Bezirk Affoltern
26.09.2019

Anziehender «Anzeiger»

Sandra Faiglé (links) und Praktikantin Michelle Naef mit zwei ihrer Kreationen, die seit Anfang September an der Zürichstrasse 67 zu sehen sind.<em> (Bild lhä)</em>

Sandra Faiglé (links) und Praktikantin Michelle Naef mit zwei ihrer Kreationen, die seit Anfang September an der Zürichstrasse 67 zu sehen sind. (Bild lhä)

Oft liegt die Zeitung von heute morgen schon auf dem Altpapier-Stapel. Bei Sandra Faiglé ist das anders. Seit Anfang September bewirbt sie mit alten «Anzeiger»-Ausgaben die neuste Kollektion in ihrem Laden.

von livia häberling

Eines Nachmittags hatte Sandra Faiglé keine Lust mehr auf das Alte. Sie wollte etwas günstiges Neues – und löste das Problem mit etwas Altem. Tönt verworren, war aber ganz simpel: Die alten Kleider im Schaufenster mussten weg, die neue Kollektion rein. Doch dieses Mal sollten die Jupes, Shirts und Hosen nicht aus Stoff sein, sondern aus Papier. Altpapier. «Anzeiger»-Altpapier.

Es war Anfang September, als Sandra Faiglé mit einem Stapel Zeitungen aus der Mittagspause in den Laden zurückkehrte. An der Zürichstrasse 67 betreibt sie mit ihrem Ehemann den Laden «Die zehn Gebote von Abraham Faiglé» – ein Tattoo- und Piercingstudio, das unter anderem Kleider und Accessoires im 50er-Jahre-Stil verkauft. Die Schaufensterwerbung sollte dringend neu gemacht werden. Doch das kostet. Durch das Sonnenlicht verbleichen die Kleider schnell, und als Kleinunternehmen kann es sich das Ehepaar nicht leisten, alle paar Wochen ein Dutzend Kleidungsstücke wegzuwerfen. Was tun?

Sandra Faiglé dachte nach… – Zeitungen! Damit hatte man in ihrer Kindheit im Dorfladen die Kartoffeln eingepackt, die Blumen und den Salat. Damit hatte sie Girlanden gebastelt und gekleistert, oder den Boden getrocknet, wenn der Hund auf den Spannteppich gepinkelt hatte. «Zeitungen, das ist ein Stück Kindheit für mich», sagte die 43-Jährige.

Nähen ohne Nadel und Faden

Sandra Faiglé und Praktikantin Michelle Naef machen sich an die Arbeit. Die Idee war, an jedem Modell einen anderen Stil im Look der 50er-Jahre wiederzugeben – ganz so, wie es das Ladenkonzept vorsieht. «Und natürlich haben wir Modelle ausgewählt, die in dieser Form auch in unserem Laden zu finden sind. Das Schaufenster soll ja möglichst repräsentativ sein», sagt Faiglé.

Als Erstes hat Praktikantin Michelle Naef den «Anzeiger»-Stapel durchstöbert, Todesanzeigen, politische oder religiöse Texte aussortiert, die nicht verwendet werden sollten. Oder andere – die unbedingt rein mussten: die Konzertvorschau im Lieblingslokal oder der Beitrag über das Geschäft des Vermieters mussten zwingend Teil des Projekts sein.

Beim anschliessenden «Nähen» arbeiteten die beiden ohne Schnittmuster – das Vorstellungsvermögen reichte ihnen. Auch auf andere Hilfsmittel wollten sie zunächst verzichten, nur reissen, knüpfen oder falten. Das aber war gar nicht so einfach: «Alleine mit den Zeitungen hielt das Kleid an der Büste kaum», musste Michelle Naef feststellen. Weil die Kreation immer wieder herunterfiel, mussten letztlich trotzdem ein paar Klebstreifen, Nadeln oder eine Schere für die Fransen her. Am Schluss des Tages waren alle sieben Schaufensterpuppen im Zeitungs-Look eingekleidet. Dass nur der «Anzeiger» verarbeitet wurde, sei kein Zufall, sagt Sandra Faiglé. Seit acht Jahren schaue sie nicht mehr fern und lese keine Zeitungen mehr. Ausser den «Anzeiger», weil sie dort erfahre, was in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld passiere.

Dass sie heute Schaufenster dekoriert, einen Laden schmeisst und Tattoos sticht, hätte die Affoltemerin vor ein paar Jahren kaum gedacht. Nach einer Lehre als Coiffeuse hat Sandra Faiglé die Berufsmatura nachgeholt, Psychologie studiert und als Lehrerin gearbeitet – «und sich trotzdem nie richtig gefunden», wie sie sagt. Bis sie vermehrt Lust auf kreative Arbeit verspürte, malte und mit den Kindern bastelte – und schliesslich mit ihrem Ehemann vor drei Jahren den Laden eröffnete.

Bis Halloween bleiben die Schaufensterpuppen im «Anzeiger»-Look angezogen, dann folgt die Herbst- und Winterdeko. Und danach? «Dann darf die nächste verrückte Idee kommen», sagt sie.