Bezirk Affoltern
06.03.2017

«Plastic Fantastic» mit 20 Zuhörern

Hans Wiesner überreicht Referentin Silvia Frei «Chlöpfmost» aus regionaler Produktion und einen Strauss Tulpen aus der Schweiz. (Bild Denise Bohnert)

Hans Wiesner überreicht Referentin Silvia Frei «Chlöpfmost» aus regionaler Produktion und einen Strauss Tulpen aus der Schweiz. (Bild Denise Bohnert)

Silvia Frei war kürzlich im «10vor10» zu sehen, als über Plastikfasern in der Antarktis berichtet wurde. Dass der Moment, um etwas zu tun, jetzt ist – sowie viele Möglichkeiten für alle bestehen –, machte sie bei ihrem Referat in Affoltern mehr als klar.

von Denise Bohnert

Die Schweiz gilt als eines der saubersten Länder, alle paar Meter steht ein Haikübel, ein Designartikel, auf den man hierzulande stolz ist. Gut so, denn die Schweizer stehen (mit USA und Dänemark) an oberster Stelle der Oecd-Länder was die Abfallmenge betrifft: 730 Kilo pro Jahr pro Kopf! In der Schweiz ist die Abfallmenge, inklusive wiederverwertbare Abfälle, seit 1990 doppelt so schnell angestiegen wie die Einwohnerzahl.

Diese Fakten erfuhr man am Vortrag Tatort Meere, organisiert von den Grünliberalen Knonauer Amt, eloquent gehalten von der Biologin Dr. Silvia Frei, Leiterin Wissenschaft und Bildung bei der Meeresschutzorganisation Ocean Care. Zwanzig Personen bemühten sich letzte Woche an einem windigen Abend ins GZ Bauspielplatz, Affoltern. Das Thema war die Plastikverschmutzung der Meere. Die riesigen Teppiche aus Plastikabfall, die auf den grossen Ozeanen schwimmen sowie als Mikroteile alle Tiefen des Wassers durchdringen. Nur für kurze Zeit konnte man sich davon nicht direkt betroffen fühlen, denn bald wurde klargestellt, dass auch sämtliche Schweizer Gewässer, Flüsse und Seen, bereits Mikroplastik enthalten.

Plastik lebt lange und tötet langsam

In Affoltern und einzelnen anderen Gemeinden im Knonauer Amt kann Plastik gesammelt und bei den Sammelstellen abgegeben werden. Die Sammelsäcke kosten zwei Franken, wer sie benutzt, weiss, dass damit ein Vielfaches an Kehrichtsackkosten gespart werden kann. Noch sind hunderte von Milliarden von Raschelsäcklein in Gebrauch (Benutzungsdauer 15 bis 25 Minuten, Lebensdauer Jahre); zum Abfüllen und Wägen von Früchten und Gemüse stehen sie rollenweise gratis in den Läden zur Verfügung. Sie zu benutzen ist aber freiwillig – man kann ebenso gut eine mitgebrachte Tasche mit den losen Artikeln füllen.

Wer die Bilder der Meeresschildkröten sieht, die bei vollem Magen verhungern, weil sie die schwimmenden Säcke für Quallen halten und fressen, hat bald keine Lust mehr auf die «hygienische» Verpackung. Oder die Albatrosse, auf einer von Menschen unbewohnten Insel brütend, deren Darminhalt farbige Souvenirs der Zivilisation aller Art aufweist, die sie elendiglich und langsam verenden lassen.

Luft holen

In den Weltmeeren leben mindestens 250000 Arten von Lebewesen, 75000 sind noch unbekannt. Von der Oberfläche bis in die tiefsten Tiefen leben die erstaunlichsten Kreaturen, vom kleinsten Einzeller bis zum grössten je lebenden Tier dieses Planeten, dem Blauwal (30 Meter lang, 120 Tonnen schwer), ausgestattet mit auf ihre speziellen Lebensbedingungen ausgerichteten Fähigkeiten und Sinnen. Viele sind Krillschlürfer, ihre Filter können die Mikroteile nicht abhalten. Sehr viele Menschen leben direkt vom Meer, auch wir Binnenländer sind ein Glied in der Nahrungskette. Und: das pflanzliche Plankton in den Ozeanen produziert 50% des Sauerstoffs in der Erdatmosphäre. Wir alle brauchen nicht nur «unser tägliches Brot», sondern Luft. Die Klimaerwärmung und damit die Erwärmung der Meere ist das eine; die Übersäuerung das andere. Kohlendioxid, also CO2, verbindet sich mit Wasser, H2O, zu Kohlensäure, H2CO3; diese macht das Wasser sauer und Säure dient bekanntlich zur Auflösung von Kalk. Das mag zur Reinigung von Bad oder Chromstahlbecken nützlich sein, im Meer aber löst sich der Kalk von Muscheln und anderen Schalentieren sowie Korallen auf…

Wege aus der (Plastik-)Sackgasse

Neun Millionen Tonnen Plastik mehr jedes Jahr im Meer (und Plastik ist ja leicht!) sind einfach zu viel. Unzählige Milliarden Mikroplastikteile bis in Tiefen von Kilometern auch. Dieser Teppich lässt sich unter keinen Teppich kehren. Kürzlich war im «Anzeiger» zu lesen, dass sich die Römer mit Blei vergiftet haben – nun, sie wussten es nicht besser. Wollen wir die Generation sein, die an Plastik eingeht, und das bei vollem Bewusstsein? Es gibt Wege aus der (Plastik-)Sackgasse. Einer beginnt damit, Plastik wertzuschätzen als langlebigen Stoff, statt als Wegwerfmaterial «nur Plastik». Ein Zigarettenstummel «lebt» ein bis fünf Jahre (gehört zu den Top Fünf der Abfälle im Meer), eine Getränkedose 200 Jahre, Sixpackringe und Plastikflaschen über 400 Jahre… 80% Plastik im Meer kommen vom Land, verteilt mit dem Wind, dem Wasser. Langlebige Schadstoffe (DDT, PCB) sammeln sich an den Plastikteilen und machen sie zu Giftbomben.

Dr. Silvia Frei hatte viel zu erzählen, voller Elan und ohne Pause fast anderthalb Stunden lang. Obwohl sie so nahe dran ist und genau weiss, wie schlimm es steht, vermag sie Optimismus auszustrahlen: «Das Problem ist nicht unlösbar. Technik und politischer Wille entwickeln sich. Es wird eine Weile dauern, aber es ist möglich, es in den Griff zu bekommen.»

Infos, praktische Tipps und Projektberichte sowie Animationsfilm unter www.oceancare.org/plastik.