Der Osterhase

Pfarrerin Irene Girardet Fischer aus Hausen macht sich Gedanken zum baldigen Osterfest

«So wie ein junges Küken, das aus der harten Schale herausschlüpft, kann es auch uns im Leben widerfahren, dass wir wieder zurückfinden in die Verbundenheit und in die Lebensfreude», sagt Pfarrerin Irene Girardet Fischer. (Bild zvg)

«So wie ein junges Küken, das aus der harten Schale herausschlüpft, kann es auch uns im Leben widerfahren, dass wir wieder zurückfinden in die Verbundenheit und in die Lebensfreude», sagt Pfarrerin Irene Girardet Fischer. (Bild zvg)

Was genau feiern wir an Ostern? Die Flut an Schokolade und Zuckerwaren in allen Formen und Variationen, Osterhasen, Osterküken, Pralineneier, die schon Wochen vor dem Fest in den Läden die Verkaufsregale füllen – sie sagen nicht viel über den tieferen Sinn von Ostern aus. Aber auf der symbolischen Ebene lassen sich durchaus Bezüge herstellen.

So ist zum Beispiel der Hase aufgrund seiner enormen Reproduktionsfähigkeit ein Symbol für Fruchtbarkeit. In der Antike war er nicht nur als Geschenk unter Liebespaaren beliebt, er wurde bisweilen auch Toten mit ins Grab gegeben oder auf Sarkophagen abgebildet. Als Inbegriff der gejagten Kreatur, der das Überleben durch zahlreiche Nachkommenschaft aber trotzdem immer gelingt, symbolisierte er im Altertum das überschiessende Leben, das den destruktiven Kräften trotzt.

Die Osterbotschaft

Und das passt gut zur Osterbotschaft: Jesus, der gefangen genommen, gefoltert und gekreuzigt wurde, er ist vom Tode auferstanden. Nach der tiefen Nacht der Trauer und Verzweiflung, die an Karfreitag ihren Ausdruck findet, erwacht bei aufgehender Sonne, wenn die Frauen, die Jüngerinnen Jesu, am Ostermorgen das Grab aufsuchen und es leer vorfinden, neu Hoffnung, Lebensmut und Freude.

«Du hast mich heraufgeholt aus dem Totenreich, zum Leben mich zurückgerufen von denen, die hinab zur Grube fuhren», so heisst es im Psalm 30. «Am Abend ist Weinen, doch mit dem Morgen kommt Jubel.» Diese Worte, die einige Jahrhunderte vor Christus aufgeschrieben wurden, sind ein Zeugnis für die zutiefst menschliche Erfahrung, dass wir auch aus den schlimmsten Tiefen von Trauer und Hoffnungslosigkeit wieder zurück ins Leben finden können. Und dass dies eine überwältigende, von Dankbarkeit getragene Erfahrung sein kann.

Das aufgebrochene Grab

«Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?», fragen im Markusevangelium die Frauen, die am Ostermorgen den Leichnam Jesu mit wohlriechenden Ölen salben möchten. Und sie sehen dann, dass der grosse, schwere Stein wie durch ein Wunder bereits weggewälzt ist. Das Grab ist gesprengt.

Dass Gräber gesprengt werden, das kann uns auch mitten im Leben widerfahren. Gräber aus Gewohnheiten, festgefahrenen Meinungen, schlimmen Vorahnungen, chronischem Pessimismus, Vorurteilen, in die wir uns, ohne es zu merken, immer tiefer einspinnen. Paradoxerweise können es gerade Krisen sein, die uns helfen, aus solcher selbstgezimmerten Enge wieder auszubrechen.

Ein Schicksalsschlag, eine Krankheit, ein Ereignis, das uns aus dem Lot bringt, kann uns plötzlich die Augen und das Herz wieder öffnen für die Tiefe und das Wunder des Lebens. Was verhärtet war, weicht auf, wir werden durchlässiger und empfänglicher für das, was an Gutem und Heilvollem rund um uns herum blüht.

Das Osterei

So wie ein junges Küken, das aus der harten Schale herausschlüpft, kann es auch uns im Leben widerfahren, dass wir nach einer Zeit, in der wir, wie in uns selber eingeschlossen und vom Leben abgetrennt waren, wieder zurückfinden in die Verbundenheit und in die Lebensfreude. Als Sinnbild für aufgebrochene Gräber und gesprengte Korsette ist das Tütschen von Eiern an Ostern ein schöner Brauch. Die harte Schale geht in die Brüche. Das Leben als überschiessende Kraft findet aus jedem Gefängnis, aus jeder unterirdischen Tiefe den Weg ans Licht, auch wenn die Bedrohung noch so gross, der Horizont noch so düster, die Weltlage noch so hoffnungslos erscheinen mag. Das erfahren wir jedes Jahr wieder im Frühling, wenn überall die Knospen aufbrechen.

Widerstand gegen dunkle Mächte

An Ostern malen wir die Eier bunt und lachen den Mächten, die uns die Lebensfreude nehmen, uns klein und mutlos machen, uns nach dem Leben trachten wollen, ins Gesicht. Der Ausruf «Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!» erklingt in unzähligen Kirchen weltweit als Ausdruck des Widerstands gegen die dunklen, despotischen Mächte des Todes und als Zeugnis für die unbesiegbare Macht des Lebens und der Liebe.

Frohe Ostern!

Pfarrerin Irene Girardet Fischer, Hausen

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