26.03.2020

"Krafttraining kann ich auch zu Hause machen"

Petra Klingler: «Das Klettern fehlt mir sehr.» (Bild zvg.)

Petra Klingler: «Das Klettern fehlt mir sehr.» (Bild zvg.)

Die Olympischen Spiele werden verschoben – das hat das IOC am Dienstag bekannt gegeben. Damit verzögert sich auch die olympische Premiere des Sportkletterns mit Petra Klingler, Boulder-Weltmeisterin von 2016. Die Verschiebung findet sie richtig, trotzdem sei sie auch etwas enttäuscht, verrät die Bonstetterin im Interview.

Von: thomas Stöckli

Die Olympischen Sommerspiele werden definitiv nicht wie geplant vom 24. Juli bis zum 9. August diesen Jahres durchgeführt. Das hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) am Dienstag kommuniziert, nur zwei Tage nach der Ankündigung, sich für den Entscheid vier Wochen Zeit lassen zu wollen. Das Olympische Feuer solle das Licht am Ende des dunklen Tunnels werden, so IOC-Präsident Thomas Bach. Das Verschiebedatum steht noch nicht fest, die Rede ist von spätestens Sommer 2021. Erstmals überhaupt sollen an den nun verschobenen Spielen auch im Sportklettern olympische Medaillen vergeben werden. Einen der 20 Frauen-Startplätze für diese Premiere hat sich vergangenen August an den Weltmeisterschaften Petra Klingler gesichert. Während der nationale Auftakt der Klettersaison am 1. März in der Boulder­halle «L’entrepôt» in Bulle noch stattfinden konnte – mit einem Sieg der Bonstetterin in der Kategorie Elite – mussten der Weltcup-Start, geplant am 3. und 4. April in Meiringen, und die Europameisterschaften vom 19. bis 27. März (letzte Gelegenheit zur Qualifikation für die Olympischen Spiele) wegen des Coronavirus’ verschoben werden. Wie geht Petra Klingler mit der Ungewissheit und dem aktuellen «Haus­arrest» um? Der «Anzeiger» hat die Athletin telefonisch in Bern erreicht, wo sie als Wochenaufenthalterin ein zweites Zuhause gefunden hat.

«Anzeiger»: Petra Klingler, können Sie im Moment überhaupt trainieren?
Petra Klingler: Ja, da muss ich halt kreativ sein. Krafttraining kann ich auch zu Hause machen, vor allem mit Eigengewicht. Ich versuche, es möglichst vielseitig zu gestalten: Rumpftraining, Liegestützen, Klimmzüge – alles eher auf Schnellkraft ausgerichtet. Zum Beispiel mit erhöhten Füssen bei den Liegestützen und Extragewicht bei den Klimmzügen kann ich die Intensität noch erhöhen. Weiter habe ich ein Holzbrett mit verschieden grossen Leisten aufgehängt. Da kann ich ranhängen, um die Griffkraft zu stärken. Dazu kommen komplexere Übungen etwa auf instabilem Untergrund. Ich versuche, möglichst kreativ zu sein.

In die Kletterhalle können Sie momentan ja nicht. Wie schaffen Sie es trotzdem, sich zu motivieren?
Ich ziehe mein Trainingsprogramm «normal» durch. Die Anzahl der Einheiten bleibt gleich und ich halte an meinen Routinen fest. Das ist für viele in solch einer Situation am schwierigsten. Aber für mich sehr wichtig, um die Motivation und Disziplin aufrechtzuhalten. Es gibt mir eine Struktur
und einen Tagesablauf, einen Grund, am Morgen aus dem Bett zu kommen (sie lacht).

Während die internationale Klettersaison gar nicht starten kann, standen Sie auf nationaler Bühne bereits im Einsatz. Waren Sie zufrieden?
Ich habe mich nicht so schlecht gefühlt. In Topform bin ich natürlich noch nicht, das Saisonziel waren die Olympischen Spiele im Sommer. Aber die Basis stimmt. Ich bin verletzungsfrei geblieben und konnte viel trainieren. Planmässig waren wir auf Kurs. Nach dem intensiven Training stünde jetzt das Wettkampfklettern an. Da geht es mehr um Taktisches. Darum, die Routen lesen zu können und sich unter Wettkampfbedingungen – Stress – trotzdem zu konzentrieren und fehlerfreie Leistungen zu zeigen.

Das logische Saisonziel – Sie haben es gesagt – waren die Olympischen Sommerspiele. Diese werden nun verschoben. Ist das für Sie mehr Fluch oder Segen?
Weder noch, es ist einfach eine Tatsache. Der Entscheid war naheliegend – und es ist auch der richtige Entscheid. Die Gesundheit geht auf jeden Fall vor. Die Struktur des Trainings werde ich trotzdem beibehalten, auch wenn ich jetzt natürlich mehr Flexibilität habe und mir auch die eine oder andere Freiheit nehmen kann. Ich klettere, weil ich gerne klettere und auch gerne Wettkämpfe bestreite. Und wenn die Spiele ein Jahr verschoben werden, bereite ich mich halt dann nochmals vor. Natürlich ist es eine Enttäuschung, aber es ist ja nur eine Verschiebung und keine Absage. Allerdings sind noch viele Fragen offen: Auf welchen Zeitpunkt hin trainiere ich? Und bleibt meine Qualifikation überhaupt bestehen? Das Positive ist: Ich habe jetzt mehr Zeit, um zu trainieren. Und durch die Verschiebung werden die Spiele noch etwas spezieller.

Wie erleben Sie die Corona-Isolation persönlich?
Die jetzige Zeit ist sehr lehrreich. Man ist gezwungen, Zeit mit sich selber zu verbringen, sich mehr mit Mentalem zu beschäftigen. Das kann auch eine Chance sein, mehr mit sich selber ins Reine zu kommen. Das tut mir und auch anderen Menschen nicht schlecht. Das Klettern fehlt mir sehr. Umso mehr schätze ich, was mir der Sport geben kann und ich merke, dass ich am richtigen Ort bin. Die Situation ist, wie sie ist und wir müssen das Beste daraus machen. Ich kann der Regeneration mehr Aufmerksamkeit schenken und an meinen Defiziten arbeiten.

Woran denken Sie da?
Meine Schwäche ist die aktive ­Beweglichkeit. Diese habe ich vielfach mit meiner Kraft kompensiert. Daran kann ich nun arbeiten. Oder im mentalen Bereich: Wie kann ich die Konzentration über einen ganzen Wettkampf aufrechterhalten – auch wenn es vielleicht mal nicht so läuft. Im Speedklettern, wo die Wand genormt ist, kann ich mit Visualisierung arbeiten. Und weil meine Stärke die Kraft ist, spielt hier die Dosierung eine wichtige Rolle. Ich investiere oft mehr Kraft, als ich bräuchte. Da kann mir Videostudium und der Vergleich mit anderen Athletinnen helfen. Bei zu viel Krafteinsatz kann es schwieriger werden, den nächsten Griff zu packen. Und wenn die Kraftreserven mal aufgebraucht sind, dann sind sie weg.

Wie sieht Ihr weiterer Trainingsplan aus?
Die letzte Woche habe ich etwas runtergefahren, mich gesammelt, neu orientiert, die Entwicklung verdaut und neue Ideen aufkommen lassen. Die Planung ist sicher durcheinandergebracht, aber wir machen, was wir können. Es gilt, auf der gelegten Basis wieder weiter aufzubauen, agil und kreativ zu bleiben und nicht mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Eine Gefahr ist, dass ich jetzt zu viel Zeit für zu viel Training habe. Aber mittlerweile habe ich gelernt, auf meinen Körper zu hören.

Das neue Olympische Format ist ja eine Kombination aus den drei Disziplinen Lead, Speed und Boulder. Hat dies Auswirkungen auf die Vorbereitung?
Weil ich zuvor schon alle drei Disziplinen bestritten habe, hat sich bei mir nicht viel geändert. Es wird höchstens etwas mehr auch Speed trainiert. Diese Disziplin kommt mir entgegen, da ich kräftig bin – und vor allem auch schnellkräftig.

Bei Kletter-Allroundern, die in verschiedenen Disziplinen am Start sind, war zunehmend die Abnützung ein Thema, was sich etwa in blutenden Fingerkuppen zeigte. Spitzt sich dies mit dem Olympischen Format noch mehr zu?
Das wurde in den Wettkämpfen tatsächlich eine grössere Herausforderung, wenn man über anderthalb Wochen in je drei Runden Einzel­disziplinen und dann noch in der Kombi kletterte. An den Olympischen ­Spielen geht es allerdings nur um die ­Kombination und das an zwei ­Tagen.

In anderen Jahren haben Sie auch im Eisklettern für Furore gesorgt, diesen Winter war es allerdings eher ruhig um Sie. Haben Sie diese Disziplin aufgegeben?
Nein, das mache ich nach wie vor, dieses Jahr liess es sich aber nicht kombinieren. Die Wettkämpfe waren zu weit weg. Das Eisklettern ist eine tolle Abwechslung. Die Grundbewegungen sind dieselben, trotzdem wird die Vielseitigkeit erhöht. Es macht extrem Spass und bringt zusätzliche Wettkampferfahrung. Dabei kann ich auch mal im mentalen Bereich etwas testen.

Was zum Beispiel?
Ein grosser Punkt war zum ­Beispiel, wie ich mit meiner Nervosität umgehe. Wie kann ich fokussieren, Kopf und Körper in Einklang bringen. Es ist eine andere Rolle, ob man anderen hinterherjagen kann oder sich in einer Favoritenrolle beweisen muss. Damit muss man umgehen lernen. Manchmal geht es auch schlicht darum, auszuprobieren, mit welchen Übungen ich mich aufwärmen kann, ohne zu viel Kraft zu verpuffen.

Was gibt Ihnen in dieser Phase der ­Ungewissheit Schub, weiterzumachen?
Trotz Abstandhalten sind wir nicht abgeschnitten von der Welt oder alleine. Auf Social Media tauschen wir Kletterer und andere Sportler Übungen aus und stellen uns sportliche Herausforderungen. Es ist schön, wie sich die Gemeinschaft gegenseitig auf Trab hält. So kommt auch immer mal wieder ein Motivationsspruch. Am Tag, an dem die Olympia-Verschiebung bekannt gegeben wurde, hatte ich mit zwei, drei anderen Athleten Kontakt. Wir haben uns gegenseitig gestärkt. Aber nicht nur wir, auch die Trainer, Swiss Olympic und die Organisatoren haben viel Herzblut investiert. Ich fühle mich nicht alleingelassen. Die  Situation schweisst uns zusammen. Selbst meine Sponsoren wie Coop Rechtschutz, Adidas, Mood und RedBull sind emotional bei der Sache und suchen aktiv den Kontakt. Und sie haben mir ihre Unterstützung zugesagt – unabhängig von der Durchführung der Olympischen Spiele. Das gibt mir natürlich auch die nötige Sicherheit, um ruhig zu bleiben und mich weiter auf den Sport konzentrieren zu können.