Bezirk Affoltern
19.09.2019

Das Erfolgsmodell der Berufsbildung erhalten

«Wichtig ist, dass Jugendliche den Respekt vor der Berufswahl abbauen», sagt Niklaus Schatzmann, Leiter des kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamts. <em>(Bild Marion Nitsch)</em>

«Wichtig ist, dass Jugendliche den Respekt vor der Berufswahl abbauen», sagt Niklaus Schatzmann, Leiter des kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamts. (Bild Marion Nitsch)

Zur Berufsmesse in Bonstetten wird auch Niklaus Schatzmann, Leiter des kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamts erwartet. Im Interview spricht er über den Wert der Messe, das Schweizer Bildungssystem und gibt Tipps für die Lehrstellensuche.

Von Thomas Stöckli

«Anzeiger»: Am 4. und 5. Oktober stellen Lernende aus dem Knonauer Amt ihre Berufe in Bonstetten vor. Wie sehen Sie die Bedeutung dieser «Berufsmesse»?

Niklaus Schatzmann: Ich gehe zum ersten Mal und freue mich riesig darauf. An der Messe können sich Jugendliche konkret informieren, welche Berufe es gibt. Natürlich sind nicht alle 230 Berufe vertreten, aber ein repräsentativer Querschnitt. Hier erhalten die Schüler eine konkrete Vorstellung, können Fragen stellen und in Interaktion treten mit Leuten, die den Beruf ausüben. Ein ganz wichtiges Nebenthema ist es, dass Jugendliche den Respekt vor der Berufswahl abbauen können. Viele haben Angst, weil sie denken, sie müssen einen Entscheid fürs Leben fällen. Dabei sind heute sogar Branchenwechsel im Laufe eines Berufslebens ganz selbstverständlich. Die Ausbildung beinhaltet deshalb viel Allgemeines, das in allen Berufen hilfreich ist. Das ist keine verlorene Zeit. Aber man muss sich natürlich während der Ausbildung und idealerweise noch einige Jahre darüber hinaus wohlfühlen können.

Informationen zu den Lehrstellen bekommen die Jugendlichen auch im biz, was bietet die Messe an Mehrwert?

Ein wichtiger Mehrwert ist sicher das Abbauen von Hemmungen. An der Messe können Jugendliche ihre Fragen direkt an Lernende richten, können sie fragen, was die Herausforderungen sind und wo man sich vielleicht durchbeissen muss. Dass die Lernenden die Stände selber gestalten, beeindruckt mich. Da zeigt sich der Berufsstolz. Das kann am biz so natürlich nicht transportiert werden. Hier können sich Jugendliche anstecken am Feuer, mit dem gerade Handwerker ihren Beruf ausüben.

Wie können sich die Jugendlichen auf den Messebesuch vorbereiten und worauf sollten sie vor Ort besonders achten?

Grundsätzlich sollten sie sich überlegen: Was könnte ich mir vorstellen? Da ist der Austausch mit den Angehörigen und Kollegen wichtig. Ich finde es aber auch wichtig, offen zu sein, bereit sein, sich anstecken zu lassen, von dem, was man sieht. Es tauchen sicher auch Optionen auf, an die man nicht gedacht hat. Viele lassen sich in der Berufswahl von Peers mitziehen und verpassen dadurch Chancen, die sie gar nicht auf dem Radar hatten.

Die Stände werden ja wie gesagt von Lernenden betrieben. Wie können diese vom Anlass profitieren?

Für die Lernenden ist es eine Auszeichnung – und eine Form der Talentförderung. Sie können hier ihre Auftrittskompetenz entwickeln und die Verbundenheit mit ihrem Beruf stärken.

Hinter dem Anlass steht das Ämtler Lehrstellenforum, bestehend aus Vertretern von Schulen und Lehrbetrieben. Wie erleben Sie dessen Engagement?

Ich bin beeindruckt. Und dieses Engagement ist auch extrem wichtig. Der zeitliche Aufwand, Jugendlichen eine Ausbildung zu ermöglichen, ist sehr gross. Und das sind ja alles Unternehmen, die in einem wirtschaftlich harten Umfeld schauen müssen, dass die Kasse stimmt. Produktive Zeit in die Ausbildung zu investieren, das ist nicht selbstverständlich. Aber das macht die Schweizer Berufsbildung so erfolgreich: Wir haben die tiefste Jugendarbeitslosigkeit, eine hohe Innovationskraft und Zugang zur Tertiärbildung. Es kommen Delegationen aus Singapur, den USA und aktuell grad aus Mazedonien, um unser System kennenzulernen. Aber sie stellen auch immer wieder fest, dass es schwierig zu exportieren ist. Essenziell ist der Gedanke der Grundsolidarität. Man bildet aus, obwohl man weiss, dass viele das Unternehmen nachher verlassen. Dafür erhält man gut ausgebildete Mitarbeitende, die anderswo eine solide Ausbildung erhalten haben. Diese nachhaltige Denkweise fehlt in den USA komplett. Dort werden die Leute mit den gerade benötigten Qualifikationen nach dem Prinzip «hire and fire» angestellt und wieder entlassen. Selber auszubilden kommt niemanden in den Sinn. Dieses Erfolgsmodell der Grundsolidarität müssen wir in der Schweiz unbedingt erhalten.

Gegründet wurde das Forum 1998 als Folge des Lehrstellenmangels im Bezirk. Heute ist es umgekehrt: Viele Lehrstellen können nicht besetzt werden.

Ja, die Jugendlichen haben aktuell eine Luxussituation: Sie können auswählen.

Wird sich das weiter akzentuieren?

Nein, mit dem Bevölkerungswachstum wird das wieder drehen. Wir rechnen bis 2030 im Kanton Zürich mit 10000 zusätzlichen Lernenden. Für diese müssen wir Ausbildungsplätze finden. Und natürlich den bestehenden Ausbildern Mut machen, ihre Plätze weiterhin anzubieten. In den kommenden Jahren wird die Auswahl für die Lernenden also nicht mehr so gross sein. Umso mehr muss man dann die Gelassenheit stärken, dass es schon gut kommt. Auch ein «Plan B» kann zu einem erfolgreichen Karriereweg führen.

Unbeliebt scheinen etwa Lehrstellen auf dem Bau und im Gastgewerbe. Woran liegt das und wie lässt sich die Attraktivität steigern?

Besonders schwer haben es die Berufe mit schwierigen Rahmenbedingungen: Wenn man den ganzen Tag stehen muss, unregelmässige Arbeitszeiten hat, immer draussen ist oder das Lohnniveau tief ist. Umso mehr muss man als Ausbildungsbetrieb dann investieren, um Jugendliche zu gewinnen: Dort, wo man halt kann, gute Arbeitsbedingungen schaffen und entgegenkommen, wo es möglich ist. Wenn ein Mangel herrscht, werden zudem auch die Löhne steigen, weil es die Leute braucht.

Kontrovers diskutiert werden die Auswirkungen der Digitalisierung und Robotisierung auf den Arbeitsmarkt. Welche Branchen sind davon am stärksten betroffen – positiv wie negativ?

Das ist schwierig zu sagen. Im Dienstleistungsbereich und bei den kaufmännischen Berufen ist Digitalisierung sicher ein grosses Thema. In den Berufen, in denen es um Beratung und Empathie geht, wird es immer Menschen brauchen. Dafür fallen die einfachen, monotonen Tätigkeiten weg. Das sind halt oft genau die Dinge, die ein «Stift» im ersten Lehrjahr machte. Im KV ist man deshalb dabei, das Ausbildungsmodell zu überdenken und den steigenden Anforderungen an Allgemeinwissen und Kommunikationskompetenz anzupassen. Vielleicht könnten künftig die Lernenden am Anfang der Lehre mehr in die Schule gehen, dafür dann, wenn sie mehr können, mehr im Betrieb arbeiten. Grundsätzlich geht man in der Schweiz aber davon aus, dass die Digitalisierung nicht zu weniger Stellen führt.

Wie können sich Jugendliche fit machen für diese Herausforderung?

Mit dem Lehrplan 21 (LP21) kommt «Medien und Informatik» bereits in die Primarschule. Wichtig ist es, im letzten Schuljahr dabeizubleiben und nicht abzuhängen, auch wenn man die Lehrstelle schon im Herbst gefunden hat. Der Übergang in die Arbeitswelt ist bisweilen ruppig. Deshalb sollte man die Chance nutzen, Defizite noch zu beheben. Wir sind in einem grossen Projekt, wie sich der Übergang noch besser stützen lässt. Der LP21 lässt Freiräume für individuelle Vorbereitung. Wichtig ist ein guter Mix zwischen dem Fokus auf das, was kommt und einem guten Abschluss.

Als Alternative zur Lehre gibt es den gymnasialen Weg. Wem empfehlen sie diesen und wem nicht?

Das ist immer die Gretchen-Frage: Grundsätzlich ist das Gymnasium für die 20% der leistungsstärksten Jugendlichen konzipiert. Gleichzeitig haben wir seit 20 Jahren den ähnlich anspruchsvollen Weg über die Berufsmatura. Da muss man in drei Welten klarkommen: zwei verschiedene Schulklassen und die Kollegen am Arbeitsort. Das ist mindestens so anspruchsvoll, wie ans Gymi zu gehen. Die Kernfrage ist: Was liegt mir mehr? Das Gymi ist kopflastig, die Berufsmatura für andere, die genauso intelligent sind, aber gerne mit den Händen arbeiten oder nach neun Jahren Vollzeit-Schule genug haben. Die Angst vor der Berufswahl ist ein häufiger Grund, ans Gymi zu gehen. So kann man den Entscheid hinauszögern. Es ist allerdings schade, wenn dies der einzige Grund ist.

Die Gymi-Quote im Knonauer Amt liegt tiefer als im kantonalen Durchschnitt. Das dürfte auch am weiten Weg liegen. Wann bekommt die Region ihre eigene Mittelschule?

Ich glaube nicht, dass es am Weg liegt. Gerade in den ländlicheren Regionen ist für viele eine Lehre – mit Lehrlingslohn – aber ein attraktiverer Weg als in den Städten. Und auch ohne gymnasiale Matur kann man in Spitzenpositionen kommen. Für ein eigenes Gymi hat das Knonauer Amt nach wie vor zu wenig Schüler. Aber wir behalten die Bevölkerungsentwicklung im Auge und beurteilen die Situation laufend neu. Das Grundstück für ein Gymi hat der Kanton ja bereits.

Man hört auch immer wieder, dass Buben die Verlierer sind im Bildungssystem. Wie erleben Sie das?

In den Gymi-Quoten zeigt sich das nicht offensichtlich, aber die Mädchen sind so im Alter zwischen 12 und 15 Jahren tatsächlich oft pflichtbewusster, früher reif und legen mehr Ernsthaftigkeit bzw. Fleiss an den Tag. Das zeigt sich etwa in den Fremdsprachen, wo man Wörtli lernen muss. Und wer das nicht kann oder will… Aber deswegen kann man nicht für die Buben die Ansprüche senken.

Zurück zur Lehre: Auf deren Attraktivität dürfte sich auch die Berufs-WM von Ende August in Kazan ausgewirkt haben. Da war mit Rahel Weber auch eine Ämtlerin dabei. Haben Sie Ihren Einsatz verfolgt?

Ein Mitarbeiter meines Amtes war in Kazan dabei, um die Zürcher zu unterstützen. Rahel Weber hat da ja ganz viel Pech gehabt. Aber so etwas wegstecken zu können, das ist eben typisch für junge Berufsleute: Die stehen anders im Leben.

Wie profitiert das Bildungssystem der Schweiz von solchen Wettkämpfen?

Diese Wettkämpfe sind super, um die Berufsbildung zu stärken. Das ist für die jungen Menschen eine tolle Gelegenheit, zu zeigen, was sie können. Davon profitieren die Berufsbildung, das System als Ganzes und natürlich die jungen Menschen persönlich.

Welche Tipps können Sie Lehrstellensuchenden mit auf den Weg geben?

Neugierig sein. Selbstbewusst und mit Gelassenheit herangehen. Sie sollen nicht das Gefühl haben, dass ihr ganzes Leben von diesem Entscheid abhängt. Das System ist durchlässig. Auch wenn der Knopf mal etwas später aufgeht, kann man noch alles nachholen. Die berufliche Tertiär-Stufe ist attraktiv. Und vieles kann man auch berufsbegleitend machen, so dass man noch etwas verdient.

Sie haben selber den gymnasialen Weg eingeschlagen, würden Sie das rückblickend wieder tun?

Die Alternativen waren bei meinen Eltern nie ein Thema. Mit meinem heutigen Wissen würde ich andere Optionen sicher ernsthaft prüfen. Ich bin Historiker und habe mich damit immer wohlgefühlt. Aber ich bin auch fasziniert von modernen Technologien wie Raumfahrt, grünen Energien und Elektromobilität. Wenn ich nochmals starten würde, könnte ich mir auch vorstellen, dass es mich in diese Richtung ziehen würde. Vielleicht auch in einer technischen Lehre mit Berufsmatur und Fachhochschulstudium…

Berufsmesse am Freitag, 4. Oktober, 13.15 bis 17 Uhr und Samstag, 5. Oktober, 10 bis 14 Uhr, Sportzentrum Schachen, Bonstetten. Weitere Infos: www.lehrstellenforum.ch.