Während andere am Rollator laufen, peilt er den nächsten OL-Posten an

Auch mit 93 ist der Mettmenstetter Walter Bickel sportlich unterwegs

Selbst im hohen Alter absolviert Walter Bickel noch zehn bis zwölf Wettkämpfe im Jahr. Auch seine Frau Margrit ist noch fit. (Bild Werner Schneiter)

Selbst im hohen Alter absolviert Walter Bickel noch zehn bis zwölf Wettkämpfe im Jahr. Auch seine Frau Margrit ist noch fit. (Bild Werner Schneiter)

Walter Bickel (links) auf dem Weg zum Schweizer Meistertitel 1961 in Bern.

Walter Bickel (links) auf dem Weg zum Schweizer Meistertitel 1961 in Bern.

Margrit Bickel, zweimal Schweizer Meisterin bei den «Damen 65». Inzwischen bestreitet sie keine Wettkämpfe mehr.

Margrit Bickel, zweimal Schweizer Meisterin bei den «Damen 65». Inzwischen bestreitet sie keine Wettkämpfe mehr.

1957 bestritt Walter Bickel als einziger Schweizer den 15-km-Lauf am Holmenkollen oberhalb von Oslo. (Archivbilder Familie Bickel)

1957 bestritt Walter Bickel als einziger Schweizer den 15-km-Lauf am Holmenkollen oberhalb von Oslo. (Archivbilder Familie Bickel)

Andere klagen in seinem Alter über Gebresten, sind womöglich an den Rollator gebunden und verbringen ihren Lebensabend in einem Alterspflegeheim. Walter Bickel aus Mettmenstetten, der im Frühjahr seinen 93. Geburtstag feierte, erfreut sich bester Gesundheit und bewegt sich jeden Tag, um fit zu bleiben als Orientierungsläufer. Zehn bis zwölf Wettkämpfe absolviert er jährlich auch im hohen Alter noch: zwangsläufig bei den «Herren 85», weil es darüber hinaus keine offizielle Kategorie mehr gibt und es in dieser Alterskategorie auch kaum mehr Teilnehmer gibt. «Die 85-Jährigen kann ich aber noch etwas ‹chuzle›», sagt er verschmitzt lächelnd.

1962 erfolgte die Heirat mit Margrit und die gemeinsame Übernahme eines Bauernbetriebes in Mettmenstetten, den sie bis Jahr 2000 bewirtschafteten. Drei Kinder sind aus der Ehe hervorgegangen. Walter Bickels Karriere ist in der Tat ein Unikat. Leistungssport, wie er ihn betrieben hat, ist heute kaum mehr vorstellbar. Er begann als Langläufer im Turnverein und in der Skiriege Mettmenstetten, bestritt Vereins- und Verbandsrennen – auch im alpinen Bereich. Gleichwohl stieg er hauptsächlich auf die schmalen Latten und lernte im Turnverein Unterstrass in Zürich Ernst Berger kennen, einen Teilnehmer an den Olympischen Spielen von 1936 mit guten Beziehungen zu Norwegen. So verschaffte er Walter Bickel eine Stelle in einem Landwirtschaftsbetrieb ausserhalb von Oslo, aber er fand auch Arbeit in einem Sportgeschäft in der Hauptstadt und konnte mit den besten Norwegern messen. Am berühmten Holmenkollen bestritt Walter Bickel als einziger Schweizer den 15-km-Lauf. Nach einjährigem Aufenthalt kehrte er 1959 nach Norwegen zurück. «Ich habe weiter Langlaufwettbewerbe bestritten und mit den Besten trainieren können, spürte aber, dass es für ganz vorne nicht reicht», hält Walter Bickel fest.

1961 Schweizer Meister

Parallel dazu bestritt er in der Leichtathletik als Sechs- und Zehnkämpfer Wettbewerbe, auch im Rahmen von Turnfesten – mit Erfolg in Form eines Kranzes beim Eidgenössischen. Bei seinem zweiten Aufenthalt in Norwegen sah der Leichtathletiktrainer des grössten Clubs in Oslo (BUL) bei Walter Bickel Potenzial als Hürdenläufer. «Probiere es doch mal», ermunterte er seinen Schützling beim Hallentraining. Und dieser «Schüler» verpasste 1960 bei den Schweizer Leichtathletik-Meisterschaften in Lugano die Bronzemedaille über 400 m Hürden nur um wenige Hundertstel. Parallel dazu bestritt Walter Bickel weiterhin Zehnkämpfe, aber der Höhepunkt folgte 1961 in Bern mit dem Titel über 400 m Hürden in 52,7 Sekunden – vor dem damals schweizweit Besten Bruno Galliker, später Sportreporter beim Schweizer Radio. Zu Walter Bickels sportlichen Meriten zählten auch zahlreiche Länderkämpfe, die in der Leichtathletik längst verschwunden sind. Trainiert hat er oft im Wald. Auf einem geraden Waldweg hat er Hürden aufgestellt und diese nach Gebrauch in der Waldhütte deponiert. Und oft ist er – jeweils einmal wöchentlich – mit der Vespa ins Sihlhölzli nach Zürich zum Training gefahren. «Oft ist Walter nach der Arbeit noch an den Rüssspitz gerannt», ergänzt Margrit Bickel, die manchmal den Stall auch allein besorgen musste, wenn Gatte Walter am OL-Start stand. Jährlich waren es bis zu 40 Wettkämpfe.

Die Titel hat er nie gezählt

Aber seine Leichtathletik-Karriere auf hohem Niveau dauerte nur rund zwei Jahre. Mehr und mehr rückte der OL in den Vordergrund. «Die Wettkämpfe zusammen mit meiner Frau haben aber nicht so recht funktioniert», fügt er lachend bei. Aber Ehefrau Margrit, mit 40 zum OL gestossen, wurde stets besser. Bei den «Damen 65» liess sie sich zwei Mal als Schweizer Meisterin feiern. Spitzenplatzierungen gab es auch in Skandinavien, Frankreich, Italien, Griechenland oder andernorts. Im Gegensatz zu ihrem Gatten bestreitet die heute 86-Jährige keine Wettkämpfe mehr. Und wie viele OL-Titel hat Walter geholt? «Das weiss ich nicht, ich habe nie gezählt», fügt er – bescheiden – bei. In Erinnerung geblieben ist aber sein dritter Platz an der Senioren-WM in La Chaux-de-Fonds.

Aktuell aber, da bewegt sich der 93-Jährige noch jeden Tag, joggend oder marschierend – mit Freude, sich in der Natur zu bewegen, wie beim OL. Von Gebresten keine Spur. Walter Bickel greift sich an die Gelenke und sagt: «Funktioniert noch alles.»

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