Bezirk Affoltern
15.07.2021

«Nicht grundlos haben wir im Bezirk mit die tiefsten Gesundheitskosten»

«Wichtig ist, dass die Bevölkerung und die Zuweiser das Spital Affoltern als ‹unser Spital› wertschätzen», sagt Spitaldirektor Lukas Rist. (Bild Thomas Stöckli)

«Wichtig ist, dass die Bevölkerung und die Zuweiser das Spital Affoltern als ‹unser Spital› wertschätzen», sagt Spitaldirektor Lukas Rist. (Bild Thomas Stöckli)

Seit dem 1. April ist Lukas Rist Direktor des Spitals Affoltern. Im Interview spricht er über die laufende Bewerbung für die Spitalliste sowie die Rolle des Spitals Affoltern in der Region und darüber hinaus.

Von: Interview: Thomas Stöckli

«Anzeiger»: Das Spital Affoltern hatte ­zuletzt eine bewegte Zeit mit politischen Querelen. Was hat Sie am Job gereizt?

Lukas Rist: Die Ausrichtung des ­Spitals. Ich habe als damaliger Spitaldirektor in Richterswil mitbekommen, wie die Palliative Care aufgebaut wurde und wie nach dem «Modell Affoltern» die interprofessionelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit gelebt wird.

Was hat Sie in den ersten 100 Tagen als Spitaldirektor gefreut?

Gefreut hat mich die Grösse des ­Betriebs: Man kennt sich und arbeitet engagiert zusammen. Es gibt kein «Gärtli-­Denken», sondern alle ziehen an einem Strick. Die Wege sind kurz, wenn man etwas gestalten will, geht es entsprechend schnell. Und das macht vieles einfacher.

Worüber haben Sie sich geärgert?

In der Leistungserfassung können wir noch besser werden und auch in der Erreichbarkeit. Bestrebungen in dieser Richtung werden aber gut aufgenommen und wir entwickeln uns weiter. Sehr gefordert hat uns natürlich die Pandemie. Da war es toll zu sehen, was man mit Zusammenhalt erreichen kann: Das Beste geben und die Befriedigung spüren, wenn es einmal mehr wieder geklappt hat. Geärgert hat mich auch, dass wir keine Kurzarbeit anmelden durften. Durch den Shutdown ­haben wir viel Geld verloren. Immerhin gab es dann in der zweiten Welle etwas Unterstützung.

Es war für Sie kein Kaltstart am 1. April, Sie waren gemeinsam mit Verwaltungsratspräsident Stefan Gyseler vorher schon Co-Direktor ad interim. Was hat sich in Ihrer Rolle verändert?

Ich darf jetzt mehr Zeit hier verbringen und mich um alle operativen Dinge kümmern. Ich bin nicht mehr im Verwaltungsrat und Stefan Gyseler hat sich aus dem Operativen zurückgezogen. So haben wir wieder eine klare Gewaltentrennung. Der Vorteil der gemeinsamen Interimslösung war, dass wir uns ein Jahr lang kennenlernen konnten. Von den gegenseitigen Einblicken profitieren wir jetzt beide.

Sie haben das Ruder in einer doppelt ­heissen Phase übernommen, wo steht das Spital Affoltern in der Bewältigung der Coronapandemie?

Sowohl im stationären wie auch im ambulanten Bereich spüren wir eine Entspannung. Die Nachfrage nach Tests nimmt vor den Ferien jeweils wieder zu, aber auch da haben wir mit der Integration des Testcenters ins Impfzentrum eine schnelle und unkomplizierte ­Lösung gefunden. Es freut uns, wenn wir so einen Beitrag leisten können für die Bevölkerung im Knonauer Amt.

Sie sprechen darauf an, dass im Impf­zentrum neu auch Coronatests durch­geführt werden. Was bedeutet das für die räumlichen Abläufe im «Holiday Inn»?

Wo bisher die Anmeldekojen ­waren, wird neu getestet. Die Impfwilligen kommen stattdessen durch den Haupteingang rein. Der Standort im «Holiday Inn» ist für uns ein Glücksfall, nicht nur wegen der zentralen Lage, sondern auch wegen der Grösse und den Gestaltungsmöglichkeiten.

Das andere heisse Thema ist die Bewerbung um Leistungsaufträge. Wo stehen Sie da?

Wir sind daran, das Bewerbungs-Tool der Gesundheitsdirektion, das am 8. Juli aufgegangen ist, zu studieren. Wir haben uns akribisch vorbereitet und sind gewappnet. Und wir sind auch ­zuversichtlich, dass bei der Gesundheitsdirektion angekommen ist, welche ­Bedeutung das Spital Affoltern hat, als regionales Spital, das aber auch überregional eine Rolle spielt

Als Leuchtturm-Disziplinen gelten Akutgeriatrie, Palliative Care und Psychiatrie. Welchen Status hat das Spital Affoltern in diesen Bereichen und was sind die weiteren Ziele?

Ich kann mit Stolz sagen, dass der Status gut ist. Ich durfte Zertifizierungen und Audits miterleben für die Psychiatrie, Akutgeriatrie und Palliative Care. Überall war das Feedback sehr gut. Und das kommt von Experten mit Vergleichsmöglichkeiten aus der ganzen Schweiz. Wir haben die zweitgrösste Akutgeriatrie im Kanton Zürich. Ein grosser Vorteil ist auch, dass wir Psychiatrie und somatische Medizin an einem Standort vereinen. So muss der Patient nicht hin und her verlegt werden. Insbesondere für ältere Patienten ist das wichtig.

Leistungsaufträge streben Sie auch im ­Basispaket Grundversorgung an. Weshalb braucht es das?

Für die wohnortsnahe Grundversorgung: Wir wollen 24 Stunden für die Bevölkerung da sein. Dazu braucht es ein Basisangebot mit Notfall. Und zur notwendigen Ergänzung für die Spezialdisziplinen: In der Akutgeriatrie tauchen zum Beispiel oft auch urologische, onkologische oder chirurgische Fragestellungen auf, Durch unsere inter­disziplinäre und interprofessionelle ­Zusammenarbeit bekommt der Patient aus einem ganzheitlichen Angebot die richtige Behandlung.

Sind zusätzliche Leistungsaufträge ein Thema?

Tatsächlich werden wir uns für die Gerontopsychiatrie bewerben. Dieses Puzzleteil fehlt uns noch und der Kanton spricht hier von einer Unterversorgung. Affoltern lebt von einer sinnvollen Medizin: Wir rennen nicht jenen Disziplinen nach, welche die schnellste Rendite versprechen. Mit der Akutgeriatrie und der Psychiatrie haben wir ideale Voraussetzungen für die Geronto­psychiatrie. Fachärzte sind in diesem Bereich zwar nicht einfach zu finden, aber in der Akutgeriatrie auch nicht – und trotzdem haben wir deren sechs.

Leistungsaufträge sind auch an ökonomische Kriterien geknüpft. 2020 gelang es nicht, schwarze Zahlen zu schreiben. Ist das ein Problem?

Nein, das ist kein formales Problem. 2020 war wegen Corona ein Ausnahmejahr. Die Gesundheitsdirektion hat ­bestätigt, dass sie sich auf die Zahlen von 2019 abstützt. Und da lagen wir bei den Fallkosten im unteren Drittel. Liquiditätsmässig stehen wir auch sehr gut da; die nachhaltige Finanzierung ist ­gewährleistet.

Wie sehen die Zahlen fürs erste Halbjahr 2021 aus?

Budgetiert haben wir eine schwarze Null – im Wissen, dass Corona noch eine Rolle spielt. Und wir sind auf Kurs. In der Leistungserfassung ambulant sind wir sehr gut unterwegs, da zieht es wieder an nach Corona. Und im stationären auch. Aber das ist kein Selbstläufer, wir müssen dafür etwas tun. Deshalb sind wir im intensiven Austausch mit den Hausärzten: Wo können wir besser ­werden? Und was sind ihre Bedürfnisse? Wichtig ist, dass wir gut kommunizieren, was wir alles machen Und dass wir die Prozesse für die Zuweiser unkompliziert gestalten.

Was wenn das Spital einzelne Aufträge nicht bekommen sollte?

Dann müssen wir genau analysieren, was wir nicht bekommen haben und wie schmerzhaft das ist. Wir sind schon jetzt daran, das ambulante ­Angebot voranzutreiben. Dazu gehört die Dialyse, die wir schon länger planen, oder der Ausbau der Radiologie.

In den letzten Monaten wurden Kooperationen ausgebaut. Welchen konkreten ­Nutzen haben das Spital Affoltern und die Bezirksbevölkerung davon?

Im Bereich der Radiologie bringt uns ein MRI (Magnetresonanztomografie ­ermöglicht mittels starkem Magnetfeld und Radiowellen eine klare und genaue Darstellung von Organen, Anm. d. Red.) kostenneutral ein Komplettangebot vor Ort. Und davon profitiert die Bevölkerung. Und auch wenn man zur Dialyse muss, ist es von Vorteil, wenn man dies wohnortnah tun kann. Mehr Möglichkeiten bedeutet auch mehr Patienten.

Das Knonauer Amt leistet aktuell Pionierarbeit für eine integrierte Gesundheitsversorgung – welche Rolle will das Spital Affoltern dabei einnehmen?

Wir sehen uns als wichtigen Pfeiler und als Drehscheibe – gerade auch ­wegen unserer Ausrichtung auf Altersmedizin. Für die Spitex beispielsweise machen wir bereits den Einkauf. Da können wir Synergien nutzen. Nicht grundlos haben wir in unserem Bezirk mit die tiefsten Gesundheitskosten. Weil wir gut vernetzt sind, jeder den anderen kennt und weiss, was er macht, kommt der Patient schneller zur richtigen ­Behandlung. Unter Drehscheibe verstehe ich aber auch, dass wir Spezialisten hierherholen. So können wir wohnortnah eine sehr gute Behandlungsqualität anbieten.

Weshalb braucht es das Spital Affoltern in der Zürcher Spitallandschaft?

Nur schon wegen der Leuchttürme. Aber auch wegen der wohnortnahen Grundversorgung. Das ist übrigens ein erklärtes Ziel der Gesundheitsdirektion. Psychiatrie mit Mutter-Kind-Abteilung auf einem Areal – das wird geschätzt und ist auch ein Modell, wie es idealerweise sein müsste. In einem vertrauten Umfeld behandelt zu werden ist nämlich auch wichtig für die Gesundheit.

Und was braucht es, dass das Spital Affoltern im harten Wettbewerb bestehen kann?

In erster Linie natürlich Leistungsaufträge – am besten inklusive Gerontopsychiatrie. Das wäre strategisch gut für unsere Weiterentwicklung. Der Fachärztemangel wird so schnell nicht abnehmen, umso wichtiger ist es, Spezialdisziplinen auf Top-Niveau anbieten zu können, auch für unsere Rolle als Ausbildungsinstitution. Wichtig ist aber auch, dass die Bevölkerung und die Zuweiser das Spital Affoltern als «unser Spital» wertschätzen. Und irgendwann brauchts dann auch den Spital-Neubau. Im Moment geht es aber um die Leistungsaufträge. Den Neubau können wir dann in die Hand nehmen, wenn wir wissen, in welche Richtung es geht.

Wann werden Sie das sehen?

Wir hoffen, im März 2022. Dann liegen der Strukturbericht und die provisorische Spitalliste der Gesundheitsdirektion zur Spitalplanung vor. Ende 2022 fällt dann der definitive Entscheid.