Bezirk Affoltern
30.03.2021

Der Seelsorger vom Camping Sihlwald

Zum Saisonabschluss 2020 inszenierte Pfarrer Werner Schneebeli (mit Gitarre) eine gottesdienstähnliche Feier mit den letzten Anwesenden, die Ende Oktober noch auf dem Zeltplatz anzutreffen waren. (Bilder zvg.)
Familienidylle: Werner Schneebeli geniesst das Dasein in der freien Natur zusammen mit seiner Frau, der Tochter, einer Enkelin und einem Enkel.
Mit seinem Wohnwagen und dem Vorzelt hat Schneebeli einen festen Stellplatz im Camping Sihlwald.

Zum Saisonabschluss 2020 inszenierte Pfarrer Werner Schneebeli (mit Gitarre) eine gottesdienstähnliche Feier mit den letzten Anwesenden, die Ende Oktober noch auf dem Zeltplatz anzutreffen waren. (Bilder zvg.)

Zum Saisonabschluss 2020 inszenierte Pfarrer Werner Schneebeli (mit Gitarre) eine gottesdienstähnliche Feier mit den letzten Anwesenden, die Ende Oktober noch auf dem Zeltplatz anzutreffen waren. (Bilder zvg.)
Familienidylle: Werner Schneebeli geniesst das Dasein in der freien Natur zusammen mit seiner Frau, der Tochter, einer Enkelin und einem Enkel.
Mit seinem Wohnwagen und dem Vorzelt hat Schneebeli einen festen Stellplatz im Camping Sihlwald.

Familienidylle: Werner Schneebeli geniesst das Dasein in der freien Natur zusammen mit seiner Frau, der Tochter, einer Enkelin und einem Enkel.

Zum Saisonabschluss 2020 inszenierte Pfarrer Werner Schneebeli (mit Gitarre) eine gottesdienstähnliche Feier mit den letzten Anwesenden, die Ende Oktober noch auf dem Zeltplatz anzutreffen waren. (Bilder zvg.)
Familienidylle: Werner Schneebeli geniesst das Dasein in der freien Natur zusammen mit seiner Frau, der Tochter, einer Enkelin und einem Enkel.
Mit seinem Wohnwagen und dem Vorzelt hat Schneebeli einen festen Stellplatz im Camping Sihlwald.

Mit seinem Wohnwagen und dem Vorzelt hat Schneebeli einen festen Stellplatz im Camping Sihlwald.

Im vergangenen Herbst stand der Campingplatz Sihlwald vor der Schliessung. Die Stimmung der Camper war am Boden. Sie gründeten einen Verein zur Rettung ihres geliebten Campingplatzes mit Werner Schneebeli, Pfarrer in Affoltern, als Präsident. Der Platz kann nun weiterhin ­betrieben werden – und ­Schneebeli weiter das Camper­dasein an der Sihl geniessen.

Von: Stefan Schneiter

Die Hiobsbotschaft kam im Sommer 2020. Der Campingplatz Sihlwald, mitten im Wildnispark Zürich an der Sihl gelegen, sollte auf Ende Oktober geschlossen werden. Die Stiftung Wildnispark Zürich gab bekannt, die Infrastruktur sei marode und müsse komplett erneuert werden. Der Vertrag mit der langjährigen Campingplatz-Betreiberin Conny Landolt lief per Ende Jahr aus und der Campingplatz sollte nach den Absichten des Wildnisparks in ein ­nachhaltiges, naturnahes Konzept einge­bettet werden.

Die angekündigte Schliessung scheuchte nicht nur die langjährigen Camper auf, sondern auch Werner Schneebeli. Schneebeli ist seit 1995 reformierter Pfarrer in Affoltern. Aufgewachsen ist er in Horgen. Seit den 1990er-Jahren verbrachte er immer wieder seine Ferien auf dem Campingplatz Sihlwald, zusammen mit seiner Familie. «Es lagen für uns während meinem Studium nur bescheidene Ferien drin, wir mussten schauen, was wir uns mit unserem schmalen Budget leisten können. Der nahegelegene Campingplatz kam uns da gelegen», erzählt Schneebeli. Vor fünf Jahren kauften sie sich einen 30-jährigen Wohnwagen und machten Ferien in der Schweiz und in Europa. Im Herbst 2019 entschieden sie sich, den Wohnwagen eine ganze Campingsaison über, vom April bis Ende Oktober, im Sihlwald abzustellen und setzten dies im vergangenen Frühling in die Realität um, kurz bevor die Nachricht von der Schliessung des Campingplatzes be-kannt wurde. «Es ging ein Ruck durch die Sihlwaldcamper, denen es auf dem Platz sehr gefällt. Für einige von ihnen ist die Gemeinschaft eine willkommene Ersatzfamilie», so Schneebeli.

Der ideale Campingplatz

Er selber verbrachte das letzte Jahr rund hundert Tage auf dem Campingplatz. «Während dem Shutdown mit all seinen Einschränkungen war es für mich das Schönste, einfach weg vom Zeug auf den Zeltplatz zu gehen.» Schneebeli richtete sein Homeoffice dort ein, in dem er an Zoomsitzungen teilnahm, Telefonate erledigte sowie seine Gottesdienste und den Konfirmandenunterricht vorbereitete. Der Campingplatz Sihlwald lag für ihn optimal zentral, um als Notfallseelsorger Pikettdienst für die Bezirke Affoltern und Horgen zu leisten und auch für Treffs mit seiner Familie. Zwei seiner drei Kinder, seine drei Enkelkinder und seine Mutter wohnen in Wollishofen, Wädenswil und Horgen – einen besseren Ort fürs familiäre Zusammensein gab es im Coronajahr nicht. Längst war ­Schneebeli auch Teil der Zeltlergemeinschaft geworden, die wunderbare Stunden in der Naturoase, direkt an der Sihl, verbringen konnte.

Im September wurde die Interessengemeinschaft (IG) Sihlwald gegründet, die sich für den Weiterbestand des Platzes einsetzte. «Als Pfarrer bist du kein Revoluzzer, du kannst reden, du kannst verhandeln, bist diplomatisch», hiess es von allen Seiten. Folgerichtig übergab man Schneebeli das Präsidentenamt. Im Februar bildete sich aus der IG ein Verein. «Der Verein bezweckt die Erhaltung und Nutzung des Campingplatzes Sihlwald unter Beachtung sämtlicher Richtlinien des Naturschutzes in Kooperation mit der Stiftung Wildnispark Sihlwald Zürich, solange die Stiftung kein eigenes Nutzungskonzept umsetzt», heisst der entsprechende Eintrag im Handelsamtsblatt. Präsidiert wird auch dieser Verein von Werner Schneebeli.

Nur einen Monat nach seiner Gründung ist bereits ein erster Erfolg erzielt. Vor zwei Wochen haben sich der Verein und die Stiftung Wildnispark auf die Wiedereröffnung des Campingplatzes auf Saisonanfang im April geeinigt. Vereinbart wurde eine Zwischennutzung, die bis zum Vorliegen eines neuen Platz-Konzepts und der Sicherung der Finanzierung gilt. Der Verein kann den Platz, ohne Miete zu bezahlen, nutzen und ist für den gesamten Betrieb zuständig. Grosse Investitionen in die in die Jahre gekommene Infrastruktur sind nicht geplant, doch ist etwa die Sanierung des Kinderspielplatzes nicht mehr aufzuschieben. Ansonsten gilt es, den ganzen Zeltplatz à jour zu halten. Eine Aufgabe, welche die neue und alte Platzwartin Conny Landolt wahrnehmen wird. Der Verein trägt auch das finanzielle Risiko. Um rote Zahlen zu vermeiden, muss er rund 70000 Franken einnehmen. Die Hälfte davon soll durch die Vermietung von 15 der insgesamt 80 Stellplätze an Dauercamper zusammenkommen.

«So etwas wie ein Platzpfarrer»

Der Campingplatz Sihlwald dürfte wohl der einzige sein mit einem Pfarrer als «Chef». «Ich bin schon so etwas wie ein Platzpfarrer geworden», sagt Schneebeli von sich. Als eine Art Seelenklempner agierte er mit der Rettung des Campingplatzes für die alteingesessenen Camper, die stark an ihrem Platz hängen. Und nicht zuletzt hat Schneebeli ein offenes Ohr für die Menschen, die ihr Leben anders gestalten als die meisten in der Wohlstandsgesellschaft, und die während sieben Monaten im Jahr direkt an der Sihl ein Zuhause und einen Ort des zurückgezogenen Daseins mitten im Wildnispark finden.