Vermischtes
26.07.2021

Barbie stöckelt zum grossen Auftritt

Museums-Besitzer Ewald Schuler vor einer Vitrine mit Barbie-Segelboot. Es ist eines seiner Lieblingsobjekte aus der Sammlung. (Bilder Livia Häberling)
Nicht nur mit den Spielaccessoires verdiente der Konzern Mattel viel Geld, sondern auch durch Marketing-Deals mit McDonald‘s oder Coca-Cola.
Neustes Objekt in der Sammlung: Ein Kartontheater aus den 60ern. (Bild zvg.)

Museums-Besitzer Ewald Schuler vor einer Vitrine mit Barbie-Segelboot. Es ist eines seiner Lieblingsobjekte aus der Sammlung. (Bilder Livia Häberling)

Museums-Besitzer Ewald Schuler vor einer Vitrine mit Barbie-Segelboot. Es ist eines seiner Lieblingsobjekte aus der Sammlung. (Bilder Livia Häberling)
Nicht nur mit den Spielaccessoires verdiente der Konzern Mattel viel Geld, sondern auch durch Marketing-Deals mit McDonald‘s oder Coca-Cola.
Neustes Objekt in der Sammlung: Ein Kartontheater aus den 60ern. (Bild zvg.)

Nicht nur mit den Spielaccessoires verdiente der Konzern Mattel viel Geld, sondern auch durch Marketing-Deals mit McDonald‘s oder Coca-Cola.

Museums-Besitzer Ewald Schuler vor einer Vitrine mit Barbie-Segelboot. Es ist eines seiner Lieblingsobjekte aus der Sammlung. (Bilder Livia Häberling)
Nicht nur mit den Spielaccessoires verdiente der Konzern Mattel viel Geld, sondern auch durch Marketing-Deals mit McDonald‘s oder Coca-Cola.
Neustes Objekt in der Sammlung: Ein Kartontheater aus den 60ern. (Bild zvg.)

Neustes Objekt in der Sammlung: Ein Kartontheater aus den 60ern. (Bild zvg.)

Im März 1959 wurde Barbie an einer Spielzeugmesse lanciert. Seither eroberte die umtriebige Blondine Millionen Kinderherzen. Nun widmet ihr das Spielzeugmuseum "Pegasus Small World" im Aeugstertal eine Sonderausstellung.

Von: Livia Häberling

Zu einer geschäftlichen Erfolgstory gehört heute ein anständiger Gründungsmythos. Auch das populärste Produkt des US-Spielzeugkonzerns Mattel hat einen. Er geht so: Eines Tages erkannte Ruth Handler, dass die Spielzeug-Auswahl ihrer Tochter Barbara beschränkt war. Mit ihren Puppen konnte sie höchstens das Muttersein üben, während ihr Bruder Kenneth sich in den Rollen-spielen in einen Feuerwehrmann, Astronauten oder Arzt verwandelte. Das inspirierte Ruth Handler, eine Puppe zu kreieren, die Mädchen zeigte, dass sie die Wahl hatten. Dass sie alles sein konnten.

Was aus Ruth Handlers Tochter wurde, dürfte den wenigsten bekannt sein. Die Puppe aber machte vor aller Welt ordentlich Karriere. Seit Barbie im März 1959 erstmals präsentiert wurde, stöckelte und räkelte sie sich zuverlässig in die Herzen der Kinder.

Bis heute wurden mehr als eine Milliarde Barbies verkauft. Entsprechend hartnäckig taucht die Dame in den Kindheitserinnerungen vieler ­Erwachsener auf. «Wo ist Barbie?», haben sie Ewald Schuler immer und immer wieder gefragt, wenn sie sich im Aeugstertal durch sein Spielzeug-museum staunten. Nach 15 Jahren knickte er ein und beschäftigte sich mit der ­Blondine. Zunächst etwas wider-willig, wie er im Gespräch zugibt. Bis er bei der Lektüre gemerkt habe: «Das ist ja eine Riesengeschichte!»

Eine Opportunistin, die sich gewieft am Zeitgeist bediente

2016 enthüllt Ewald Schuler seine erste Barbie-Vitrine. Sie steht im ersten Obergeschoss, und mittlerweile ist sie eher ein Nebenschauplatz. Für seine Sonderausstellung hat sich Schuler nämlich auf die Suche gemacht – und hat vorwiegend an Online-Auktionen und über Mund-zu-Mund-Propaganda eine stattliche Barbie-Kollektion zusammengekauft.

Im Dachstock seines Museums zeigt sich die Puppe in etwa einem Dutzend Vitrinen: föhnfrisiert und hochtoupiert, im Abendkleid und in Hotpants, in Schlössern und Cabriolets, im Schwimmbassin und im McDonald’s.

Wenn Barbie etwas seit jeher kann, dann Vielfalt. Zwar nicht unbedingt im inkludierenden Sinn (bis 1980 gibt es nur ihre Freunde in dunkler Hautfarbe, Barbie bleibt hell und bis 2016 vollbusig und streichholzdünn), aber doch aus emanzipatorischer Sicht. Dem Narrativ ihrer Gründerin folgend, zeigte Barbie der Welt in zahlreichen Motto-Sonderausgaben, was sie alles zu sein vermochte: Sie landete 1965 (notabene vier Jahre vor Neil Armstrong) als Astronautin auf dem Mond, kandidierte 1992 gegen Bill Clinton für das Präsidentenamt oder mischte 2010 mit Glitzerleggings und rosarotem Laptop die Programmier-szene auf.

Als Opportunistin der ersten Stunde bediente sich Barbie so schamlos wie gewieft am Zeitgeist – und machte aus ihrem Slogan «You can be anything!» einen einträglichen Imperativ. Mehr als 150 Berufe soll Barbie schon ausgeübt haben. Mattel ist heute nach Lego der zweitgrösste Spielzeughersteller der Welt. Im Jahr 2019 erwirtschaftete der Konzern einen Umsatz von 4,5 Milliarden US-Dollar.

Spitzenmedizinerin inlebensunfähigem Körper

Barbies Ämterkumulation liess die Konzernkasse klingeln – doch die eine oder andere Holprigkeit im Lebenslauf brachte das Management auch in Erklärungsnot. Zum Beispiel doktorierte ­Barbie über die Jahre in vier medizinischen Disziplinen (darunter als Zahn-, Kinder- und Tierärztin), geriet jedoch ausgerechnet wegen der eigenen Anatomie in die Kritik: Wissenschaftler haben Barbies Körpermasse auf einen Menschen umgerechnet – und festgestellt, dass dieser nicht lebensfähig wäre. In ihren langen, dünnen Hals würde entweder eine Speise- oder eine Luftröhre passen, nicht beides. Im Unterleib fänden nicht alle lebensnotwendigen Organe Platz, und mit ihrem Taillenumfang von 46 und einem BMI von 16 müsste Barbie im echten Leben als magersüchtig eingestuft werden.

Mit dem Vorwurf, seine Puppe vermittle ein unrealistisches Körperbild, sah sich der Hersteller Mattel in der Vergangenheit immer wieder konfrontiert. «Wir müssen uns daran erinnern, dass Barbie ein Spielzeug ist», konterte der Konzern, nachdem die Kritik 2013 mal wieder lauter geworden war. «Mädchen verstehen, dass Barbie eine Puppe ist. Sie wurde nie nach den Proportionen eines echten Menschen modelliert.» Das sehen längst nicht alle so. Es gibt sogar Frauen, die sich den Körpermassen von Barbie möglichst weit annähern möchten und dafür eine Vielzahl von Schönheitsoperationen in Kauf nehmen. Unter dem Fachbegriff «Barbie-Syndrom» wird heute eine ­psychische Krankheit beschrieben: der Wunsch, wie die Kultpuppe auszusehen.

Das American Dreamgirl hat deutsche Wurzeln

In Ewald Schulers Museum machen die Gäste nicht nur mit Barbie und ihrem Langzeitlover Ken Bekanntschaft: Sie lernen auch den Rest der Sippe kennen. Entweder in Form von weiteren Puppen, oder anhand eines Stammbaums (der verblüffend viele Äste hat!). Und ja, es gibt auch Schulers Lieblingsfigur zu sehen. Das ist im Übrigen nicht Barbie, sondern Lilli, das blonde Mädel, das ab 1952 zunächst als Comicfigur in der deutschen «Bild» erschien und schon kurze Zeit später als Plastikpuppe verkauft wurde.

Und damit zu jenem Teil der Geschichte, der in den glattgebügelten Gründungsmythos ein paar Fältchen furcht. Er geht so: Ruth Handler war 1956 in der Schweiz in den Ferien, sah Lilli in einer Franz-Carl-Weber-Filiale, kaufte und kopierte sie, benannte die Puppe nach ihrer Tochter Barbara und stellte sie am 9. März 1959 in den USA an einer Spielzeugmesse vor. 1964 ­sicherte sich ihr Unternehmen Mattel die Rechte an der Puppe Lilli, daraufhin musste die Produktion in Deutschland eingestellt werden.

Barbie, das American Dreamgirl, ist also eigentlich Deutsche. Sie hat 150 Jobs mit Leichtigkeit gemeistert, doch was die Rolle der windigen Geschäftsfrau betrifft, kann sie von Mutti bestimmt noch was lernen.

Die Barbie-Sonderausstellung im Spielzeugmuseum «Pegasus Small World» ist noch bis Ende Jahr zu sehen. Habersaatweg 3 beim Türlersee, Aeugstertal. Geöffnet von Freitag bis Sonntag, 11 bis 17 Uhr. Infos auf www.spielzeug-museum.ch.

 

 

Barbie und Ken: Gossip zum Glamourpaar

Seit 1961 ist Barbie offiziell mit Ken liiert. Dieser Adonis ist nicht nur Mann ihrer fesselndsten Träume, sondern im Prinzip auch ihr Bruder: Die Gründerin Ruth Handler taufte Barbie nach ihrer Tochter Barbara – und Ken nach ihrem Sohn Kenneth ... Trotzdem lebten Barbie und Ken während 43 Jahren unbekümmert in wilder Ehe, bis es im Februar 2004 knallte: Barbie schnappte sich einen Surfer, eine Sprecherin des Mattel-Konzerns musste der Welt das Liebes-Aus verkünden. «War es, weil Ken nie heiraten wollte?», werweisste der «Spiegel» über das Püppchen-drama.

Dann schmiss «Mattel» seine PR-Maschinerie an: In New York buhlte Ken auf Plakaten um seine Barbie: «We may be plastic, but our love is real», schmachtete er. Und voilà: Just am Valentinstag 2011 verkündete Barbie, dass sie und Ken sich wieder nähergekommen seien. Das Liebes-Comeback war Tatsache. «Dass wir das noch erleben dürfen», klatschte der deutsche Fernsehsender N-TV, und die Frank-furter Allgemeine Zeitung frohlockte: «Barbies bestes Stück ist zurück.» Andere zeigten sich weniger mitfühlend. Ein Spielzeugwissenschaftler fand die Kampagne «ein bisschen amerikanisch». Kitsch as Kitsch Ken, quasi.

Jedenfalls haben sich Barbie und Ken seither wieder lieb, im Puppenparadies scheint zuverlässig die Sonne. Zumindest, bis «Mattel» wieder mal Aufmerksamkeit sucht. (lhä)