Bezirk Affoltern
18.07.2019

«Die Gesundheit spiegelt sich im Haar»

Die 42-jährige Filomena Calabrese führt das «Beauty House Alfilo» in Affoltern seit über 20 Jahren mit ihrem Bruder Alfi Calabrese.<em> (Bild Mohammed Shahin)</em>

Die 42-jährige Filomena Calabrese führt das «Beauty House Alfilo» in Affoltern seit über 20 Jahren mit ihrem Bruder Alfi Calabrese. (Bild Mohammed Shahin)

Es sind ja nur Haare – oder? Nein, sagt Coiffeuse Filomena Calabrese. Das Haar ist ein Informationsträger. Darin verbergen sich die Geheimnisse der Menschen. Welche das sind, erzählt die 42-Jährige im Interview.

Von Livia Häberling

«Anzeiger»: Zum Einstieg ein Klischee: Es heisst, dass sich viele Frauen nach einer grossen Veränderung in ihrem Leben eine neue Frisur zulegen. Stimmt das?

Das erlebe ich tatsächlich häufig, ja. Zum Beispiel nach einer Geburt, einer Hochzeit, oder einfach, weil sie eine Typveränderung brauchen.

Greifen Sie dann sofort zur Schere?

Wenn eine Kundin zu mir kommt und sagt, sie brauche Veränderung in ihrem Leben, dann greife ich das natürlich auf. Diese Momente muss man nutzen.

Oft sind das Spontanaktionen. Die Kundin könnte ihren Entscheid schon am nächsten Tag bereuen…

Wenn ich den Eindruck habe, dass die Kundin zweifelt, rate ich ihr eher, vorerst nur ein Stück abzuschneiden, damit sie sich an den neuen Look gewöhnen kann. Im Vorgespräch versuche ich herauszuspüren, ob die Kundin für die neue Frisur wirklich bereit ist.

 

«Ich beobachte die Kundin, sobald sie zur Türe hereinkommt. Wie ist sie gekleidet? Trägt sie Make-up? Wer ist sie?»

Wie gelingt es Ihnen, Ihre Kundin in so kurzer Zeit einzuschätzen?

Indem ich sie beobachte, sobald sie zur Türe hereinkommt. Wie ist sie gekleidet? Trägt sie Make-up? Wer ist sie? Während des Gesprächs achte ich auf weitere Details, die für den gelungenen Schnitt entscheidend sind. Wie trägt sie ihren Scheitel? Mit welcher Hand streicht sie sich durch das Haar? Ist die Kopfhaut gesund, oder ist sie gereizt, schuppig? Und natürlich schaue ich mir das Haar genauer an, berühre es, und spüre dadurch, wie es dem Haar geht.

Was verrät Ihnen das Haar über Ihre Kundin?

Eine Menge! Ich sehe, ob das Haar mit einem Billig-Shampoo gewaschen wird, oder ob es regelmässig gepflegt wird und gesund ist. Wenn ich es aufhelle, sehe ich, ob das Haar zuhause gefärbt wurde. Bei langen Haaren sind diese Farbrückstände teils mehrere Jahre sichtbar. Die Gesundheit spiegelt sich im Haar. Mattes Haar deutet oftmals auf einen Eisen- oder Vitaminmangel hin. Wenn eine Kundin gesundheitlich angeschlagen ist, leidet auch das Haar. Durch die Medikamente fällt es aus, verliert Glanz und Sprungkraft. Eine veränderte Haarqualität kann aber auch hormonell bedingt sein.

Inwiefern?

Ich habe es mal erlebt, dass eines Tages eine langjährige Kundin zur Türe hineinkam. Ihr Haar glänzte, ich war begeistert und wollte wissen, ob sie neue Pflegeprodukte verwende, doch sie verneinte. Einen Monat später kam sie wieder und sagte mir, dass sie schwanger sei.<em/>

Haben Sie niemals Hemmungen, fremde Menschen an deren Kopf zu berühren?

Nein, in diesem Beruf sollte man keine Berührungsängste haben.

 

«Ich sehe, ob das Haar mit einem Billig-Shampoo gewaschen wird.»

Fettiges Haar, dreckige Ohren. Alles kein Problem für Sie?

Bei Kopfverletzungen ziehe ich Handschuhe an. Ich erlebe es eher umgekehrt: Den Kundinnen ist es oftmals unangenehmer als mir, wenn die Haare nicht gewaschen sind oder nach Stall oder Küche riechen.

Gibt es gar keine Tabus für Sie?

Doch, ich behandle keine Kundinnen mit Läusen. Aber nicht, weil ich mich ekle, sondern weil diese Parasiten hochansteckend sind.

Welche Promifrisuren sind momentan besonders beliebt?

Die Jungs wollen oft die Frisur ihrer Fussballvorbilder, von Cristiano Ronaldo zum Beispiel. Bei den Damen sind es eher Schauspielerinnen, die gerade im Gespräch sind. Die Mèches von Heidi Klum sind auch begehrt.

Wie oft kommen Kundinnen mit unrealistischen Wünschen zu Ihnen?

Sehr oft. Sie haben eine sehr konkrete Vorstellung und glauben dann, mit dieser Frisur aus dem Salon zu laufen, obwohl das so nicht geht, weil jedes Haar anders ist.

 

«Oft haben die Kundinnen eine sehr konkrete Vorstellung und glauben, mit dieser Frisur aus dem Salon zu laufen, obwohl das so nicht geht.»

Wie überbringen Sie diese schlechten Nachrichten, ohne zu enttäuschen?

Ich versuche es auf einem sanften Weg zu erklären. Ich würde niemals sagen, dass eine Frisur nicht machbar ist. Ich erkläre ihnen dann, dass wir versuchen können, in diese Richtung zu gehen. Der Klassiker ist die Hochsteckfrisur. Die Kundin bringt ein Bild mit, bei dem die Haare seitlich zu einem halben Berg frisiert sind, hat selber aber wenig Haar. Dann sage ich ihr, wenn das Ergebnis so ähnlich aussehen soll, dann müssen wir mit künstlichen Haarteilen arbeiten. Das mache ich bei Hochsteckfrisuren eigentlich immer. Und auch bei anderen Frisuren besteht die Möglichkeit, zusätzliche Haarsträhnen zu verwenden, die am Haaransatz modelliert werden.

Während der Behandlung bleibt Zeit zum Plaudern. Worüber reden Sie mit Ihren Kundinnen?

Zuerst muss ich herausspüren, ob die Kundin heute überhaupt mit mir reden möchte. An manchen Tagen schätzt sie das Gespräch, an anderen möchte sie lieber einen Kaffee trinken, in einer Zeitschrift blättern und wieder gehen. Ich steige oft mit einem klassischen «Wie geht es dir?» in das Gespräch ein. Die Stammkundinnen antworten dann meist schon mit «Ja, weisch…» und erzählen los.<em/>

Wie führt man als Coiffeuse souverän Smalltalk?

Wichtig ist es, nicht ständig von sich zu reden, sondern die Kundin zu Wort kommen zu lassen.

Ermahnen Sie Ihre Mitarbeiterinnen, wenn eine zu viel plaudert?

Es kam schon vor, dass ich schon darauf hingewiesen habe, ja.

Machen Sie sich manchmal Gesprächsnotizen?

Zur Behandlung schon ja. Ich notiere mir beispielsweise die Farbmischung oder Spezialwünsche. Zu den Gesprächen mache ich aber keine Notizen. Ich kann mir Namen nur sehr schlecht merken, aber ich weiss noch sehr genau, worüber was wir das letzte Mal geredet haben. Ich erinnere mich, wenn sie in den Ferien war oder wenn das Kind krank war und greife das dann wieder auf.

Gabs auch schon Tränen beim Blick in den Spiegel?

Bei Bräuten passiert das öfters. Der Moment, wo sie sich mit Hochzeitsfrisur und Make-Up im Spiegel sehen, ist oft sehr emotional. Da müssen wir dann aufpassen, dass sie nicht zu fest weinen, wegen der Schminke.

Und Tränen aus Enttäuschung?

Es kann natürlich vorkommen, dass das Ergebnis nicht dem entspricht, was die Kundin sich vorgestellt hatte. Dann korrigiere ich den Schnitt, oder ich mache mit der Kundin einen neuen Termin ab. Die Kundinnen sollten nie mit einem schlechten Gefühl aus dem Laden gehen.