Bezirk Affoltern
07.01.2021

Feuerwehrdienst attraktiver machen

Alexander Smolinsky, Kommandant der Feuerwehr Affoltern. (Bild Thomas Stöckli)

Alexander Smolinsky, Kommandant der Feuerwehr Affoltern. (Bild Thomas Stöckli)

Mit einem Workshop für alle Feuerwehrleute ist Alexander Smolinsky vor gut einem Jahr als Kommandant der Stützpunktfeuerwehr Affoltern gestartet. Einige wichtige Punkte aus den Rückmeldungen sind – trotz Covid – bereits umgesetzt.

Von: Interview: Thomas Stöckli

Vor einem Jahr haben Sie das Kommando der Stützpunktfeuerwehr Affoltern übernommen – wie war der Start?

Alexander Smolinsky: Der Start war super und mit sehr viel Energie. Aus meiner Sicht war es auch Zeit für einen Wechsel. Umso wichtiger war es, nicht im alten Fahrwasser zu bleiben, sondern alles mal auf den Tisch zu bringen. Das fand ich richtig befreiend. Und das wurde mir auch in verschiedenen Feedbacks bestätigt. Und wenn du mit so viel Unterstützung loslegen kannst, so ist das ein Start nach Wunsch – auch wenn uns dann Covid recht gebremst hat. Zumindest hatten wir die Workshops schon durch.

Sie haben einige Änderungen angestossen – weshalb braucht es die?

Nach meinem Führungsverständnis ist es meine einzige Aufgabe, für alle da zu sein und ein Umfeld zu schaffen, dass es den Leuten ermöglicht, das Maximum aus sich herauszuholen. Wenn du gute Leute hast, dann läuft der Laden. Und wir haben gute Leute. Damit meine ich nicht nur das Kader. Alle denken mit.

Erstmals in dieser Form durfte sich die Mannschaft in die Zukunftsplanung einbringen – wie kam es dazu?

Dass ich Kommandant werden würde, hat sich bereits eineinhalb Jahre vorher abgezeichnet. Von da an sind Leute mit ihren Ideen auf mich zugekommen. Die konnte ich gar nicht alle umsetzen. In der Ausbildung, die ich gerade mache (Master of Advanced Studies MAS in Leadership und Change-­Management, Anm. d. Red.) behandelten wir damals Workshop-Formate wie «Open Space» und «World Coffee». Wenn du wissen willst, wo es den Leuten unter den Nägeln brennt, dann musst du sie fragen. Drum war mir klar: jeder, der will, sollte seine Ideen einbringen können und im gleichen Rahmen sollten diese Ideen auch priorisiert und gewertet werden.

Wie haben Sie diese Workshops erlebt?

Zwei Drittel der Feuerwehrleute ­haben sich eingebracht. Und einige Ideen konnten wir auch bereits umsetzen. Die Workshops bringen aber auch eine grosse Gefahr mit sich: Sie wecken viel Hoffnung. Und einzelnen Ideen muss man die Hoffnung schnell wieder nehmen. Weil sie systemisch bedingt nicht gehen.

Können Sie dazu ein Beispiel nennen?

Was vielen unter den Nägeln brennt, ist die Besoldung an Kursen. Früher zahlten die Gebäudeversicherung (GVZ) und die Gemeinde Affoltern je einen Teil daran. Diese Doppelbesoldung gibt es in Affoltern nicht mehr. Das kann ich als Kommandant nicht ändern, aber es ist meine Aufgabe, das auf dem ordentlichen Weg einzubringen.

Was ist denn konkret das Problem daran?

Das, was die Feuerwehrleute oder ihre Arbeitgeber von der GVZ bekommen, reicht nicht, um bei einer Kursabwesenheit eine Stellvertretung zu bezahlen. Gerade für Selbstständige und Mitarbeitende von KMU ist das ein Problem. Und von denen haben wir halt viele in der Feuerwehr. Es geht nicht darum, mehr im Portemonnaie zu ­haben, aber auch nicht weniger. Bei uns als Stützpunktfeuerwehr ist der Ausbildungsbedarf grösser, aber niemand ist bereit, die Kosten dafür nun auch noch selbst zu übernehmen. Da droht die Gefahr, dass Feuerwehrleute nicht mehr in Kurse gehen wollen – oder dass der Chef sie nicht mehr gehen lassen will.

Zurück zu den Workshops. Was waren die Resultate? Und gab es ein Aha-Erlebnis?

Grosse Überraschungen hatte ich nicht. Die Leute waren ja auch schon seit eineinhalb Jahren mit ihren Ideen zu mir gekommen. Überrascht hat mich höchstens, dass es sehr wenige Themenfelder waren, die klar priorisiert wurden. Die Leute sind – abgesehen von einigen Kernthemen – offenbar recht zufrieden.

Welche Inputs wurden denn bereits ­umgesetzt?

Seit drei Monaten haben wir die Alarmierung umgestellt auf Tag- und Nachtbetrieb. Das läuft recht gut. Wir fahren mit viel kleineren Gruppen, ­dafür ist die Quote der Einrückenden höher. Die Gruppen lassen sich auch flexibel anpassen. Wenn jemand mal einen Monat im Homeoffice ist, können wir ihn schnell in die Tag-Alarmgruppe nehmen. Das bedingt allerdings auch ein gutes Tracing, dass sich die Feuerwehrleute bei solchen Änderungen ­melden.

Knapp sind die Personalressourcen bei den Feuerwehren erfahrungsgemäss tagsüber. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Das ist ein Vorteil von Affoltern: Wir sind keine Schlafgemeinde. Fast 40 Prozent der Feuerwehrleute arbeiten in der Stadt oder im Umkreis von fünf bis sechs Autominuten oder arbeiten in einem Schichtbetrieb. Dadurch haben wir eine gute Tages-Verfügbarkeit. Für den Erstangriff sind wir also gut aufgestellt. Das ist nicht bei allen Feuerwehren der Fall. Bei einem Grossereignis reichen diese maximal 45 Leute dann allerdings nicht mehr. Dann sind wir auf eine zweite Welle angewiesen: Leute, die aus Zürich, Zug oder Luzern hinzukommen – oder die Feuerwehren der Nachbargemeinden.

Wie hoch ist der aktuelle Bestand?

Wir sind knapp 80 Leute. Das ist okay, aber gut wären 90. Zehn bis 15 Prozent sind erfahrungsgemäss nicht einsatzfähig oder in Ausbildung. Bei 90 könnte man also auf 80 erfahrene Feuerwehrleute zurückgreifen.

Mit Alleinerziehenden spricht die Feuerwehr Affoltern auch eine neue Zielgruppe an, die tagsüber in der Stadt verfügbar wäre. Wie funktioniert das?

Seit zwei Monaten führen wir bei Einsätzen eine Krippe. Das heisst, wir haben Feuerwehrleute, die Kinder im Depot betreuen, damit deren Eltern in den Einsatz gehen können.

Wird das Angebot genutzt?

Bisher haben wir es noch nicht breit kommuniziert.

Wo sehen Sie noch weiteres Rekrutierungspotenzial?

Wir werben mit einer Halbbild-Kampagne – Berufs- und Feuerwehrleute –, die klar macht, dass Milizfeuerwehrleute sich in der Freizeit engagieren. Und am 1. Januar hat unser erster Pensionierter angefangen. Den schicken wir natürlich nicht unter Atemschutz vorneweg. Für den Einsatz im VA (Verkehrsdienst-Abteilung, Anm.d.Red.) ist er allerdings prädestiniert.

Sind Doppel-Einteilungen von Feuerwehrleuten aus einer anderen Gemeinde, die aber in Affoltern arbeiten, auch ein ­Thema?

Grundsätzlich ja, aber das bedingt, dass sie auch bei uns an den Übungen teilnehmen. Im Einsatz muss man die Leute kennen. Und sie müssen auch mit unserem Material umgehen können. Verschiedene Kaderleute aus Aeugst und Ottenbach sind bereits in beiden Feuerwehren, wir haben ja selten gleichzeitig Schadenereignisse in beiden Gemeinden. Das hilft aber nur kurzfristig als Entlastung. Mittel- bis langfristig wollen wir den Bestand mit eigenen Leuten hochbringen. Ein zentraler Punkt ist dabei, dass wir auch die Arbeitgeber ins Boot holen. Wenn für sie allerdings bereits die Besoldung ein Minusgeschäft ist, fällt das schwer.

Neben der Rekrutierung von neuen Feuerwehrleuten geht es auch darum, Bestehende zu halten. Wie wird die Dienstzeit attraktiver gestaltet?

Dazu führen wir im ersten Quartal 2021 eine Kompetenzmatrix ein. Das ist eine Art «Prozessmanagement light». Sie ­umfasst fünf A4-Seiten. Darin wird klar geregelt, wer für was zuständig ist. Das minimiert das Zuständigkeitsgerangel und wird 80 Prozent des «kleinen» ­Ärgers eliminieren. Das fördert die freundschaftliche Kultur und macht so den Feuerwehrdienst attraktiver. Die Feuerwehr ist ein Hobby und die jungen Leute haben keine Lust, in ihrer Freizeit zwischen den Fronten zu stehen.

Eine weitere Neuerung sind die Standardkarrieren. Das ist nichts anderes als ein Stellenbeschrieb für alle Funktionen, die es in der Feuerwehr gibt. Dazu gehören einerseits Anforderungen und Erwartungen an Feuerwehrangehörige, andererseits aber auch Ansprüche, die sie ans Kommando richten dürfen. Bereits jetzt wird jede Funktion, die vergeben wird, auch ausgeschrieben.

Bewerbung statt Berufung also – was ist da die Idee dahinter?

Ziel ist es, Transparenz zu schaffen – auch das wirkt sich aus auf die Stimmung – und das Potenzial der «stillen Büezer», die sich typisch schweizerisch nicht in den Vordergrund drängen wollen, besser nutzen zu können. Es geht darum, das selbstständige Arbeiten miteinander zu fördern, die Möglichkeit, sich einzubringen.

Diese Arbeit findet momentan unter ­erschwerten Bedingungen statt – wie hat Corona den Übungs- und Einsatzbetrieb beeinflusst?

Das hat sich mittlerweile eingependelt. Wir wissen alle, wie wir uns privat und als Feuerwehrleute in der Pandemie verhalten müssen. Was sicher gefehlt hat, ist die Nähe zu den Leuten. Auf den Einsatzbetrieb hat Covid aber keinen Einfluss, ausser dass wir Masken tragen und die Hände desinfizieren. Auch der Übungsbetrieb läuft weiter. Da geht es darum, die Einsatzbereitschaft aufrechtzuerhalten. Wir üben allerdings nicht im grossen Verband, sondern aufgesplittet, in kleineren Gruppen.

Wo besteht nun Nachholbedarf und wie geht die Feuerwehr Affoltern den an?

Die verpassten Übungen lassen sich nicht nachholen, dazu fehlt die Zeit. Viele Themen kommen allerdings ­immer wieder und sind bereits im Fleisch und Blut von denen, die schon lange dabei sind. Das durchschnittliche Dienstalter liegt bei uns bei über 15 Jahren. Wegen so kurzen Unterbrüchen geht die Einsatzroutine nicht verloren. Das Skifahren verlernt man auch nicht, nur weil man einen Winter nicht auf den Skiern steht.

Was sind die grössten Herausforderungen der Zukunft?

Die grösste Herausforderung wird sein, die Feuerwehr in den nächsten zehn Jahren trotz Widrigkeiten einsatzfähig zu halten. Damit meine ich auch die wirtschaftliche Seite: In harten Zeiten müssen die Leute mehr arbeiten und haben erfahrungsgemäss weniger Zeit für die Feuerwehr. Wir brauchen genug Leute auf Platz, Leute mit den richtigen Kompetenzen, um unsere Aufgabe erfüllen zu können. Da steckt Ausbildung dahinter. Auch das Material, das wir vielleicht nur ein- bis zweimal im Jahr brauchen, muss trainiert und unterhalten werden. Es braucht drei Dinge, das gilt für jede Feuerwehr: 1. Menschen, 2. Wissen und Kompetenzen und 3. Material. Mit dem Mix kann man spielen. Wir haben viel Material und gutes Wissen, aber dürfen nicht weniger Leute werden. Wenn wir dereinst nur noch einen Bestand von 60 Personen hätten, müssten wir uns fragen, welche Aufgaben wir noch erfüllen können und welche nicht.

Und wie geht es nun weiter mit der ­Entwicklung der Feuerwehr?

Die Idee ist, dass wir 2021 den Rest der wichtigen Themen aus den Workshops umsetzen. Dazu gehört ein Behelf, eine Sammlung von Checklisten als Nachschlagewerk für den Einsatz oder bereits für die Anfahrt. 80 Seiten haben wir bereits und das wächst laufend weiter. Im Frühling 2022 soll es dann nochmals einen Workshop geben. Im Sinne einer lernenden Organisation wollen wir dranbleiben: Was hat sich bewährt und was nicht? Wo sind wir gut aufgestellt und wo nicht? Es ist toll, dass die Leute so mitziehen, sei es bei Einsätzen oder an Übungen. Da steckt so viel Herzblut drin. Die Leute wollen, das gibt mir ein sehr gutes Gefühl.