Bezirk Affoltern
30.07.2020

Die Schnabelburg und Wilhelm Tell

Die Freiherren von Eschenbach schützten von der Schnabelburg aus das Gebiet des heutigen Bezirks Affoltern vor ­Söldnertrupps aus der Innerschweiz. Hätte Tell 1307 tatsächlich gelebt, wäre er vielleicht ein am Königsmord von 1308 beteiligter Eschenbacher gewesen. (Bild Erika Schmid)

Die Freiherren von Eschenbach schützten von der Schnabelburg aus das Gebiet des heutigen Bezirks Affoltern vor ­Söldnertrupps aus der Innerschweiz. Hätte Tell 1307 tatsächlich gelebt, wäre er vielleicht ein am Königsmord von 1308 beteiligter Eschenbacher gewesen. (Bild Erika Schmid)

Goethe schuf die Geschichte des Schweizer Nationalhelden? Das war doch Schiller! Tatsächlich geht die Geschichte Tells auf das Konzil von Basel (1431 bis 1449) zurück. Es war der erste grosse gesamteuropäische Kongress, der nebst der Regelung komplexer Kirchenangelegenheiten unter anderem auch dem Austausch von Heldengeschichten diente.

Von: Bernhard Schneider

Hätte Tell, wie der Glarner Aegidius Tschudi um 1550 schrieb, tatsächlich 1307 gewirkt, wäre er wohl ein Freiherr von Eschenbach-Schnabelburg gewesen, denn diese befanden sich zur fraglichen Zeit tatsächlich in einem Konflikt mit Habsburg: Walter von Eschenbach ­zählte 1308 zu den Mördern König ­Albrechts I. von Habsburg, allerdings im Bund mit einem Neffen des Königs.

Gründungssagen und Konzil von Basel

Die Gründungssagen der «Eidgenossenschaft» gehen auf das 15. Jahrhundert zurück. Dies ist kein Zufall: Schwyz hatte 1315 bei Morgarten erfolgreich ein Ritterheer unter Habsburger Führung geplündert, Luzern weitete seinen Einflussbereich 1386 im Sempacherkrieg mit der entscheidenden Unterstützung von Urner Söldnern zulasten Habsburgs ins Entlebuch aus. Vor allem aber eroberten Zürich, Bern, Luzern und die Innerschweizer 1415 die habsburgischen Stammlande, den Aargau, sowie den Thurgau. Diese Angriffe auf Habsburger Güter bedurften einer moralischen Rechtfertigung, und diese sollte die Geschichte bieten: Im Alten Zürichkrieg (1440–50), in dem während des Konzils von Basel Schwyz und Glarus einen heftigen Krieg gegen Zürich führten, wechselte der deutsche König, Friedrich III. von Habsburg die Seite, von den Schwyzern zu den Zürchern, was ihn zum idealen Feindbild der Eidgenossen machte, gerade weil er zusammen mit den Truppen der Limmatstadt den Krieg verlor.

Tell als europäische Figur

Das Konzil von Basel dauerte so lange, weil die Verhandlungen keine Resultate zeitigten. Im Anschluss an die unergiebigen Gespräche wollten die Kirchenfürsten jeweils unterhalten sein. Eine Möglichkeit war, bei Speis und Trank Geschichten zum Besten zu geben. Auf besondere Beliebtheit stiessen dabei ­nordische Sagen. Tell wurde so zu einer Figur mit Wurzeln in allen Teilen Europas nördlich der Alpen: Die Vorlagen stammten aus Schweden, Norwegen und Island, wo die jeweiligen Helden je nach Variante eine Schriftplatte, ­einen Apfel oder gar eine Nuss vom Kopf ihres Sohnes schiessen mussten, was selbstverständlich allen auf Anhieb ­gelang.

Am nächsten verwandt ist die Tellensage mit zwei Geschichten aus Dänemark, die um 1200 niedergeschrieben wurden: König Nidung zwingt Egill, ­einen Apfel vom Kopf seines dreijährigen Sohnes zu schiessen. Egill trifft mit dem ersten Schuss und erklärt, die anderen beiden Pfeile, die er vorbereitet hatte, hätte er verwendet, um den König zu erschiessen. In der anderen Geschichte heisst der König «Blauzahn» und der Schütze Toko. Dieser wird nach dem Schuss in Gewahrsam genommen, erschiesst aber den König und flieht abenteuerlich auf Skiern. Das Apfelschuss-Motiv gefiel den Innerschweizer Kirchenfürsten. Sie entwickelten daraus eigene Geschichten, die erstmals im Weissen Buch von ­Sarnen 1472 ihren Niederschlag fanden. Der Chronist Aegidius Tschudi fasste um 1550 die verschiedenen Varianten zusammen und legte den Apfelschuss auf den 19. November 1307. Gleichzeitig verknüpfte er Tell mit der wohl ebenfalls während des Konzils von Basel entstandenen Geschichte vom Rütlischwur, den er auf Herbst 1307 legte.

Rütlischwur vorverlegt

Im Hinblick auf ihr 700-Jahr-Jubiläum 1891 setzte die Stadt Bern die Vor­verlegung des Schwurs auf 1291 durch, um gleichzeitig das 600-Jahre-Jubiläum der Eidgenossenschaft zu feiern. Die Bundesstadt verfolgte dabei zwei Ziele: Erstens wurde damit postuliert, Bern sei 100 Jahre älter, zweitens konnte die Feier der Stadt mit Bundesgeldern wesentlich aufwendiger gestaltet ­werden. Nach der Reformation eignete sich das ferne, streng katholische Haus Habsburg für die Eidgenossen nicht mehr als Feindbild, ganz im Gegensatz zu den reformierten Städten Zürich und Bern. Tell und Rütli traten damit in den Hintergrund, bis Johann Wolfgang von ­Goethe 1797 seinen Stäfner Freund, den Kunstmaler Heinrich Meyer, besuchte und von hier aus in die Innerschweiz reiste. Stäfa war das Zentrum der Rebellion der Landschaft gegen den Stadtzürcher Adel, die mehr als drei Jahrzehnte später, 1831, zur rechtlichen Gleichstellung von Stadt und Land führte. Die Stäfner konnten dabei insbesondere in den Herrschaften Wädenswil und Knonau auf Unterstützung zählen.

Goethes Vorliebe für Sagen

Goethe stiess 1797 auf das «Chronicon Helveticum» von Aegidius Tschudi. Der Katholik Tschudi hatte dieses während der nachreformatorischen Auseinandersetzungen verfasst. Mit dem Titel nahm er eine Idee auf, welche die Stadt Zürich am Konzil von Basel entwickelt hatte: Die Rückführung der eigenen Geschichte auf die tapferen Helvetier. Nur beanspruchte Tschudi dieses Erbe für die katholischen Eidgenossen, die damit viel älter als Reichsstädte wie Zürich seien. Der Rütlischwur erschien damit als Episode in einer mehr als tausendjährigen Geschichte.

Den Wert von Sagen beschrieb ­Goethe in seiner «Schweizerreise»: «Ich bin fest überzeugt, dass die Fabel von Tell sich werde episch behandeln lassen, und es würde dabei der sonderbare Fall eintreten, dass das Märchen durch die Poesie erst zu seiner vollkommenen Wahrheit gelangte, anstatt dass man die Geschichte zur Fabel machen muss.» Bald verlor Goethe das Interesse an der Geschichte Tells und übergab den Stoff seinem Freund Friedrich Schiller, dessen Drama «Wilhelm Tell» am 17. März 1804 in Weimar uraufgeführt wurde: Zwei Deutsche, Schiller mit Goethes Hilfe, schufen so die Symbolfigur für den Widerstand der Schweiz gegen das nationalsozialistische Deutschland im 20. Jahrhundert.

Tell und die Schnabelburg

Um 1200 bauten die Freiherren von Eschenbach eine ganze Reihe von ­Befestigungsanlagen, um ihre Güter gegen Söldnerhorden aus der Innerschweiz abzusichern: Die Schnabelburg, das befestigte Kloster Kappel, das Städtchen Maschwanden und ihren Stammsitz in Eschenbach. Sie erachteten offensichtlich die Innerschweiz mit ihren ­undurchsichtigen und kleinräumigen Machtverhältnissen als Gefahr, nicht die Habsburger auf der nördlichen Seite ihres Einflussbereichs. Die Bevölkerung der Dörfer zwischen Reuss und Albis war zweifellos dankbar für den Schutz gegen plündernde Horden aus dem Alpenraum und litt unter den Geldnöten, welche die Eschenbacher gegen Ende des 13. Jahrhunderts zunehmend schwächten. Auch die Beteiligung am Königsmord lässt sich in diesem Licht sehen: Die Eschenbacher betrachteten die – ­erfolglose – Parteinahme in der habsburgischen Bruderfehde als letzte Chance, sich mit Hilfe der Grafen zu sanieren.

Habsburg verfügte um 1300 kaum über Rechte in der Innerschweiz. Die Grafen sahen sich vor allem in einer Konkurrenz zu den aufstrebenden Reichsstädten Zürich, Bern und Basel. Die Verlagerung des habsburgischen Machtzentrums nach Österreich öffnete in deren Stammlanden ein Machtvakuum, in das Bern, Luzern, Zürich und Schwyz eindrangen. Bern konnte sich weitgehend ungehindert ausdehnen, ­Luzern stiess, mit den Eidgenossen im Rücken, nur so weit vor, dass kein Streit mit Bern entstand, während die Konflikte zwischen Zürich und Schwyz im Alten Zürichkrieg gipfelten und bis zur Gründung des Schweizer Bundesstaates 1848 nie ganz beigelegt wurden. Wäre Tell ein Urner des 15. Jahrhunderts gewesen, hätte er wohl einen Zürcher umgebracht und an den Urner Eroberungszügen im Tessin teilgenommen.