«30 Jahre sind genug, jetzt mache ich einen Punkt»

Pfarrer Werner Schneebeli verabschiedet sich nach über drei Jahrzehnten vom Pfarramt

Pfarrer Werner Schneebeli an der Tür der reformierten Kirche Affoltern, wo er während 30 Jahren Grüezi und Adieu gesagt hat. (Bild Marianne Voss)
Pfarrer Werner Schneebeli an der Tür der reformierten Kirche Affoltern, wo er während 30 Jahren Grüezi und Adieu gesagt hat. (Bild Marianne Voss)

Werner Schneebeli, können Sie sich an den Start in der reformierten Kirchgemeinde Affoltern erinnern?

Werner Schneebeli: Ja, das war Ende 1995, und im Frühling 1996 wurde ich gewählt. Damals erschien im «Anzeiger» auch ein Interview mit mir. (Er greift zu einem Ordner und findet den Zeitungsartikel mit dem Schwarz-Weiss-Bild eines jungen Mannes.) Wir kamen als Familie mit drei Kindern an. Auf die Frage, wie lange ich hierbleiben werde, sprach ich von etwa zehn Jahren.

Sie kamen nach der theologischen Ausbildung nach Affoltern und blieben bis zur Pensionierung. Man muss davon ausgehen, dass es Ihnen hier wohl war.

Das ist so. Allerdings war ein triftiger Grund, länger als zehn Jahre zu bleiben, auch die Verwurzelung der Kinder, die zu Teenagern geworden waren. Affoltern war ihr Zuhause. Dennoch deponierte ich in der Gemeinde: «Sagt mir, wenn ihr findet, es ist genug Schneebeli.» Aber sie wollten mich, soweit ich weiss, nie los sein. (Er schmunzelt.)

Was waren Ihre Schwerpunkte?

Ich konnte viel aufbauen im Jugend- und Familienbereich und war dadurch auch immer am Puls des gesellschaftlichen Wandels. Und ich konnte durch die Arbeit als Pfarrer viele Beziehungen knüpfen, die mir bis heute wichtig sind. Es gab Familien, deren Kinder ich alle getauft und konfirmiert habe. Und von meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden durfte ich einige an ihrer Hochzeit kirchlich trauen oder ihre Kinder taufen. Dass eine Generation vergangen ist, realisierte ich, als ich in diesem Mai die Tochter einer Konfirmandin meiner ersten Konfklasse konfirmierte.

Wie ging es Ihnen mit dem Predigen?

Ich habe gerne Gottesdienst gehalten am Sonntag und gepredigt. Das Schreiben einer Predigt fiel mir jeweils leicht. Es war mir immer wichtig, nahe bei den Menschen zu sein und das Evangelium in unser tägliches Leben hinein zu übersetzen. Ich wollte so sprechen, dass sich die Leute in ihren Ängsten oder Freuden verstanden fühlen. Das hat vermutlich auch mit meiner Herkunft zu tun.

Sie lernten zuerst einen anderen Beruf. Berichten Sie doch etwas darüber.

Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Mein Vater war Metzger, meine Mutter Hilfsarbeiterin. Ich wurde Velo- und Motorradmechaniker. In der Cevi-Jungschar machte ich erste Glaubenserfahrungen und fand darin ein Selbstvertrauen, das ich vorher vermisst hatte. Der Weg zur Theologie war für mich damals eine Berufung, die ich nie bereut habe.

Vom Töffmech zum Pfarrer. Wie haben Sie das geschafft?

Verständlicherweise sagten damals einige: «Der schafft das nicht.» Ich musste einen Weg gehen aus der Arbeiterfamilie in die intellektuelle Welt hinein. Ich musste eine neue Sprache, eine neue Ausdrucksweise erlernen. Die Ausbildung selbst war herausfordernd, denn zuerst ging es darum, die Matura nachzuholen und dann das Studium zu absolvieren. Zudem hatte ich schon bald eine Familie. Darum arbeitete ich teilzeitlich neben der Ausbildung noch in einem Sportgeschäft als Mechaniker.

Welche Veränderungen haben Sie in diesen 30 Jahren durchgemacht?

Schon während des Studiums haben sich mein Gottesbild und mein jugendlicher Glaube verändert. Durch die intensive Auseinandersetzung mit Theologie und dem Leben konnte ich meine Gottesvorstellung kontinuierlich weiterentwickeln. Während der Pfarramtszeit durfte ich nach etwa zwölf Jahren eine Auszeit nehmen. Das war sehr wichtig, denn dort fand ich auch zu einer neuen Gelassenheit im Umgang damit, dass ich es nicht allen recht machen kann und meine Ressourcen begrenzt sind.

Jetzt steht die Pensionierung bevor. Was werden Sie am meisten vermissen?

Das Adrenalin an besonderen Anlässen wie Konfirmationen, Hochzeiten, Weihnachten oder Ostern. Das waren für mich immer Momente, an denen ich auf eine gute Art herausgefordert war. Und was ich auch vermissen werde, ist das grosse Wohlwollen und die Wertschätzung vonseiten der Gemeinde.

Was nehmen Sie mit?

Diesen einzigen Ordner. (Er lacht.) Ich nehme viel Dankbarkeit mit, denn ich hatte einen Beruf, der mich voll und ganz erfüllt hat. Ich war hier am richtigen Ort.

Am 16. August werden Sie offiziell verabschiedet. Und danach?

Meine Frau und ich haben unser eigenes Haus in Affoltern und werden auch weiterhin hier wohnen. Doch zuerst verreisen wir mit dem Wohnwagen und danach werde ich mich eine Schwangerschaft lang aus dem kirchlichen Leben zurückziehen. Nach dieser Pause möchte ich einfach ein normales, aktives Mitglied der Kirchgemeinde sein – und klar, vielleicht auch da und dort eine Vertretung übernehmen. Zudem habe ich fünf Enkelkinder, einige Hobbys und ein Velosolex, das restauriert werden will. Also langweilig wird es mir nicht. Ich muss vermutlich eher lernen, auch mal Nein zu sagen.

Sie hören also zufrieden und gelassen auf?

Ja, unbedingt. 30 Jahre sind genug, jetzt mache ich einen Punkt. Dabei gebe ich der Kirchgemeinde, den Kolleginnen und Kollegen und überhaupt allen gerne mit, was am Schluss des Matthäusevangeliums steht: «Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.» Auch wenn der Schneebeli nicht mehr da ist, das Wichtigste bleibt. Nämlich Gottes Liebe, von der uns weder das Leben mit all seinen Irrungen und Wirrungen noch der Tod mit seiner Endgültigkeit trennen kann.

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