Abständen Lernende aus der Region vor. (red)


