11.05.2020

Tönen muss es, blinken und surren

Die Billettautomaten von Thomas Neukom sind - obwohl offiziell längst ausser Dienst gestellt – voll funktionstüchtig. (Bilder Stefan Schneiter)

Die Billettautomaten von Thomas Neukom sind - obwohl offiziell längst ausser Dienst gestellt – voll funktionstüchtig. (Bilder Stefan Schneiter)

Ausrangierte Billettautomaten und -entwerter, Münztelefone aus den 1950er-Jahren, Fernschreiber, mit denen Firmen vor 60 Jahren untereinander kommunizierten oder die PTT Telegramme ­versandte – all das sammelt Thomas Neukom und hält die alten Geräte in Schwung. Ihn interessiert, wie und warum alte Technik funktioniert.

Von: Stefan Schneiter

Herr Müller oder Frau Meier haben an diesem Automaten vor 31 Jahren das letzte Mal ein Billett gelöst. Thomas Neukom aber kann das heute noch tun. Er steht in seiner Wohnung vor dem VBZ-Billettautomaten Züri 2, drückt den Knopf «Kurzstrecke», der leise schnalzend gelb aufleuchtet, oben erscheint im Sichtfenster unter leisem Klicken 1.50 in orangen Zahlen. Er wirft 10-, 20- und 50-Rappenstücke in separate Schlitze, jede Münze klimpert unter hörbarem Scheppern runter, oben leuchtet «Noch nachzahlen» auf, bis der volle Betrag eingeworfen ist. Unten rattert im mit «Billett-Ausgabe» angeschriebenen Schlitz das Ticket raus. Im Schlitz «Entwerter» ist, von einem scharfen Klicken begleitet, die Mehrfahrtenkarte zu entwerten. Zu viel eingeworfenes Geld kann mit einer mit «Korrektur» angeschriebenen Taste unter hörbarem Münzgeklimper zurückgefordert werden.

Willkommen im Reich von Thomas Neukom. In der Wohnung des 52-jährigen Affoltemers wird sicht- und spürbar, welch «sinnlicher» Vorgang der Akt eines Billettlösens sein kann. Oder besser war. Denn dieser Typ Billettautomat ist längst nicht mehr im Einsatz. Er war es von 1970 bis 1989, wurde danach durch modernere Geräte ersetzt. Heute steht er zu Hause bei Thomas Neukom, der in seiner Freizeit alte Technikgeräte sammelt und sie betriebsbereit hält. Dutzende von ­alten Billettautomaten und -entwertern, Briefmarkenautomaten, Heimtelefone und öffentliche Telefone sowie Fernschreiber, die er seit den 1950er-Jahren über viele Jahre hinweg zusammengetragen hat. «Ich finde alte Technik spannend», sagt er. «Mich interessiert, wie das funktioniert hat. Tote Geräte kann man bloss anschauen. Aber ich will verstehen, wie so ein Gerät läuft, wie es in allen Details funktioniert. Wenn Lichter angehen, wenn es surrt und tönt, wenn man sieht, wie bei einem Automaten ein Billett gedruckt und gestempelt wird – das ist faszinierend.» Elektronische ­Geräte aus heutiger Zeit interessieren ihn weniger. «Da sieht man ja nichts, entweder es funktioniert oder nicht.»

Elektromechanische Geräte hingegen kann er genau studieren, ihre Betriebsabläufe im Einzelnen verfolgen. So wie beim VBZ-Billettautomaten, wo bei geöffneter Frontklappe das Innenleben sichtbar wird, alle Bestandteile wie etwa die Papierrolle für die Billette, das Farbband, die Münzprüfer, unzählige Kabel usw. und sich die Vorgänge, die beim Lösen eines Billetts im Innern des Automaten ablaufen, mitverfolgen lassen.

Zu jedem Gerät weiss Neukom eine Geschichte zu erzählen. Der SBB-Billettautomat EVA («Einfacher Verkaufs Automat») war eigentlich ein Parkticketautomat, bei dem aber einfache Bahnbillette gelöst werden konnten. Eingesetzt wurden solche Automaten an schwach frequentierten Halteorten oder an Nebenlinien. Das Gerät, das Neukom besitzt, stand am Bahnhof Bollingen SG und blieb durch einen glücklichen Zufall erhalten. Auch gelangte Neukom in den Besitz eines Bedienerhandbuchs, was ihm ermöglichte, alle Funktionen und Programmierungen am Automaten auszuführen und ihn instand zu setzen. Auf YouTube hat er einen Kanal eingerichtet (Thomas28168), wo er in kurzen Filmchen einzelne Geräte präsentiert und Informationen dazu liefert. Zum Billettautomaten erfährt man eine Menge Details: Welche Firma ihn produziert hat, wie die Stromversorgung passierte, dass er 150 kg schwer war, 1970 rund 11000 Franken gekostet hat, dass die Münzprüfung nur mechanisch erfolgte und kein Wechselgeld herausgegeben wurde, dass der Automat für den Winter über Warmluftheizung verfügte und für eine Lebensdauer von 10 Jahren konstruiert war, die durch Modifikationen und guten Unterhalt aber auf das Doppelte verlängert werden konnte.

Kommunikation macht Lärm

Thomas Neukom, von Beruf SBB-Lokomotivführer, ist wichtig, dass die Geräte funktionieren. «Die Herausforderung ist, die Geräte zum Laufen zu bringen. Klappt dies nicht, kann mir das schlaflose Nächte bereiten. Finde ich dann plötzlich eine Lösung, kommt es schon mal vor, dass ich morgens um drei aus dem Bett springe und an einem Gerät herumchlütterle, um es wieder zum Laufen zu bringen.» Fast von allen Geräten besitzt er auch die Original-Betriebsanleitungen, was ihm ermöglicht, die ­Geräte zu reaktivieren und technisch funktionstüchtig zu halten.

Auch einige Telexgeräte funktionieren noch tadellos. Sie wurden in den 1950er- bis 1970er-Jahren von Firmen für den Kommunikationsaustausch benutzt, auch beim Militär. Zeitungen bezogen während Jahrzehnten Agenturmeldungen über diese Fernschreiber. Ein Siemens Handlocher von 1952 stanzt den Text auf Lochstreifen, begleitet von höllischem Lärm. «Kommunikation muss Lärm machen», meint Neukom lachend, entsprechend einem Leitspruch («Real Communication Makes Noise»), der einem i-Telex- und Telephonverzeichnis von 2020 – so etwas wird sogar heute noch gedruckt – zu entnehmen ist. Schon ein bisschen moderner wirkt der Siemens Fernschreiber T100 von 1972, obwohl auch er noch mit einer antik anmutenden Telefonwählscheibe ausgestattet ist, und jeder Buchstabe mit metallenen Typenhebeln wie bei einer alten Schreibmaschine gedruckt wird. Dieser Fernschreiber ist per i-Telex-Netz weltweit mit andern Geräten ver­bunden. Neukom kann sich damit mit gleichgesinnten «Kommunikations­nostalgikern» austauschen.

Überall in der Wohnung verteilt steht eine Vielzahl alter Telefone, an die 30 verschiedene Modelle. Das älteste ist das Modell 29 von 1930, sozusagen das «Urmodell» der alten Telefone in schwarz mit Hörknochen und Wählscheibe. Auch dieses, selbstredend, voll funktionsfähig. Dafür braucht es allerdings einen Konverter, der heute noch in einschlägigen Geschäften erhältlich ist. Verschiedene von Neukoms Telefonen standen in Telefonkabinen. Auch bei diesen: Münze einwerfen und der Verbindungston summt. Als die letzte Swisscom-Telefonkabine im Dezember 2019 abgebrochen wurde, fuhr Thomas Neukom morgens um 2 Uhr extra nach Baden, beleuchtete mit seinem Autoscheinwerfer die Kabine, schoss Fotos, stand in die Kabine und sagte, wie er erklärt, «offiziell Tschüss».

Technik von innen heraus verstehen

Schon von Kindsbeinen an beschäftigte sich Thomas Neukom mit alter Technik. So interessieren ihn Geräte, die er im Lauf seines Lebens kennengelernt hat und zu denen er einen direkten Bezug hat. In deren Besitz gelangt er oft über direkte Kontakte oder Anfragen bei Post, Bahn usw. «Man muss hartnäckig sein, sich nicht sofort abwimmeln lassen, wenn man ein Gerät möchte», sagt er. Die meisten Geräte werden in der Regel bei diesen Betrieben nach deren Ersetzung schnell liquidiert. Immer wieder wird Neukom auch über Ricardo fündig.

Auch Seil- und Sesselbahnen faszinieren Thomas Neukom. Zwei ehemalige Seilbahnsessel vom Hochstuckli und von Sedrun stehen in seiner Stube und im Garten. Und eine alte Viererkabine aus Aluminium von der Pilatusseilbahn. Auch bei deren Beschaffung spielte die Faszination, Technik von innen heraus zu verstehen, mit. «Mich interessiert, wie diese Bahnen funktionierten. Wieso hält das Seil? Warum ist es sicher? Wie sind die Sessel und Kabinen am Seil aufgehängt? Was passiert genau, wenn sie vom Seil ab- und wieder eingekuppelt werden?»