Durchschnitt? Nein Danke!

Mit «Funk the System» gelangte am letzten Samstag das dritte Stück des Kinder- und Jugendtheaters ohoo! zur Aufführung. Die Abteilung «junge Erwachsene» zeigte ein sehr gelungenes Stück zum heutigen Streben nach Perfektionismus.

Kümmerts die Randständige, ob ihre Rosen fairtraide sind?

Kümmerts die Randständige, ob ihre Rosen fairtraide sind?

Süchtige suchen Heilung in der Gruppe. <em>(Bilder Marlise Santiago)</em>

Süchtige suchen Heilung in der Gruppe. <em>(Bilder Marlise Santiago)</em>

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele unterschiedliche Gesichter ein Mehrzwecksaal haben kann. Am Samstag jedenfalls verbreiteten grosse runde Tische mit weissen Tischtüchern und ausladenden Kerzenleuchtern eine gediegen-gemütliche Ambiente im Hausemer Gemeindesaal. Später wechselten die locker plaudernden, erwartungsfrohen Theaterbar-Gäste dann zu den Saal-Stühlen und wurden zum Publikum. Zum begeisterten Publikum, um das gleich vorweg zu nehmen.

Das Stück «Funk the System» von Livia Huber ist eine eindrückliche Bestandesaufnahme einer neueren Subkultur des Kapitalismus. Die heutige junge und mittelalte Generation hat sich auf die Fahne geschrieben, in jeder Hinsicht perfekt zu sein, zu denken und zu handeln. Getrieben von der Leidenschaft, hervorzuragen, einzigartig, einmalig, beispiellos, ohnegleichen, unnachahmlich zu sein – was letztlich nichts anderes heisst, als geliebt und gesehen werden zu wollen – wird die Sehnsucht danach zur Sucht. Und wer dem nicht genügen kann oder will, der oder die landet unter der Brücke. Oder auf der Brücke, bereit, sich in den Fluss zu stürzen.

Huber ist gleichzeitig auch Regisseurin des Stückes, und es ist ihr gelungen, die vielfältigen Charaktere fein und leicht überzeichnet herauszuarbeiten. Kernszene ist eine Gruppentherapie, wo die Getriebenen bei einer nervenschwachen und empathielosen Therapeutin Heilung finden sollen. Das birgt komische Momente. Die Gesundheits-, Sozialmedia-, Marktlücken-, Spiel- und so weiter süchtigen, pflegen selbstverständlich auch ihre Abhängigkeit mit Perfektion und Leidenschaft, und stehen weit über einer gewöhnlichen Alkoholabhängigen, oder einer, die nur Probleme hat wie Einsamkeit, oder Probleme damit, sich in dieser Zeit zurechtzufinden, mit dem Fortschritt, mit der Technologie, mit der Schnelllebigkeit.

«Solche Probleme sind nicht innovativ, dafür haben wir keine Zeit, arbeite daran, lass dich von den hochleistungssüchtigen inspirieren», bekommt die «gewöhnliche» Hilfesuchende von der Therapeutin etwa zu hören. Oder in einer anderen Szene der Sohn, der den Eltern voller Freude erzählt, dass er einen Baum pflanzen werde: «Ist das alles? Warum nur einer? Du nutzst deine Ressourcen nicht, du solltest in grösseren Dimensionen denken...» Sogar die obdachlose Rosenverkäuferin sollte innovativer sein und sich darum kümmern, dass ihre Rosen aus fairem Anbau stammen... Solcherart perfekt, perfekt, perfekt und dank den Filtern in den sozialen Medien schön unter sich, ist diese junge Generation der Anfang und das Ende aller Subkulturen. Sie ist die Avantgarde, wie die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler in einer Massenszene bekräftigen. Ein Theaterabend, der unterhaltsam ist, aber auch zum nachdenken anregt. Der lang anhaltende Schlussapplaus hat auf jeden Fall gezeigt, dass das Stück und alle daran beteiligten beim Publikum sehr gut angekommen sind.

Nachdem sich Produktionsleiter Raffaele Cavallaro mit Rosen – ob die wohl fairtrade waren? – bei allen Beteiligten bedankt hat, war es dann an der Zeit, dass sich das Publikum langsam wieder in Richtung Theaterbar bewegte, um auf die sehr gelungene Premiere anzustossen und sich über das Stück auszutauschen.

Weitere Aufführungen: 1. und 2. März, jeweils 20.15 Uhr, Gemeindesaal Weid, Hausen am Albis. Die Theaterbar öffnet 1 Stunde vor Beginn. Altersempfehlung ab 12 Jahren. Eintritt: Kollekte.

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