Sport
06.04.2021

«Auf diese Weise will ich mich nicht vom Fussball verabschieden»

Schreibt in der Fussball-Zwangspause Texte für ein Buchprojekt von Beat Schlatter: Manager Fredy Bickel in seinem Haus in Mettmenstetten neben einem Bild der Sängerin Edith Piaf, die er bewundert.  (Bild Werner Schneiter)

Schreibt in der Fussball-Zwangspause Texte für ein Buchprojekt von Beat Schlatter: Manager Fredy Bickel in seinem Haus in Mettmenstetten neben einem Bild der Sängerin Edith Piaf, die er bewundert. (Bild Werner Schneiter)

Am gleichen Tag, als die ­chinesische Fosun-Gruppe die Grasshoppers übernahm, musste er gehen: Fussballmanager Fredy Bickel wartet nun seit einem Jahr auf ein Engagement. «Ich will eine neue Herausforderung und nicht auf diese Weise abschliessen», sagt er.

Von: Werner Schneiter

Wir sitzen in einem neueren Haus in Mettmenstetten, einem Bickel-Familienprojekt, wo auch Fredy Bickels Schwester Christine mit Familie wohnt. Im Wohnzimmer hängt ein von Sänger Büne ­Huber gemaltes Bild von Edith Piaf, die von Fredy Bickel bewundert wird. Seit knapp einem Jahr hat er nun mehr Zeit, sich an ihren Songs zu erfreuen. Im April 2020 musste Fredy Bickel sein Büro bei den Grasshoppers räumen, Knall auf Fall. Er erzählt ausführlich von dieser unerfreulichen Geschichte, die mit dem Einzug der Chinesen vorerst erfreulich begann. «Verwaltungsrat Andras ­Gurovits rief mich genau eine Woche zuvor an und sagte: Wir sind weiter dabei.» Ein Trugschluss, wie sich nach ­einem Gespräch mit GC-Insider Erich Vogel wenige Stunden nach dem Gespräch mit Gurovits ergab. «Ihr seid weg vom Fenster», kündigte er Bickel bei einem Gespräch auf der Tartanbahn beim Fussballplatz in Thalwil an.

Gurovits ist noch Verwaltungsrat, weil der Zentralvorstand statutengemäss dort vertreten sein muss. Bickel ist weg. An diesem Umstand nagt der ­Mettmenstetter heute noch sichtlich, insbesondere, weil er beim Rekordmeister nicht nur eine äusserst talentierte Mannschaft managen durfte, sondern auf ein kompetitives Team zählen ­konnte, das mit ebenso viel Herzblut wie Fredy Bickel dabei war.

Texte für Beat Schlatters Buchprojekt geschrieben

Seither wartet er auf ein neues Engagement. Aber da macht ihm Corona einen Strich durch die Rechnung. Es kam gleich nach der Trennung bei GC zu ­Gesprächen mit Servette, aber die schoben den Entscheid auch aus finanziellen Überlegungen hinaus. Der Genfer Traditionsverein wird inzwischen vom ­Ex-Internationalen Philippe Senderos gemanagt. «Da musst du aufpassen, um nicht in ein Loch zu fallen», gibt Bickel unumwunden zu – keine einfache ­Sache, weil er in den 30 Jahren Tätigkeit im Fussballbusiness nur zweimal eine kurze Pause eingeschaltet hat. Aber er hat in der aktuellen Zwangspause immer wieder Kontakte zu Weggefährten gehabt. «Viele Ehemalige und Aktive haben mich angerufen und um Rat gebeten, darunter Blerim Dzemaili bevor er beim FCZ unterschrieben hat.» Auch drei Transfers hat Fredy Blickel eingefädelt, sich aber im Hintergrund gehalten. «Es waren reine Freundschaftsdienste. Würde ich als Spielerberater auftreten, wäre ich weg im Geschäft als Manager oder Sportchef», befürchtet er.

Halt gab ihm auch seine Lebenspartnerin, die Komikerin Regula Esposito alias Helga Schneider, und zudem kreuzte sein Freund, der Komiker und Schauspieler Beat Schlatter, mit einem Buchprojekt auf, für das er bereits mit dem einen oder anderen Verlag in Verhandlung steht. Bickel und Schlatter schreiben dazu die Texte zusammen. Der ­Mettmenstetter überbrückt mit dem Schreiben ein Stück Leere; schliesslich hat er auch als Journalist gearbeitet und die ersten Texte jeweils dem «Anzeiger» ­geliefert. «Je länger du weg bist vom Geschäft, desto schwieriger wird eine Neuverpflichtung», gibt er frei heraus zu.

Oft nahe an einer Verpflichtung

Bickel hat mit vielen Vereinen Kontakt. Oft stand er nahe an einer Verpflichtung. Neben Servette scheiterte ein Engagement im letzten Moment auch in Hannover und in Nürnberg. Hannover spielte plötzlich erfolgreich auf. Und bei Nürnberg meldete sich kurz vor Bickels Vertragsunterschrift Dieter Hecking, eine Nürnberger Ikone, beim Verein. Der eigentliche Trainer bot sich als Manager an und wurde dabei von der Boulevard-Zeitung Bild gepusht.

«Ich könnte zwar in die Privatwirtschaft wechseln. Aber auf diese Weise will ich im Fussball nicht abschliessen», betont Bickel, der im Mai dieses Jahres 56-jährig wird. Nun ja, berechtigte Hoffnung darf er sich durchaus machen, weil er in der Schweiz als einer der erfolgreichsten Fussballmanager/Sportchefs gilt, wenn nicht der erfolgreichste überhaupt: Die Berner Young Boys hat er als CEO zum Aufstieg geführt (2001); er hat dort die Meistermannschaft geformt und Trainer Adi Hütter installiert. Bickel ist beteiligt am Cupsieg und den drei Meistertiteln des FC Zürich. Er genoss in den 90er-Jahren auch die grossen Erfolge mit den Grasshoppers, wo ihn 1991 Erich Vogel unter die Fittiche nahm. Den schönsten Titel feierte er mit dem FCZ 2006, der in der Nachspielzeit im entscheidenden Match den FC Basel 2:1 bezwang (Torschütze: der Rumäne Filipescu).

«Ich hätte in Wien bleiben sollen»

Im Dezember 2016 wurde Fredy Bickel vom österreichischen Rekordmeister Rapid Wien als Geschäftsführer Sport verpflichtet. Er zögerte vorerst, weil er nach dem Abgang bei YB eine Pause benötigte, bereut aber seine Zusage überhaupt nicht – nicht nur wegen des Fussballs, sondern auch mit Blick auf das kulturelle Angebot. So hat er wöchentlich Konzerte besucht. Zudem besteht ein familiärer Bezug zu Österreich: eine Grossmutter stammt aus dem Vorarlberg, die andere aus Wien. «Sie wollte kurz vor ihrem Tod nochmals nach Wien und stieg im Hotel Renaissance ab. Für die Verhandlungen buchte Rapid Wien einen Konferenzraum im selben Hotel. Zufälle gibt es nicht, ich konnte nicht anders als das Vertragsangebot annehmen. Ich habe sofort mit der Arbeit begonnen und bin gleich im Hotel ­Renaissance geblieben, bis ich meine Wohnung im zweiten Bezirk beziehen konnte», erzählt Fredy Bickel.

Ständigen Kontakt pflegte er auch mit Marcel Koller, damals Trainer der österreichischen Nationalmannschaft. Doch dann folgte, was im Fussball ­immer wieder geschieht: Im Januar 2019 wurde sein Vertrag vorzeitig, bis Sommer 2022, verlängert. Doch dann kams bei Rapid zu einem privat bedingten, überraschenden Präsidentenwechsel. «Auch dem neuen Vereinsoberhaupt stand ich privat nahe, in Sachen Fussball waren wir jedoch meilenweit voneinander entfernt», sagt Fredy Bickel und fährt fort: «Bei YB habe ich meine Stelle durch Zerwürfnisse mit einem Teil des Verwaltungsrates verloren. So etwas wollte ich nicht mehr erleben. So setzte ich mich mit dem neuen Rapid-Präsidenten zusammen. Wir haben freundschaftlich ausgemacht, den Vertrag gemeinsam im Juni 2019 zu beenden. Im Nachhinein wäre ich vielleicht besser in Wien geblieben», sagt er heute. Kontakte pflegt er noch immer mit den Österreichern.

Der «Blick» als Stolperstein

Nach dem Gastspiel an der Donau stand Fredy Bickel auch ernsthaft im Gespräch als Chef der Schweizer Fussballnationalmannschaft, fand sich unter den letzten drei Bewerbern – und stand dabei auch in der Gunst der Spieler. Hier wurde ihm, so interpretiert er es, das seit Jahren getrübte Verhältnis zum «Blick» zum Verhängnis. «Der war in der Schlussentscheidung mein grösster Stolperstein», fügt er bei. Der Direktor heisst nun Pierluigi Tami.

Wohin es ihn als Sportchef, Manager oder Geschäftsführer auch immer ziehen wird: «Ich bin froh, dass ich in Mettmenstetten meinen Alterssitz habe. Schliesslich bin ich hier aufgewachsen, dies ist mein Dorf, wo ich viele Kontakte pflege – auch als Mitglied des «Dunschtigclubs». Beim FC Affoltern ist Fredy Bickel Ehrenmitglied. Dass er dort dereinst Manager-Aufgaben übernimmt, schliesst er aber vorerst aus ...