Bezirk Affoltern
06.07.2020

Auch die Kirchgemeinde Kappel wählt den Alleingang

Kirchgemeindepräsidentin Elisabeth Endner und ihr Vize und Finanzvorstand Fredy Gallmann haben gut lachen: Sie bleiben auch künftig eigenständig. (Bild Martin Platter)

Kirchgemeindepräsidentin Elisabeth Endner und ihr Vize und Finanzvorstand Fredy Gallmann haben gut lachen: Sie bleiben auch künftig eigenständig. (Bild Martin Platter)

Nach Obfelden, Knonau und Stallikon sprach sich am letzten Freitagabend auch das Stimmvolk der reformierten Kirchgemeinde Kappel für den Rückzug aus der Säuliämtler Kirchenfusions­vorlage KG+ aus. Der Entscheid der 51 Stimmberechtigten erging einstimmig wie auch die ­Rechnungsabnahme.

Von: Martin Platter

Während sich anderenorts in wesentlich grösseren Kirchgemeinden vielleicht zwei bis drei Dutzend Stimmberechtigte an der Gemeindeversammlung beteiligen, konnte sich Kirchgemeindepräsidentin Elisabeth Endner über ein mit 51 Stimmberechtigten gut gefülltes Gotteshaus in Kappel freuen. Bevor über den Grund des Grossaufmarsches, die Einzelinitiative von Urs Stettler und fünf Mitunterzeichnenden, die den «Rückzug der reformierten Kirchgemeinde Kappel aus KG+» forderten, abgestimmt werden konnte, wurde zuerst informiert und dann engagiert votiert.

Endner zog eine eher ernüchternde Bilanz der seit 2017 geleisteten Arbeit im Rahmen des «Kirchgemeinde+»-Projekts: «Eine künftige Ortskommission wird bestimmt, hat aber kein Bestimmungsrecht.» Das sei weniger attraktiv als die bisherige Kirchenpflege, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten weitgehende Gestaltungsfreiheit geniesse. Eine offenere Organisationsform habe man im KG+-Gremium abgelehnt. Das war auch der Grund, weshalb Urs Stettler die Einzelinitiative eingereicht habe. Man habe in den letzten drei Jahren aber auch schöne Erlebnisse gehabt. Der Besuch an einem Kirchen-Workshop in Obfelden habe gute Alternativen aufgezeigt, wie man auch ohne KG+ als Kirchgemeinde ein attraktives Programm bieten könne.

Urs Stettler nannte die Gründe für seine Initiative: «Mir fehlte ein klares Konzept für den Fortbestand der lokalen Kirchgemeinden innerhalb des neuen Grosskirchenkreises.» Gestört habe ihn ausserdem, dass sämtliche Immobilien der Kirchgemeinden als Mitgift in die neue KG+-Organisation eingebracht und dann von einem zentralen Führungsgremium verwaltet werden. «Würde unser Pfarrhaus veräussert, hätten wir wohl nichts mehr zu sagen», so Stettler.

«Welch ist Christi Kilch? Die sin Wort hört»

Aus den Wortmeldungen war herauszuhören, dass die Menschen mit einer klaren Meinung an die Versammlung gekommen waren. Kappels langjähriger früherer Pfarrer Christoph Hürlimann sagte es mit den Worten von Huldrych Zwingli: «Welch ist Christi Kilch? Die sin Wort hört.» Der bisherige Weg des Projektes «KG+» sei zu stark von organisatorischen Voraussetzungen geprägt gewesen und vernachlässige die geschichtliche Dimension der Gemeinde Kappel. Zu wenig berücksichtigt sei auch die Frage nach der Grösse und Überblickbarkeit, in der noch eine lebendige Kirchgemeinde gelebt werden könne. «Durch den Glauben ist die Gemeinde von oben nach unten geprägt, durch das Evangelium als Gottes Stimme, die uns ruft.» Der Gemeindeaufbau sei unsere Antwort auf diesen Ruf – von unten nach oben. Im bisherigen Weg von KG+ fehle jedoch der genügende lebendige Einbezug der Gemeinde. Der Austritt aus den Verhandlungen zur «Kirchgemeinde+» verschaffe Kappel den Freiraum, um aus der heutigen Kirchgemeinde eine neue Gemeindegestalt zu formen – weiterhin in Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden, erklärte ­Hürlimann und bekam für seine Ausführungen Applaus.

Auf die religiösen Inhalte kommts an

David Vogelsanger erinnerte an seine Jugend. Sein Vater sei Pfarrer in Zürich gewesen, zu einer Zeit, als die Kirchen noch jeden Sonntag prallvoll waren. «Es kommt auf den religiösen Inhalt an, nicht auf die Organisationsstruktur. Das Projekt KG+ ist zu kopflastig und vernachlässigt das Seelsorgerische.» Die bisherigen Organisationsstrukturen seien über die Jahrhunderte gewachsen, deren Vertreter vom Volk gewählt worden. Das neue Konstrukt pushe jedoch Beamte und zahlreiche andere Leute, die nicht mehr ehrenamtlich arbeiteten. Man sehe das auch in der Stadt Zürich. Mit der Zusammenlegung der Kirchgemeinden hätten die Funktionäre das Zepter übernommen. «Ich bin nicht gegen eine Zusammenarbeit. Aber die Kirche und der Pfarrer sollten im Dorf bleiben», schloss Vogelsanger.

Alt-Kirchgemeindepräsident Ueli Burri gab zu bedenken: «Der Kirchgemeinde+ kann man zu einem späteren Zeitpunkt immer noch beitreten. Ist man jedoch einmal drin, ist es sehr schwierig wieder auszutreten.» Ihm liege die kirchliche Jugendarbeit am Herzen, die bisher im Oberamt sehr gut funktioniert habe. Burri hofft, dass dies künftig so bleiben werde.

Zuversicht für den selbstbestimmten Weg

Alt-Gemeindepräsident Kurt Bär gab sich optimistisch, dass die Kirchgemeinde Kappel auch alleine bestehen kann. Dass sich die Kirchenpflege hinter die Einzelinitiative stelle, sei eine wichtige Voraussetzung dafür. In der Abstimmung wurde die Initiative schliesslich einstimmig gutgeheissen. Ebenso die Rechnung 2019, die mit einem Gewinn von knapp 60000 Franken schloss. Der Grund dafür seien mehr zahlende Mitglieder durch Neuzuzüger und mehr Finanzausgleich, weil 2018 deutlich im Minus geendet hatte, wie Finanzvorsteher Fredy Gallmann erklärte. Worauf auch die Rechnung einstimmig angenommen wurde.

Gallmann äusserte sich optimistisch zur Annahme der Einzelinitiative: Kappel sei in der privilegierten Lage, dass zu den 50 Stellenprozenten, die es für Kleingemeinden ohnehin gebe, noch 30 Prozente vom Kanton wegen des Klosters dazukommen. Mit der Abstimmung zugunsten der Autonomie habe die ­Attraktivität der 80-Prozent-Stelle noch zugenommen. Er sei optimistisch, dass für den altersbedingt zurücktretenden Pfarrer Christof Menzi bald eine passende Nachfolge gefunden werden könne.