Bezirk Affoltern
13.07.2020

«Der Gemeindeschreiber existiert bei uns nicht mehr»

Schnittstelle zwischen Gemeinderat und Verwaltung: Oliver Bär ist der neue Geschäftsführer der Gemeindeverwaltung Mettmenstetten. (Bild Thomas Stöckli)

Schnittstelle zwischen Gemeinderat und Verwaltung: Oliver Bär ist der neue Geschäftsführer der Gemeindeverwaltung Mettmenstetten. (Bild Thomas Stöckli)

Am 1. April hat Oliver Bär die neu geschaffene Stelle als Geschäftsführer der Gemeindeverwaltung Mettmenstetten angetreten. Nach hundert Tagen im Amt stellte er sich den Fragen des «Anzeigers».

Von: Interview: Thomas Stöckli

«Anzeiger»: Oliver Bär, Sie haben mitten im Shutdown die Leitung der Gemeindeverwaltung Mettmenstetten übernommen. Wie war Ihre Einarbeitung?

Oliver Bär: Als Quereinsteiger befinde ich mich noch in einer steilen Lernkurve, jeder Tag ist sehr anspruchsvoll. Ich hatte viel Zeit mit dem nun pensionierten Gemeindeschreiber Edy Gamma. Er war im Home Office, von wo aus er mich stark unterstützte. Wir haben oft telefoniert und ab und zu kam er ins Gemeindehaus. Durch die neue Organisationsform stellt sich für mich bei jeder Aufgabe nicht nur die Frage, wie man das macht, sondern auch, wer macht das? Das ist denn auch im Austausch auf der Gemeindeverwaltung eine oft gestellte Frage. Unterstützung leisteten die beauftragte Beratungsfirma und der Bezirksrat. Statthalter Claude Schmidt stellte im Zusammenhang mit der Einführung des neuen Geschäftsführermodells ein paar kritische Fragen.

Die neue Gemeindeorganisation bringt grosse Änderungen mit sich. Wie kommt das bei den Mitarbeitenden an?

Schön ist, dass alle eine positive Einstellung zu dieser Veränderung mitbringen. Dazu gehören die Bereitschaft und die Offenheit, sich darauf einzulassen. Und auch ein Grundvertrauen. Das ist nicht selbstverständlich, gerade wenn Mitarbeitende schon seit vielen Jahren auf der Gemeindeverwaltung arbeiten. Dass sehr wenige Widerstände da sind, ist das Verdienst des Gemeinderats und der Angestellten. Die Behörde kommunizierte stets sehr gut.

Sie haben die Rolle des Gemeindeschreibers angesprochen. Was passiert mit dieser in der neuen Organisationsform?

Der Gemeindeschreiber existiert bei uns nicht mehr. Seine gesetzlich definierten Aufgaben liegen grundsätzlich bei mir als Geschäftsführer, aber im Gegensatz zu Edy Gamma, der sehr viele Themenbereiche abgedeckt hat, verteilen sich nun diese Aufgaben auf mehr Leute, namentlich auch auf die zwei Abteilungsleiter Dienste und Bau. Ich bin Schnittstelle zwischen Gemeinderat und Verwaltung, kümmere mich um Personelles und leite verschiedene Projekte. Das Fachwissen liegt auf der Ebene Abteilungsleiter und Mitarbeitende. Wenn ich sehe, welche Breite an Themen Edy Gamma während den letzten vier Dekaden abgedeckt hat, habe ich einen riesigen Respekt. Er hat beinahe jedes Geschäft im Detail gekannt. Das ist bei den heutigen Anforderungen in dieser Breite und Tiefe nicht mehr realistisch. Und seine 42 Dienstjahre kann ich auch nicht mehr toppen. Das ist wohl meine Bürde (lacht).

Einige der vormaligen Gemeindeschreiber-Aufgaben liegen neu beim Abteilungsleiter Dienste. Wie sieht da die Abgrenzung der Kompetenzen aus?

Dominik Pfefferli ist unter anderem für die Vor- und Nachbereitung der Gemeinderatssitzungen zuständig. An den Sitzungen bin ich selber dabei. Wir ­müssen also gleichermassen dossier­sicher sein. Dadurch entstehen sicher Reibungsverluste. Und weil nicht alle ­Geschäfte über mich laufen, muss ich mich vor den Gemeinderatssitzungen selber in gewisse Dossiers einlesen.

Was verspricht sich Mettmenstetten von der Änderung?

Ein Hauptziel ist die Entlastung der Gemeinderäte. Wir wollen die Behördentätigkeit attraktiver gestalten, damit mehr Leute Gemeinderat werden wollen. Ein Tiefbau-Vorstand soll in unserem Milizsystem kein Bauprofi sein müssen. Neugier und eine Affinität zum eigenen Ressort muss reichen. Man kann nicht erwarten, dass ein Gemeinderat im Detail weiss, wie ein Sub­missionsverfahren abläuft. Wenn ein ­Gemeinderat sich trotzdem in diesen administrativen Dschungel begeben will: sehr gerne. Ansonsten muss dies künftig die Verwaltung im Griff haben und erst dann beim Gemeinderat ­anklopfen, wenn es um politische Wertungen geht. Ein Gemeinderat hingegen, der viel Zeit zur Verfügung hat, soll sich auch mehr einbringen dürfen – das muss weiterhin möglich sein. Wertvoll für eine Gemeinde ist aber auch die erfahrene Unternehmerin, die bereits Überzeit arbeitet und sich zusätzlich 20 Prozent im Gemeinderat engagieren will. Im Sinne einer situativen Arbeitsteilung schauen wir im Dialog, wo wir einen Gemeinderat wie einbinden können, damit er oder sie sich möglichst effektiv einbringen kann. Weniger prinzipienorientiert als situationsgerecht. Das bitte so zitieren (lacht).

Und wie steht es um die Aussenwirkung?

Die Idee ist, dass ich etwas mehr kommuniziere als Edy Gamma und die Gemeinderäte etwas mehr in den Hintergrund treten. Das Kommunikationskonzept ist allerdings noch nicht verabschiedet. Die Gemeinderäte sollen weiterhin wahrgenommen werden und es ist wichtig, dass die Leute die Gemeinderäte spüren und sehen. Hier gilt es noch, eine Linie zu finden.

Welche Vorbehalte gibt es gegen die neue Organisationsform?

Die Machtkonzentration ist sicher ein Thema. Mit seinem Wissensvorsprung wird vom Gemeindeschreiber heute schon vielerorts als zusätzlicher Gemeinderat gesprochen. Deshalb ­haben wir bis ins Detail schriftlich ­geregelt, wer welche Entscheidungen treffen darf und wer welche Kompetenzen hat. Viele Konflikte lassen sich so vermeiden.

Sie haben am 1. April angefangen, ­Dominik Pfefferli, der Abteilungsleiter Dienste, stiess am 1. Juni dazu und per 1. September folgt noch Michael Schuler als Abteilungsleiter Bau. Bis wann will die neu organisierte Gemeindeverwaltung Flughöhe erreicht haben?

Ja, per 1. September haben wir unser Team komplett. Wir geben uns ein, zwei Jahre, bis die Prozesse eingeschliffen sind. Derzeit profitieren wir von einem sehr routinierten Gemeinderat. Bis zur Erneuerungswahl wollen wir wieder eine stabile Verwaltung. Ende 2022 kommt dann der Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen.

Im Kanton Zürich leistet die Gemeinde Mettmenstetten mit dem neuen Organisationsmodell Pionierarbeit. Werden andere nachziehen?

In ähnlicher Form kennen dies schon einige Gemeinden in den Kantonen Luzern und St. Gallen. Im Kanton Zürich macht erst das neue Gemeindegesetz diese Flexibilisierung im Organigramm möglich. Wenn es sich in Mettmenstetten bewährt, werden sich dies sicher auch weitere Gemeinden überlegen.