Bezirk Affoltern
11.02.2021

Plötzlich waren da Grosseltern

Judit Buchwald mit Sohn Andrin. Die 40-Jährige ist froh um die Unterstützung, die sie durch das Projekt «mitenand» erhält. (Bild Livia Häberling)

Judit Buchwald mit Sohn Andrin. Die 40-Jährige ist froh um die Unterstützung, die sie durch das Projekt «mitenand» erhält. (Bild Livia Häberling)

Judit Buchwald lebt seit 2018 in der Schweiz. Die alleinerziehende Ungarin sagt, sie habe nie erlebt, wie es sich anfühlt, Eltern oder Grosseltern zu haben. Über das Projekt «mitenand» hat sie im Frühling Hugo und Irene Walther kennengelernt. Für sie und ihre drei Söhne ist das pensionierte Ehepaar ein Glücksfall.

Von: Livia Häberling

Manchmal legt Judit Buchwald am Abend eine CD ein. Schon mindestens dreissigmal haben ihre Söhne die Gutenachtgeschichte gehört, sagt sie. Ohne dass sie ihnen bisher verleidet sei. Der Anfang geht so: «Tri Tra Trallala, Tri Tra Trallala...»

Den Kasperli kennen Balázs (9), Enrico (5) und Andrin (3) seit ein paar Monaten. Hugo und Irene Walther aus Affoltern haben ihnen die CDs geschenkt. Ihre sieben Enkelkinder waren für die Hörspiele irgendwann zu alt, nun erfreuen sich die Jungs daran. Die Buben, die für das Ehepaar inzwischen auch wie Grosskinder sind.

Anderen Familien Zeit schenken

Irene Walther hat früher als Primarlehrerin gearbeitet, und Hugo Walther hat das Zivilstandsamt in Affoltern geleitet. Beide sind seit ein paar Jahren pensioniert und hüteten seither regelmässig ihre Enkelkinder. Als im letzten Frühling der Shutdown kam, fiel diese Aufgabe weg. So kamen die Walthers auf die Idee, ihre freie Zeit einer Familie zu schenken, die nicht so privilegiert ist wie sie. Kurze Zeit später las Irene ­Walther zufällig vom Projekt «mitenand», und das Ehepaar meldete sich bei Sozialdiakonin Gabriela Bregenzer.

Sie «matchte» die beiden mit Judit Buchwald. Die 40-Jährige wohnt mit ihren Söhnen seit drei Jahren in der Schweiz, mittlerweile in Mettmenstetten. Ursprünglich stammt sie aus ­Ungarn. Früher hat sie als Putzfrau und Gärtnerin gearbeitet, derzeit betreut sie ihre Kinder. Zur Unterstützung bezieht sie Sozialhilfe.

Als alleinerziehende Mutter ist Judit Buchwald in der Vergangenheit immer wieder an ihre Belastungsgrenze gestossen, wie sie sagt. Auch, weil sie seit Längerem mit gesundheitlichen Problemen kämpft. Als ihr die Beiständin der ­Kinder vom Projekt «mitenand» erzählte, war sie begeistert und meldete sich sofort an. «Ich lebe alleine in der Schweiz, die Kinder haben nur mich», sagt sie. «Wohin sollen sie, falls mir ­etwas zustösst?»

«Ich wusste, dass ich ihnen zu hundert Prozent vertrauen kann»

Judit Buchwald hatte Glück: Während einige Familien sich mehrere Monate gedulden müssen, bis eine Begleitperson gefunden ist, erhielt sie bereits nach zwei Wochen eine Zusage. Vor den Sommerferien fand das Kennenlern-Treffen mit den beiden älteren Söhnen statt. Andrin, der Jüngste, war noch nicht dabei. Der fünfjährige Enrico sei mit seinem Spielzeug sogleich auf sie zugelaufen und habe Kontakt gesucht, erinnert sich Irene Walther. «Es hat von Anfang an einfach gepasst», sagt sie. Auch Judit Buchwald war vom Ehepaar sofort überzeugt: «Als ich die beiden gesehen und mit meinen Kindern erlebt habe, wusste ich, dass ich ihnen zu hundert Prozent vertrauen kann.»

Etwas skeptischer war der neunjährige Balázs. Er blieb zunächst lieber in seinem Zimmer. Später sei dann aber auch er ins Wohnzimmer gekommen. Als er ein paar Tage darauf Geburtstag hatte, machten Irene und Hugo Walther einen Ausflug in den Zoo – mit ihm ganz alleine. Darüber habe er sich sichtlich gefreut, so Irene Walther. Das Eis war gebrochen. Seither sehen sie und ihr Ehemann die drei Kinder regelmässig – wenn möglich jede Woche. Meistens sind es Halbtages-Ausflüge, drei bis sechs Stunden, in denen Judit Buchwald Dinge erledigt, zu denen sie sonst nicht kommt. Oder in denen sie einfach mal durchatmet. «Drei Kinder grosszuziehen, ohne ein Umfeld, das einen unterstützt – das ist sehr streng», weiss Irene Walther. Sie ist selbst dreifache Mutter und erinnert sich gut, wie froh sie damals war um die Unterstützung von Familie und Freunden.

Eine Spielkultur, die sie nicht kannte

Im Dinosauriermuseum in Aatal waren sie schon gemeinsam, oder im Tierpark Goldau. Im Sommer haben sie am Jonenbach gebrätelt und waren auf einem Erlebnispfad. Zweimal haben die Jungs sogar schon bei den Walthers übernachtet. Nun jedoch sind die meisten Ausflugsziele wieder geschlossen. Deshalb kam es auch schon vor, dass Irene und Hugo Walther die Familie Buchwald in ihrer Wohnung in Mettmenstetten besucht haben. Dieses Treffen hat sich bei Judit Buchwald besonders eingeprägt: «Hugo und Irene sassen fast vier Stunden auf dem Boden und haben mit den Kindern gespielt. Chapeau!»

Diese Art, sich mit Kindern zu beschäftigen, habe sie vorher nicht gekannt, sagt Buchwald. Sie selber habe keine gekauften Spielsachen gehabt, und auch keine Eltern oder Grosseltern, die sich für sie Zeit genommen hätten. Umso schöner ist es für Judit Buchwald, dass es ihren Kindern anders geht. Sie kommt aus dem Schwärmen kaum heraus: «Mit Hugo und Irene lernen sie dieses Gefühl kennen, das ist wunderschön. Was die beiden für meine Kinder tun, ist einfach grossartig.» Nicht zuletzt lernen ihre Kinder so auch die Schweizer Kultur näher kennen. Das, sagt sie, sei ihr sehr wichtig. «Tri, Tra, Trallala...»

Dankbar sind auch die Walthers: «Wir haben noch Energie und Zeit. Und wir freuen uns, dass wir eine andere Familie mit unserem Einsatz unter­stützen können.»