Bezirk Affoltern
15.11.2021

Regionalplanung im Clinch mit kantonalem Dogma

Selbst bei Kälte und Nebel ist die Velo-Parkieranlage des Bahnhofs Affoltern praktisch vollständig besetzt. Möglichkeiten, teurere Fahrräder einzuschliessen, Helme, Regenjacken und ähnliches zu deponieren sowie Lademöglichkeiten für E-Bikes fehlen. Um das Potenzial des Velo-Zubringerverkehrs zum Bahnhof auszuschöpfen, besteht Handlungsbedarf. (Bild bs)

Selbst bei Kälte und Nebel ist die Velo-Parkieranlage des Bahnhofs Affoltern praktisch vollständig besetzt. Möglichkeiten, teurere Fahrräder einzuschliessen, Helme, Regenjacken und ähnliches zu deponieren sowie Lademöglichkeiten für E-Bikes fehlen. Um das Potenzial des Velo-Zubringerverkehrs zum Bahnhof auszuschöpfen, besteht Handlungsbedarf. (Bild bs)

Das Dogma der kantonalen Baudirektion sorgte bereits beim Richtplan 2017 für Auseinandersetzungen: Das Wachstum der Region soll sich auf Affoltern und Hedingen konzentrieren. Den anderen Gemeinden werden Verbesserungen im Busverkehr vorenthalten, damit die Bevölkerung nicht zunehme. Im Bezirk löst dies Kopfschütteln aus.

Von: Bernhard Schneider

Die Strategie Öffentlicher Verkehr und kombinierte Mobilität wurde letzte Woche im Anschluss an die Delegiertenversammlung der ZPK von Projektbegleiter Matthias Lebküchner des Planungsbüros Infras präsentiert und anschliessend ausgiebig diskutiert. Sie setzt die strategischen Leitplanken für die künftige Entwicklung und befasst sich nicht mit einzelnen Fahrplananliegen.

2016 hatte der Chef des Amts für Raumentwicklung des Kantons Zürich, Wilhelm Natrup, im Interview mit dem «Anzeiger» festgehalten: «Ein Ausufern der Agglomeration Zug auf das südliche Knonauer Amt wollen wir verhindern.» Die Zahlen zeigen das Gegenteil: Mit der Bevölkerung wächst in den südlichen Gemeinden nahe bei Zug auch der Anteil des Autoverkehrs, obwohl eigentlich auch der Kanton den ÖV-Anteil steigern möchte, allerdings ohne Optimierung des Busverkehrs. Auch künftig ist mit weiterem Wachstum der südlichen ­Gemeinden zu rechnen, nicht wegen der Attraktivität der Busverbindungen, sondern wegen der vorhandenen Geschossflächenreserven.

Umstrittene kantonalen Vorgaben

Der Kantonsrat definierte im Kantonalen Richtplan vier Handlungsräume. Sie werden mit «urbane Wohnlandschaft», «Landschaft unter Druck», «Kulturlandschaft» und «Naturlandschaft» bezeichnet. Die «Urbane Wohnlandschaft» umfasst die Gemeinden Affoltern und ­Hedingen. Hier soll der Grossteil des regionalen Bevölkerungswachstums «unter Wahrung einer hohen Wohnqualität» stattfinden, das ÖV-Angebot soll ausgebaut werden. Gegensätzlich ist die «Kulturlandschaft» im Reppischtal, Oberamt und Maschwanden: Hier geniesst der Erhalt der Landschaft Priorität, die Erschliessungsqualität, auch durch den öV, soll nicht gesteigert werden. Die übrigen Gemeinden zählen zu «Landschaft unter Druck». Hier sollen die bestehenden Bauzonen im Einzugsbereich des öV verdichtet werden, ansonsten soll die Erschliessungsqualität keine Steigerung erfahren.

Die Regionalplanerin Bernadette ­Breitenmoser wies anlässlich der ZPK-DV darauf hin, dass der kantonale Richtplan diesbezüglich auch den Vorstellungen des Bundes widerspreche. So habe die zuständige Bundesrätin, Simonetta Sommaruga, an einer Tagung in Bern festgehalten: «Wir wollen einen öV, der auch der ländlichen Bevölkerung mehr bietet.» Als beispielhaft erwähnte sie Appenzell, wo ein Ruftaxi und ein Abonnement für verschiedene Mobilitäts­formen angeboten würden. An derselben Tagung des Verbandes öffentlicher Verkehr wies Postauto-Chef Christian Plüss auf digitale Möglichkeiten hin, um intelligente vernetzte Mobilitätslösungen zu erarbeiten.

Bike-and-Ride stärken

Die S-Bahn-Kapazitäten seien bis in die erste Hälfte der 2030er-Jahre ausreichend, hielt Lebkücher fest, auch bei der angestrebten Steigerung des ÖV-Anteils von heute 44 auf 50 Prozent im Zielverkehr nach Zürich. Die Zunahme der ­E-Bikes stärke dank Bike-and-Ride die S-Bahn. Die Analyse des Einzugsgebiets der Bahn für Velos und E-Bikes zeige das Potenzial dieser Verkehrsmittelkombination. Dazu sollen die Zufahrtswege attraktiver und sicherer werden, ebenso seien genügend komfortable Veloparkierungsanlagen mit Ladeinfrastruktur für E-Bikes zu schaffen.

Für weiter entfernte Wohngebiete will die ZPK das Busangebot optimieren, aus dem Oberamt und dem Raum Knonau-Maschwanden auch in Richtung Kanton Zug. Das Reppischtal hingegen soll in erster Linie mit Zürich verbunden werden, da eine zweite Nord-Süd-Achse zwischen Zug und Zürich auf der Strasse nicht wünschenswert sei. Für die Querverbindung von Affoltern in den Raum Obfelden-Ottenbach-Aargau sei eine zweite Autobahnquerung für Busse und Veloverkehr erforderlich.

Leute kommen auch ohne öV

In der Diskussion wandte der Affoltemer Stadtpräsident, Clemens Grötsch, ein, die kantonalen Wachstumsprognosen für Affoltern seien nicht tragbar: «Wenn in den nächsten Jahren 5000 Leute nach Affoltern ziehen, wissen wir beispielsweise nicht, wo wir die neuen Schulhäuser bauen.» Es reiche nicht, einen erwünschten Modalsplit in die Strategie zu schreiben, man müsse auch Massnahmen treffen, um dies zu ermöglichen. Der grüne Kantonsrat Thomas Schweizer bezweifelte, dass das Siedlungswachstum begrenzt werden könne, wenn auf den Ausbau des öV in den ländlichen Gemeinden verzichtet werde, dies führe doch lediglich zu einer Verlagerung zum motorisierten Individualverkehr.

Matthias Lebkücher antwortete, er teile zusammen mit der ZPK die Ansicht von Clemens Grötsch und Thomas Schweizer. Hier bestehe nach wie vor ein Spannungsfeld zwischen Region und Kanton, insbesondere bezüglich des ÖV-Ausbaus der Gemeinden ausserhalb von Affoltern und Hedingen sowie der Busverbindungen in Richtung Zug. Auch René Kälin, Mettmenstetter Gemeindepräsident, schloss sich an: Wer in Zug arbeite und in den südlichen Gemeinden des Kantons wohne, brauche gute ÖV-Verbindungen, um umzusteigen.

«Die Leute ziehen auch ohne öV nach Aeugst, das muss der Kanton anerkennen», bilanzierte die Aeugster ­Gemeindepräsidentin, Nadia Hausheer. Ohne attraktive Alternativen verzichte kaum jemand auf das Auto. ZPK-Präsident Christian Gabathuler bedankte sich für die Diskussion und kündigte für deren Fortsetzung einen Workshop an. Es ist zu wünschen, dass sich bei dieser Gelegenheit eine Vertretung der Bau­direktion der regionalen Kritik stellt.