Bezirk Affoltern
15.07.2021

Als Journalist über Generationen bekannt

Auf einen Kaffee im «Central»: Journalist Erich Gysling, der Weitgereiste, 
fühlt sich wohl in Affoltern, wo er seit 2009 wohnt. (Bild Werner Schneiter)

Auf einen Kaffee im «Central»: Journalist Erich Gysling, der Weitgereiste,

Er wohnt seit 2009 in Affoltern, ist als Journalist über die Landesgrenzen hinaus bekannt und immer noch aktiv: Erich Gysling feiert morgen Samstag seinen 85. Geburtstag – bei bester Gesundheit.

Von: Werner Schneiter

Man kennt ihn über Generationen hinweg, und er ist auch immer wieder am TV zu sehen – auch ein Grund, weshalb Erich Gysling bei seinen 10000 täglichen Schritten durch Affoltern und die Region immer noch erkannt wird. «Klar, ich werde auf der Strasse angesprochen. Letzthin von einem Bauern, mit dem ich eine tiefgründige Diskussion über den Nahen Osten führen konnte», sagt der Jubilar. Er und seine Frau Andrea fühlen sich wohl in Affoltern – ein Domizil, das sie nach rund 30 Jahren in der Stadt Zürich vor zwölf Jahren ausgesucht haben. Das Ehepaar bewohnte in der Stadt zwar ein schönes Jugendstilhaus, dann aber – so Erich Gysling – haben sich auch die unpraktischen Seiten bemerkbar gemacht. Zum Beispiel das Treppensteigen. Oder der Lärm. Der Umzug ins Säuliamt entsprach in erster Linie dem Wunsch seiner Ehefrau. «Gerade in der Coronazeit und während des Shutdowns waren wir glücklich mit dem Wohnsitz auf dem Land», ergänzt Erich Gysling. Der Weitgereiste verfolgt natürlich auch die regionale und lokale Politik, liest den «Anzeiger» – und ist auch mal an einer Gemeindeversammlung anzutreffen, zumindest dann, wenn das Thema interessiert. Auch das Spital Affoltern hat sein Interesse geweckt, nicht nur aus politischen Gründen: «Ich war dort für eine Reha», sagt er und spricht von vorgängigen «Spenglerarbeiten» an seinem Körper, in Zürich.

Reisepläne auf 2022 verschoben

Erich Gysling fühlt sich gut, sieht auch keinen Grund, sich zurückzuziehen, wie das bei Altersgenossen oft der Fall ist. Als Reiseveranstalter (Background Tours) musste er die geplanten Trips nach Iran und ins südliche Afrika wegen der Pandemie verschieben und hofft, dass das Reisen 2022 möglich sein wird.

Der Fachmann ist bei SRF und TeleZüri, aber auch in Printmedien immer wieder als profunder Nahost-, Iran- und USA-Kenner gefragt – Analysen, die Gewicht haben. Seine Einschätzungen sind auch im «Infosperber» nachzulesen.

Erich Gyslings journalistische Karriere ist beeindruckend. Er studierte in Wien Kulturgeschichte. Er war in Düsseldorf und beim Berliner Radiosender Rias tätig und wurde 1964 Leiter der Tagesschau-Redaktion. 1968 gründete er zusammen mit Annemarie Schwyter, Heiner Gautschy und Hans O. Staub die «Rundschau» am Schweizer Fernsehen. Zwischendurch stand er bei der «Weltwoche» der Ausland-Redaktion vor, kehrte zum Fernsehen zurück, übernahm dort 1985 die Chefredaktion und 1990 die Leitung der «Rundschau». Später fungierte er als Chefkommentator für politische Ereignisse und moderierte «Standpunkte» für NZZ-Presse-TV. Erich Gysling kann sich in neun Sprachen unterhalten und Nachrichten konsumieren, auch auf Arabisch.

Keine Vermischung von Information und Unterhaltung

Ende 1994 verliess er das Fernsehen. In erster Linie deshalb, weil er die Vermischung von Information und Entertainment zu Infotainment nicht mittragen mochte. Bei der Gründung der «Rundschau» wurde dieses Gefäss in den ersten Jahren gestaltet wie eine Zeitung – mit diversen Ressorts. «Das war damals revolutionär, fand Nachahmer, war dann aber irgendwann überholt», sagt Erich Gysling und zollt den heutigen «Rundschau»-Macherinnen und -Machern Lob: «Die Sendung ist gut, ja sogar prima.»

Und was sagt der altgediente Journalist zum heutigen Journalismus? «Er ist breiter und vor allem schneller, aber oft weniger tiefgründig – die Auslandberichterstattung wurde leider stark gestutzt.»

Bei der Recherche haben es Medienschaffende einfacher. Während sie auf Wikipedia, Google und auf Spezialportale zurückgreifen können, mussten früher die Infos in mühsamer Arbeit zusammengetragen werden. «Wir gingen für die Recherche auch mal in die Zentralbibliothek und durchkämmten dort Schriften. Oder wir wählten auf dem Transistor-Radio den Kurzwellendienst», erinnert sich Erich Gysling. Ist der Journalismus durch das leichtere Abgreifen von Infos auch genauer ­geworden? «Die Geschwindigkeit hat die Genauigkeit eliminiert. Das ist zumindest meine Vermutung», fügt er ­lächelnd bei.

Die Frage, ob er morgen Samstag, anlässlich seines 85. Geburtstags, ein Fest steigen lässt, verneint Erich ­Gysling. Intensiv hat er Wiegenfeste nie gefeiert, für den Samstag aber eine Flasche ­Bordeaux bereitgestellt, die er mit Ehefrau Andrea geniessen wird.