Vom Reiterstübli an die Spitze des Vierkampfs

Seit 1989 prägt Susanne Schelling den Birkenhof in Affoltern und bringt junge Talente zum reiterlichen Erfolg

Aus dem Schatten gibt Susanne Schelling ihre Reitstunden.

Aus dem Schatten gibt Susanne Schelling ihre Reitstunden.

Vainqueur de l’Hôta gehört genauso zum Vierkampf wie seine Besitzerin Susanne Schelling. (Bilder Selina Brodmann)

Vainqueur de l’Hôta gehört genauso zum Vierkampf wie seine Besitzerin Susanne Schelling. (Bilder Selina Brodmann)

Unter dem kühlen Schatten der Bäume auf der Terrasse vor dem Reiterstübli denkt Susanne Schelling bei einem Kaffee an die Zeit zurück, wo alles begann. «Meine Mutter hat fast einen Herzinfarkt gekriegt, als ich den Hof übernommen hatte», erzählt die Pächterin des Birkenhofs rückblickend. «Ich hatte aber bereits unterschrieben», fügt sie lächelnd hinzu. Die Faszination zum Pferd prägte Susanne Schelling schon früh. Bereits im jungen Alter kam sie durch ihren Vater mit den Tieren in Kontakt. Als Mädchen sass die kleine Susanne schon im Jurywagen der grossen Pferdeturniere. Zudem hörte man sie schon früh sagen: «Ich habe mal eine Reitschule und ein Restaurant.» Ihr Traum vom eigenen Hof mit Reitschule ging dann im Säuliamt in Erfüllung.

Der Traum der eigenen Reitschule

Seit 1980 wird der Birkenhof – der seinen Namen der wunderschönen Birkenallee verdankt – von Susanne Schelling betrieben. Viel Arbeit und Schweiss stecken hinter dem Projekt. Aus der alten Rinderscheune sollte etwas Grosses werden. Seit der Übernahme hat sich auf dem Hof in Affoltern einiges getan. Es wurden neue Ställe, Boxen und sogar ein Dressurviereck erstellt. Tatkräftige Unterstützung erhält Schelling von Freundinnen und Freunden, aber auch von zu Hause, obschon zu Beginn nicht alle Freude hatten. «Meine Mutter hat mir viel geholfen», erzählt Schelling rückblickend von dieser Zeit. Das Rezept für den feinen und geschätzten Hofeistee, welcher die Kinder durch die heissen Sommertage begleitet, stammt von Schellings Mutter und wird noch heute serviert.

Unzählige junge Reittalente gingen über die Jahre im Birkenhof ein und aus. Ihnen wurden der Umgang mit dem Pferd und die artgerechte Pflege vermittelt. Mit fleissigem Engagement helfen die Junioren auch im Stall mit. Dafür erhalten sie von Susanne Schelling die Möglichkeit, mit ihren Pferden zu trainieren. «Schaffe, schaffe, schaffe», so lautet das Motto der Reitlehrerin. Sei es mit dem Pferd oder an sich selbst. Seit über 45 Jahren unterrichtet Schelling schon Kinder, Jugendliche und wenige Erwachsene auf dem Birkenhof. Sie selbst war auch gerne und oft im Sattel. Susanne Schelling blickt positiv auf diese Zeit zurück. Sie war eine erfolgreiche Dressur-, Spring- und Militaryreiterin. Einen Sieg hat sie all diese Jahre gut in Erinnerung gehalten. «Ich weiss noch genau, als sie mich ausgerufen haben. Und die grosse Siegerin vom Knonauer Amt ist Susanne Schelling», schwärmt sie von diesem Moment. Ihr Leben dreht sich rund ums Pferd. 1983 machte sie das Vereinstrainerdiplom und da man dafür in einem Verein sein musste, gründete sie zeitgleich auch ihren eigenen Verein. Der Reitverein Birkenhof zählt heute rund 150 Mitglieder. Der Schwerpunkt des Vereins liegt seit Jahren auf der Ausbildung der jungen Vierkämpferinnen und Vierkämpfer.

Vierkampf – mehr als nur Sport

Vierkampf ist eine der vielseitigsten und zugleich weniger bekannten Disziplinen im Schweizer Pferdesport. Der Vierkampf verbindet Dressurreiten, Springreiten, Schwimmen und Laufen zu einem einzigen Wettkampf. Im Mittelpunkt steht dabei der Teamgedanke – welcher auch auf dem Birkenhof grossgeschrieben wird. Eine Mannschaft besteht aus vier jungen Athletinnen oder Athleten. Alle absolvieren alle Disziplinen, wobei bei der Mannschaftswertung jeweils die drei besten Resultate pro Disziplin zählen. Damit kann nicht nur die eigene Leistung über Sieg oder Niederlage entscheiden, denn jeder einzelne Beitrag kann für das Team wichtig werden.

Über eine bekannte Vereinstrainerin findet Susanne Schelling überhaupt erst zur Disziplin. Seit 1989 gehört der Birkenhof zur Schweizer Vierkampfszene und hat sich über die Jahre einen festen Platz in der Vierkampffamilie erarbeitet. Durch zahlreiche Turnierteilnahmen, starke Mannschaftsleistungen und regelmässige Spitzenplatzierungen machte sich der Verein schon früh einen Namen. Ein wichtiger Meilenstein folgte 1995: Die Birkenhöflerinnen sicherten sich in der Mannschaftswertung den Vize-Schweizer-Meistertitel. Sieben Jahre später gelang dann der grosse Coup – 2002 holten sie erstmals den Schweizer Meistertitel. In den darauffolgenden Jahren sorgten die Teams des Birkenhofs immer wieder für Erfolge auf nationaler Ebene und standen zahlreiche Male auf dem Podest der Schweizer Meisterschaften. Besonders eindrücklich war das Jahr 2009, als der Verein gleich alle drei Medaillenränge für sich beanspruchen konnte: Gold, Silber und Bronze. Der Birkenhof zählt zwischen 2007 und 2025 insgesamt 25 Teammedaillen und unzählige Einzelmedaillen. «Durch die Vielseitigkeit und dadurch, dass die Kinder schon im Laufen und Schwimmen durchbeissen müssen, sind sie auch stark im Reiten», erzählt Schelling zufrieden.

Im Juniorenbereich bringen die Teams nicht einfach für jedes Mitglied ein eigenes Pferd mit. Die Mannschaften stellen auch Pferde zur Verfügung, die anschliessend fremden Teams zugeteilt werden. Damit lernen die jungen Reiterinnen und Reiter Flexibilität, Einfühlungsvermögen und korrektes Reiten. «Das reiterliche Niveau hat sich deutlich verbessert», meint Susanne Schelling.

Der Birkenhof als Gastgeber

In diesem Jahr kommt der Schweizer Vierkampf zurück in unsere Region. Am 26. und 27. September übernimmt der Reitverein Birkenhof die Gastgeberrolle der diesjährigen Junioren-Vierkampf-Schweizer-Meisterschaft und empfängt damit die besten Teams des Landes auf der Anlage Vogelgsang in Birmensdorf. Zudem freuen sie sich dieses Jahr auch auf zwei deutsche Teams. Das macht den Wettkampf interessanter, denn leider gibt es nicht mehr viele Vierkampfteams, die an den grossen Turnieren mitreiten. Auch von diesen gibt es aufgrund der Nachfrage laufend weniger. «Man muss das Ganze ehrenamtlich aufrechterhalten und den Kindern damit die Möglichkeit geben, ihre Disziplin zu erhalten», erklärt Schelling.

Für die Gastgeber bedeutet eine Schweizer Meisterschaft allerdings auch einen beträchtlichen organisatorischen Aufwand. Neben den sportlichen Anlagen braucht es Helferinnen und Helfer, Pferde, Infrastruktur, Verpflegung und zahlreiche weitere Personen im Hintergrund. Dass die Junioren-Vierkampf-Meisterschaft nun vom Birkenhof organisiert wird, schliesst gewissermassen einen Kreis. Aus dem langjährigen Teilnehmer und Förderer des Vierkampfs wird für ein Wochenende der Mittelpunkt der Schweizer Vierkampffamilie.

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