«Ich mit Badehose? Ist doch lustig»
Stephan Lichtsteiner aus Wettswil spricht über seinen schwierigen Einstieg beim FC Basel

Knapp sieben Wochen ist Stephan Lichtsteiner Trainer des FC Basel. Die Bilanz fällt bisher ernüchternd aus. Von zehn Spielen konnten nur drei gewonnen werden, und sämtliche Saisonziele wurden verspielt. In Basel fremdeln die Fussballinteressierten mit der emotionsgeladenen Art des neuen Chefs und seiner bisweilen merkwürdigen Kommunikation. Mit 17 Titeln ist Lichtsteiner zwar der erfolgreichste Schweizer Fussballer, als Trainernovize kam er aber direkt aus dem Amateurfussball von Wettswil-Bonstetten nach Basel, wo der 42-Jährige einen Vertrag bis 2029 hat.
Haben Sie sich mit dem Job beim FC Basel zu viel zugemutet?
Stephan Lichtsteiner: Nein, finde ich nicht. Ich wusste, welche Szenarien möglich sind. Fussball gibt dir keine Garantie, dass ein Plan sofort funktioniert. Es wurde erwartet, dass wir sofort liefern und ich die Mannschaft direkt zurück in die Erfolgsspur bringe. Doch das war bei dieser Konstellation nicht möglich. Wir hatten Verletzungen, Sperren, Transfers und unglückliche Episoden in entscheidenden Spielsituationen.
Statt in die Erfolgsspur zu finden, mündete Ihre erste Woche in drei niederschmetternden Niederlagen, dem Aus in zwei Wettbewerben und aussichtslos zurückgeworfen im Meisterrennen. Es muss für Sie wie ein Albtraum gewesen sein.
Ich habe in meiner Karriere genügend oft verloren, dass ich da nicht schlecht schlafe. Ich wusste, worauf ich mich einlasse, auf diesem Level musst du liefern. Aber ich liebe diesen Job, auch wenn er gerade extrem anstrengend ist. Und ja: Wenn es schiefläuft, bin am Ende ich es, der eine Woche lang unten durch muss.
Das war häufiger der Fall, als Ihnen lieb sein kann.
Dennoch will ich festhalten, dass wir bis auf das Spiel in St. Gallen mit etwas Wettkampfglück auch mehr Partien hätten gewinnen können. Um langfristig wieder erfolgreicher zu sein und dominanten Fussball zu spielen, braucht es Zeit. Ich habe diesen Weg bewusst gewählt. Er ist hart, eine enorme Herausforderung, aber auch eine riesige Chance.
Der Schritt vom viertklassigen Wettswil-Bonstetten zum FC Basel wirkt für Aussenstehende riesig. War er das auch für Sie?
Nicht wirklich. Ich habe als Spieler auf einem noch mal anderen Level Erfahrungen gesammelt. Klar: Spieler ist nicht gleich Trainer. Aber du nimmst extrem viel mit. Was aber stimmt, ist, dass es für mich eine grosse Herausforderung ist. Und: Kurzfristiger Erfolg wäre schön, aber wir reden über ein langfristiges Projekt. Mich motiviert genau das: den FCB wieder dahin zu bringen, wo er früher war.
Was haben Sie in den ersten Wochen gelernt?
Mein Ziel ist maximaler Erfolg. Dafür lerne ich aus jeder Erfahrung. Wir hinterfragen alles. Trainingsgestaltung, Matchführung, Wechsel und viele andere Details. Nach jedem Spiel frage ich mich: Hättest du etwas anders machen sollen? Vielleicht machst du es im nächsten anders. Aber ich bin, wie ich bin. Ich werde mich nicht verbiegen, damit ich allen gefalle.
Was entgegnen Sie Kritikern, denen Ihre Kommunikation in Luzern oder in St. Gallen nicht gefallen hat?
In Luzern hatten wir eine Woche Zeit zur Vorbereitung und ich war mit dem Mindset nicht zufrieden, weil wir unsere Pläne nicht umgesetzt haben. Deswegen habe ich die harten Worte gewählt. In St. Gallen habe ich mich schützend vor das Team gestellt, weil ich gesehen habe, dass die Spieler zwar wollten, aber schlicht nicht mehr konnten. Schlussendlich sage ich alles aus einem gewissen Grund.
Wurde Ihre Aussage, die warmen Temperaturen hatten einen Einfluss auf die schwache Leistung, missverstanden?
Ich sagte, dass wir von starken St. Gallern 30 Minuten lang überfahren wurden, und habe dann versucht zu erklären, warum das so war. Das lag zum Grossteil am Gegner, aber auch an der Belastung meines Teams. Ich kenne es aus eigener Erfahrung, dass der Körper auf Temperaturanstiege unterschiedlich reagieren kann. Das war keine Ausrede, sondern ein Erklärungsversuch und bei manchen Spielern ein mögliches, kleines Zahnrädchen des Ganzen.
Wie finden Sie die Fotomontage, die Sie in Badehose am Spielfeldrand zeigt?
Das ist alles okay. Die finde ich sogar so lustig, dass ich sie mir im Büro einrahmen werde. Problematisch finde ich es erst nur, wenn der Respekt verloren geht.
Gab es schon Momente, in denen Sie dachten, der eigentlich vorgesehene Weg über die Basler U21 oder einen kleineren Klub wäre sinnvoller gewesen?
Natürlich gäbe es andere Wege. Aber dieses Angebot kam jetzt, und ich wollte diese Chance packen. Ich kam jedoch nicht hierher und dachte, ich bringe die Maschine sofort zum Laufen. Ich habe die Spiele vorher verfolgt, die Probleme gesehen und wusste: Nicht alles ist kurzfristig lösbar. Trotzdem sagte ich mir: Geh den harten Weg. Vollgas. Mein Fokus ist maximaler Erfolg für den FCB. Ich will mithelfen, dass Basel über Jahre wieder Geschichten schreibt, wie man es lange kannte. Das ist mein Ziel, mein Traum. Wenn es nicht klappen sollte, will ich in den Spiegel schauen können und sagen: Ich habe alles gegeben. Und ich gebe hier alles. Meine Arbeitstage sind lang.
Wie lautet das Ziel für den Rest der Saison?
Das Ziel muss ein europäischer Platz sein.
Also Dritter oder Vierter, wenn St. Gallen den Cup gewinnt.
Genau. Auch wenn wir aktuell Mühe haben, gegen Teams aus den Top 6 zu punkten, arbeiten wir daran, dass wir auch nächstes Jahr international spielen.
In Basel sind Ihre Ex-Nati-Kollegen Raphael Wicky und Alex Frei als Trainer gescheitert. Gab es mal einen Austausch?
Nein. Jede Situation ist neu. Auch erfahrene Trainer können scheitern. Der Job ist sehr anspruchsvoll, weil du für alles verantwortlich gemacht wirst. Darum ist es wichtig, dass ein Klub beurteilen kann, ob der Trainer richtig arbeitet, was er verantworten kann und was nicht. Es gibt zahlreiche Beispiele, die zeigen, dass sich Geduld, Entwicklung und ein klarer Plan lohnen können.
Geduld ist beim FCB traditionell ein knappes Gut.
Darum baue ich einfach jedes Jahr fix einen Jungen ein, der dem Klub später vielleicht mal ein paar Millionen einbringt. Spass beiseite: Wer im Fussball einen Trainervertrag unterschreibt, weiss, wie das Geschäft funktioniert. Und was für mich zählt: Wenn du nicht als Mannschaft spielst, hast du keinen maximalen Erfolg. Und genau deshalb steht bei mir das Team über allem.
Ist dieses Ideal auch mit Xherdan Shaqiri vereinbar, der ja defensiv auch nicht jeden Laufweg macht?
Shaq ist für mich der beste Spieler im letzten Drittel, welchen die Schweiz je hatte. Er kann jedes Spiel entscheiden. Aber er ist nicht mehr der Jüngste. Langfristig wird die Frage aufkommen, wer ihn ersetzt, wer seine Tore und Assists übernimmt. Aber im Hier und Jetzt ist er ein Spieler, der mit seinen Qualitäten den Unterschied jederzeit ausmachen kann. Was nicht heisst, dass die anderen nicht mehr Verantwortung übernehmen müssen.
Wenn Sie Ihren Vertrag erfüllen, werden Sie wohl Shaqiris Karriereende moderieren müssen. Wie gehen Sie das an?
Entscheidend wird sein, wie sein Körper aufs Alter reagiert. Das kann schnell gehen, aber er kann auch noch einige Jahre so weiterlaufen, wenn Verein und Spieler das wollen. Ich fokussiere mich auf diese Saison und die nächste. Da ist er wichtig, fast unverzichtbar. Aber beim FC Basel kann es nicht immer nur Shaq richten.
Sie sind bei elf Länderspielen mit David Degen auf dem Platz gestanden. Lernten Sie sich damals bereits schätzen oder wie kam es zur Zusammenarbeit?
Ich kenne Dave seit der Juniorennationalelf. Später habe ich eher mit seinem Bruder zusammengespielt. Als ich mit den Trainerdiplomen begann und einen Klub suchte, wo ich mich täglich weiterentwickeln kann, stiess ich bei David Degen auf offene Ohren und begann als U15-Trainer. Seine Strategie und sein Mut imponieren mir. Auch er kam in einer extremen Situation zum FCB und hat ihn finanziell stabilisiert. Dass er nicht nur Spieler, sondern auch Trainer entwickeln will, gefällt mir.
Was fehlt Ihnen noch zur Uefa-Pro-Lizenz?
Im April und Mai stehen noch zwei eintägige Stages an, und ich muss schauen, wie ich das organisatorisch löse. Im Juni folgen dann drei intensive Wochen in Italien und die Abschlussprüfung. Bei der Abschlussarbeit zum Thema «Wie KI Fussballtrainer unterstützen kann» geht es noch um den Feinschliff.
Wie hilft KI im Fussball?
Das ist ein hochspannendes Thema. Du kannst Spiele und Trainings aufnehmen und dank Skelettdaten der Spieler konkret analysieren, wer wo richtig oder falsch stand und welche Entscheidungen in welchen Momenten sinnvoll oder nicht waren. Die KI kann dir auch sagen, welche Spielertypen in welches Spielsystem passen und welche Taktik gegen welchen Gegner Erfolg versprechend ist. Wie in anderen Branchen auch kann man so extrem viel Zeit sparen.
Ist die KI also der Co-Trainer der Zukunft?
Das nicht, weil sie immer noch mit den richtigen Inputs gefüttert werden muss. Coachen muss der Trainer auch immer noch selbst, aber er kann dank KI schneller und präziser gewisse Dinge aufzeigen.
Wenn Ihre Arbeitstage zwölf Stunden haben: Fahren Sie jeden Tag nach Hause?
Meistens. Und wenn viel ansteht, übernachte ich auch mal im Hotel. Grundsätzlich sind es 50 Minuten von Basel nach Wettswil – und die nutze ich oft, um zu telefonieren, mit Trainern oder anderen Leuten.
Was machen Sie, wenn Sie nicht gerade an Fussball denken?
Im Moment bleibt fast keine Zeit. Aber ich versuche, eigene Trainingsreize zu setzen, beim Joggen oder Krafttraining, eine Stunde am Tag für mich. Und natürlich Zeit mit der Familie zu verbringen, mit meiner Frau und den beiden Kindern (15 und 11 Jahre alt, Anm. d. Red.). Du kannst nicht nur an die Arbeit denken. Irgendwann macht der Körper nicht mehr mit. Ich liebe den Job, aber meine Gesundheit ist es nicht wert, gar nicht mehr zu schlafen.
Sie sagten einmal, Sie könnten auch ein ziemlich netter Kerl sein. Wann zeigt sich das?
Dann hat es wahrscheinlich nichts mit Fussball zu tun (lacht). Wenn Fussball oder andere Wettkämpfe im Spiel sind, bin ich meistens weniger lieb. Aber diesem Hunger und diesem Ehrgeiz habe ich auch meine Karriere zu verdanken. Viele werden nach ein, zwei Titeln satt, aber es ist mein Anspruch, dieses Feuer immer beizubehalten. Und das ist Arbeit. Harte Arbeit.
Der erfolgreichste Schweizer Spieler
Stephan Lichtsteiner gewann in seiner Karriere 17 Titel, 14 davon mit Juventus Turin. Über Adligenswil und den FC Luzern wechselte er mit 16 Jahren in den Nachwuchs von GC, wo er später sein Profidebüt feierte und 2003 Schweizer Meister wurde. Es folgten OSC Lille, Lazio Rom und Juventus. Zum Abschied folgten noch eine Saison bei Arsenal und eine in Augsburg, ehe Lichtsteiner 2020 seine Karriere beendete. Für die Schweiz absolvierte er 108 Länderspiele und nahm an drei WM-Endrunden und zwei EM-Endrunden teil. Als Trainer lernte Lichtsteiner beim SC Kriens, der U18-Nati und im Nachwuchs des FC Basel, ehe er mit 1.-Ligist Wettswil-Bonstetten 2024 erstmals eine Männermannschaft übernahm. Im Januar 2026 folgte er beim FC Basel auf Ludovic Magnin. (jaw)


