Die Natur kennt keine Grenzen

Sommerserie «Grenzen» (8): Seit Urzeiten bewirtschaftet die Maschwandner Korporation die Allmend auf Zuger Seite

Am «Rüssspitz», wo die Lorze in die Reuss fliesst: Idylle pur und Eldorado für «Böötler».

Am «Rüssspitz», wo die Lorze in die Reuss fliesst: Idylle pur und Eldorado für «Böötler».

Nördlich des Allmendwegs bis «Rüssspitz»: Zutrittsverbot für Hunde und Pferde.

Nördlich des Allmendwegs bis «Rüssspitz»: Zutrittsverbot für Hunde und Pferde.

Mit der Taschenlampe auf der Suche nach Amphibien: Fachmann Nils Etter, der im Auftrag des Kantons Kartierungen vornimmt (vorne), und Stefan Rey, Leiter der Abteilung Natur und Landschaft. (Bilder Werner Schneiter)

Mit der Taschenlampe auf der Suche nach Amphibien: Fachmann Nils Etter, der im Auftrag des Kantons Kartierungen vornimmt (vorne), und Stefan Rey, Leiter der Abteilung Natur und Landschaft. (Bilder Werner Schneiter)

Mit ihrer Fläche von rund 125 Hektaren ist die Maschwandner Allmend die grösste zusammenhängende Moorlandschaft des schweizerischen Mittellandes. Sie trägt einen Zürcher Namen, liegt aber im Kanton Zug und wird von der Maschwandner Korporation bewirtschaftet. Von den 125 Hektaren liegen 123 auf Hünenberger Gemeindegebiet, knapp 2 gehören zu Cham. Eine Parzelle ist in 265 Bewirtschaftungseinheiten eingeteilt, im Durchschnitt 47 Aren gross.

Dieser aussergewöhnlichen Konstellation liegt eine jahrhundertealte Geschichte zugrunde. Sie war auch geprägt durch Streitigkeiten, eine partielle Teilung und die Korporationsgründung im Jahr 1840. Der Weg, gezeichnet von naturbedingten Überflutungen und Wuhrpflichten zum national bedeutenden Naturschutzgebiet, erstreckte sich über viele Jahrzehnte – hin zu Schutzverträgen und zur höchsten Einstufung: Die Allmend mutierte zum sogenannten Smaragdgebiet und ist Teil des europäischen Netzwerks wertvoller Lebensräume – geschützt auch als Moorlandschaft von nationaler Bedeutung und ein wichtiges Brut- und Rastgebiet für seltene Sumpf- und Wasservögel.

Umfassende Aufgabenpalette

Darüber hinaus ist die Maschwandner Allmend ein Naherholungsgebiet mit Konfliktpotenzial. Aus diesem Grund gilt seit ein paar Jahren ein Besucherlenkungskonzept mit Regeln, die von Erholungssuchenden grösstenteils respektiert werden. So gilt zum Beispiel nördlich des Allmendwegs «Rüssspitz» ein Zutrittsverbot für Hunde. Im Rahmen dieses Konzepts gab es neben Einschränkungen auch Angebote für Erholungssuchende ausserhalb der Schutzgebiete, zum Beispiel Feuerstellen ab Brücke Mühlau. «Mit wenigen Ausnahmen halten sich die Leute an die Vorschriften. Wir verzeichnen praktisch kein Littering», sagt Markus Bühlmann, seit nunmehr 17 Jahren der Allmend-Verantwortliche der Maschwandner Korporation. Von der Korporation ist rund ein Dutzend Pächter für Unterhalt und Pflege dieses ökologisch wertvollen Gebiets zuständig, das grossmehrheitlich landwirtschaftlich als Streue genutzt wird. Zusätzlich umfasst die Aufgabenpalette unter anderem die Bekämpfung von Neophyten und Ackerkratzdisteln sowie den Grabenunterhalt. Auf dem Programm stehen ausserdem die Pflege des Reussdamms, die Eliminierung von Trampelpfaden, das Setzen von Markierungen und das Auswechseln oder Reinigen von beschädigten Tafeln.

Klar ist, dass die Maschwandner Bewirtschafter und Unterhalter über umfassende Kenntnisse verfügen müssen, wo extensiv bewirtschaftet werden muss und nicht gedüngt werden darf. Er spricht von einem guten Verhältnis zum Kanton Zug. «Die Wege zu diesen Ämtern sind direkter als im Kanton Zürich», sagt er und fügt bei: «Die Korporation Maschwanden wird für ihre Arbeit in der Allmend gut bezahlt, zumindest für landwirtschaftliche Verhältnisse.»

Laubfrosch und Kammmolch als gute Indikatoren

Zusammen mit Stefan Rey, Leiter der Abteilung Natur und Landschaft, die in Zug dem kantonalen Amt für Raum und Verkehr angegliedert ist, unternahm der Chronist einen Rundgang in der Allmend. Ebenfalls dabei war Amphibienfachmann Nils Etter, der im Auftrag des Kantons Kartierungen vornimmt. Im Vordergrund stand das Thema Amphibien. In der Maschwandner Allmend kommt die Hälfte der im Kanton Zug einheimischen Amphibienarten vor, die hier teilweise am Rand ihres Verbreitungsgebietes in der Schweiz liegen. Die befinden sich – wie mindestens sieben Vogelarten – auf der Roten Liste der bedrohten Arten und sind bundesrechtlich streng geschützt. In einem Schutzgebiet, welches unter anderem als Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung eingestuft ist, sind sie wichtige Indikatoren bei der Frage über die generelle Qualität des Lebensraums.

Als besonders hochkarätig werden der Laubfrosch und der Kammmolch bezeichnet, zwei spezielle Arten mit aktuell mittelgrossen Populationen im Gebiet. Der Laubfrosch war im Kanton Zug längere Zeit ausgestorben und ist in der Allmend erst seit vier Jahren wieder zu beobachten. Die Arten sind an intakte Feuchtgebiete gebunden. Ihr Allmend-Lebensraum ist ein Flachmoor, das primär durch Grundwasser gespeist wird (ein Hochmoor durch Regen). In der Allmend ist der Wasserfrosch unter den Amphibienarten am häufigsten verbreitet. Allesamt finden die Amphibien in zahlreichen Kleingewässern Lebensraum, die auch durch periodische Überschwemmungen an Reuss und Lorze geschaffen werden. Insgesamt sind 22 Gewässer bezeichnet worden. «Es gäbe in der Allmend noch Potenzial für weitere Aufwertungen mit Kleingewässern», sagt Stefan Rey. «Bei vielen Menschen wächst das Bewusstsein für den Wert der Natur für Mensch und Gesellschaft», fügt er bei und betont die enorme Bedeutung von intakten naturnahen Lebensräumen wie dem «Rüssspitz» und das Funktionieren von Vernetzungskorridoren, weil die Natur keine Grenzen kennt.

Auch Grenzen zwischen Ansprüchen der Natur, der Erholung und der Landwirtschaft soll es nicht geben. «Es ist ein Nehmen und Geben – mit gegenseitigem Respekt», so Stefan Rey, der den Maschwandnern ein gutes «Zeugnis» ausstellt. «Markus Bühlmann ist für uns ein Glücksfall, ein guter Botschafter für beide Seiten; die Bauern ziehen mit. Die Anstrengungen in der Maschwandner Allmend mit Aufwertungen und neu geschaffenen Zonen haben sich gelohnt. Die Rückkehr von Laubfröschen und Kammmolchen in die Maschwandner Allmend ist ein eindrücklicher Beleg dafür, dass sich gezielte Naturschutzmassnahmen lohnen», hält Stefan Rey fest.

Sommerserie

«Grenzen» – abstrakt und konkret

In der diesjährigen Sommerserie rücken die «Anzeiger»-Journalistinnen und -Journalisten Grenzen in den Fokus. Wo wurden einst Grenzen gezogen, wo werden Grenzen durchbrochen oder vielleicht auch mal etwas Grenzwertiges?

Jeder Teil ist eine individuelle Auseinandersetzung mit dem Grenzbegriff – ob abstrakt oder konkret. Lassen Sie sich überraschen und stellen Sie sich die Frage, wo Ihre eigenen Grenzen liegen und weshalb. (red)

Bereits erschienen: Mehr Wild im Wald (net), «Anzeiger» vom 7. Juli; Wer braucht schon eine Hüft-OP, wenn er den Klausenpass hat? (map), 10. Juli; Grenzen auf der Spur (cla), 14. Juli; «Wo das Rüebli steckt, muss der Granitblock in die Erde» (mvo), 17. Juli; Plausch und Körperpflege: «Ab in die Reuss!» (bs), 21. Juli; Selbst gestrickte Zwangsjäckchen lockern (rz), 11. August; An der Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit (dv), 14. August

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