Bezirk Affoltern
30.04.2018

Das Salatfeld als Mülldeponie

Gegen den Gemüsebauer Roland Moser wurde Anzeige erstattet. <em>(Bild lhä)</em>

Gegen den Gemüsebauer Roland Moser wurde Anzeige erstattet. (Bild lhä)

Aus Grüngutabfällen entsteht Dünger für die Landwirtschaft. Ist der Bioabfall mit Plastik oder anderem Müll verschmutzt, landet ein Teil dieser Fremdstoffe auf den Äckern und im Boden.

von livia häberling

Wie jedes Jahr war Roland Moser diesen Winter nach Rickenbach gefahren. Wie jedes Jahr hatte er mehrere Kubik Naturdünger auf den Anhänger seines Traktors geladen, und wie jedes Jahr hatte er ihn auf seinen Feldern verteilt, um den Boden mit Nährstoffen anzureichern. Roland Moser, Gemüsebauer in dritter Generation, machte alles wie immer. Und doch ist in diesem Jahr etwas anders. Ein Unbekannter hat Anzeige gegen ihn erstattet. Der Mann hatte in Ottenbach Plastikteile auf einem seiner Gemüsefelder gefunden. Plastikteile, die mit der nächsten Ackerung unter die Erde gemischt wurden, in der jenes Gemüse heranwächst, das später auch im Volg Obfelden in den Regalen liegt.

Kunststoff im Naturdünger

Auf die Felder gelangt war der Plastik über den Naturdünger, den Roland Moser seit mehreren Jahren von der Ökopower AG in Rickenbach bei Ottenbach bezieht. Das Kraftwerk wird von Axpo und Agir betrieben und stellt Ökostrom und Naturdünger her, indem darin Grüngut und Speisereste vergärt werden. «Ich führe einen reinen Gemüsebaubetrieb, deshalb fällt bei mir weder Gülle noch Mist an, den ich für meine Felder verwenden kann. Mehrmals täglich bringe ich meine Rüstabfälle nach Rickenbach zur Vergärung, im Gegenzug hole ich im Winter Naturdünger für meine Felder.» Anfangs sind die Plastikteilchen im Dünger kaum sichtbar. Mit der Zeit werden sie vom Regen abgeschwemmt und liegen auf den Feldern auf. «Natürlich stören mich diese Fremdstoffe in meinen Gemüseplantagen. Wenn immer ich Plastik oder anderen Müll finde, steige ich vom Traktor und sammle ihn ein», erklärt Roland Moser und schüttet einen Behälter aus. PET-Flaschendeckel, Auto-Duftspender, Plastikfetzen, Blechdosen und eine Messerklinge – all das hat er kürzlich von seinen Feldern geräumt.

Gratis entsorgen – auf Kosten der Umwelt

Dennoch bleibt ein Grossteil des Abfalls unentdeckt und landet unter der Erde, direkt neben Fenchel, Sellerie oder Kopfsalat. Je nach Material waschen sich die Schadstoffe des Abfalls in den Boden aus und gelangen so in die heranwachsenden Nahrungsmittel, wie das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) auf Anfrage bestätigt. Alle fünf Jahre nimmt Roland Moser Bodenproben von seinen Feldern und lässt sie im Labor untersuchen. Bis anhin waren die Resultate einwandfrei. Dennoch ärgert ihn, dass manche Menschen im Umgang mit der Abfalltrennung derart gleichgültig handeln. Grundsätzlich gilt in der Schweiz bei der Abfallentsorgung das Verursacherprinzip. Wer Müll produziert, der bezahlt für dessen Entsorgung. Beispielsweise durch den Kauf von Kehrichtsäcken oder Sperrgutmarken. Anders ist das beim Grüngut. Organische Abfälle wie Gemüse, Laub, Sträucher oder Blumen sind biologisch abbaubar und werden in den meisten Gemeinden kostenlos abgeholt. Im Säuliamt gelangt ein Grossteil dieses Abfalls in das Kraftwerk der Ökopower AG, wo er wiederverwertet und in den ökologischen Kreislauf zurückgegeben wird.

Allerdings landet in den grünen Containern so manches, was da nicht reingehört, wie Urs Zahner, der Betriebsleiter des Kraftwerks in Rickenbach, erklärt: «Blechdosen, Schnüre, Nespressokapseln oder Zigarettenstummel. All das wird immer häufiger im Grüngutkübel entsorgt und landet bei uns im Vergärwerk zur Weiterverarbeitung.» Er hat den Eindruck, dass die Verschmutzung des Bio-Abfalls in den letzten Jahren zugenommen hat und sieht dafür verschiedene Gründe: «Vielen Menschen ist wohl gar nicht bewusst, was mit ihren Abfälle passiert. Sie realisieren nicht, dass diese direkt in den ökologischen Kreislauf zurückgelangen. Andere sind gleichgültig, was die Folgen ihres Handelns betrifft, und die dritten nützen den Grüngut-Container als kostenlose Entsorgungsmöglichkeit.»

Nicht alle Betriebe erfüllen die Vorgaben

Das Awel erhebt bis heute keine Zahlen zum Fremdstoffanteil im Grüngut. Ebenso wenig existieren gesetzliche Vorschriften, wie hoch dieser Anteil beim Abtransport sein darf. Werden die Bioabfälle jedoch zu Kompost oder Gärgut weiterverarbeitet – und letzteres ist bei der Ökopower AG der Fall – dann sind die Grenzen eng gesteckt. 2016 wurde die Chemikalien-Risikoreduktions-Verordnung (ChemRRV) überarbeitet. Neu darf der Gehalt an Alufolie und Kunststoffen höchstens 0,1% der Trockensubstanz betragen. 2017 liess das Awel Kompost und Gärgut verschiedener Anlagen hinsichtlich der neuen Bestimmungen überprüfen. «Es zeigte sich, dass die verschärften Anforderungen noch nicht bei allen Anlagen eingehalten werden können.» Zur Frage, ob Ökopower die Anforderungen derzeit erfülle, liess das Awel ausrichten, man könne zu den Resultaten einzelbetrieblicher Untersuchungen keine Auskunft geben. In Bezug auf die gesamte Untersuchung hiess es: «Hier besteht weiterer Handlungsbedarf.»

Urs Zahner möchte sich zum Ergebnis der Proben ebenfalls nicht äussern, nur so viel: «Die neuen Anforderungen sind mit dem heutigen Verschmutzungsgrad nur sehr schwer zu erreichen, es wurde letztes Jahr pro Anlage lediglich eine, respektive zwei Proben entnommen und analysiert. Daher sind diese Resultate zu wenig aussagekräftig, sie zeigen lediglich eine Tendenz auf.»