11.05.2020

Auf der Piste mit der Männerriege Obfelden

«Und jetzt id Hocki»: In ihrem virtuellen Training vor dem Bildschirm frästen die 23 Turner sogar mit Bernhard Russi die Lauberhorn-Strecke hinunter. (Bild Livia Häberling)

«Und jetzt id Hocki»: In ihrem virtuellen Training vor dem Bildschirm frästen die 23 Turner sogar mit Bernhard Russi die Lauberhorn-Strecke hinunter. (Bild Livia Häberling)

Am vergangenen Donnerstag traf sich die Männerriege Obfelden zum dritten Mal zu einem Online-Training. Nach Yoga-Übungen und einem Fechtkampf schnallte sich die illustre Truppe die Skischuhe an.

Von: Livia Häberling

Das hed id Bei gschlagä!», findet ­Bernhard Russi nach der Zieleinfahrt. Vielleicht nicht unbedingt in die eigenen, strammen Spitzensportlerbeine, aber zumindest in die Beine jener Zuschauer, die das Lauberhorn-Rennen zu Hause vor dem Fernseher in der Hocke «mitgefahren» sind. TV-Gymnastik nannte man das damals, 1986, als der «Lauberhorn-Test» in der Sendung «Sport Aktiv» im Schweizer Fernsehen über den Bildschirm flimmerte. Damals konnte das jüngste Mitglied der Männerriege Obfelden vermutlich noch nicht einmal «Lauberhorn» buchstabieren. Es war sechs Jahre alt.

Nun, 34 Jahre später, fräst Russi wieder in der Hocke über die Bildschirme. Die TV-Gymnastik ist zurück! Zurück in den Wohnzimmern der Männerriege Obfelden. Oder halt in jenem Raum, in dem sich die Mitglieder gerade befinden, während sie an diesem Donnerstagabend im Online-Training mitturnen.

Turnen zwischen Hundewelpen und Plüschfröschen

Auf die Idee für das Online-Training habe ihn der Ferienplauschkurs seines Sohnes Kimo gebracht, sagt Christian Gerber, der die Online-Trainings der MRO leitet. «Sein Kurs fand über das Videokonferenztool Zoom statt. Ich habe zugeschaut und dachte mir, das könnten wir auch bei uns in der Männerriege anbieten», so der 43-Jährige.

Beim ersten Online-Training am 23. April machten 21 Turner mit, was zirka einem Drittel aller Mitglieder entspricht. In üblichen Trainings in der Mehrzweckhalle Zendenfrei seien es meist rund 30 Personen, sagt Christian Gerber. Alle Mitglieder haben den Link per E-Mail erhalten, können sich mit den zugesandten Zugangsdaten über PC, Laptop, Tablet oder Handy auf der Seite oder über die App einloggen und am Training teilnehmen.

Heute sind es 23 Mitglieder, die kurz vor 20 Uhr nach und nach im virtuellen Konferenzraum eintreffen. Jemand schaltet sich aus dem Garten zu, ein anderer aus dem Tessin. Fast alle Mitglieder haben das Mikrofon eingeschaltet, was die Einfindephase zu einer fröhlichen Plauderrunde macht. Nun weiss jedes aufmerksame Vis-à-vis, dass in ­einem Gespräch stets mehr preisgegeben wird als das, was gesagt wird... Und weil die meisten MRO-Turner während des Small-Talks auch die Kamera eingeschaltet haben, erfährt man ganz nebenbei, wer mit einer Katze zusammenlebt, wer ab und zu auf einem Trampolin trainiert, wer sich drollige Hundewelpen-Sujets an die Wand hängt oder eine Vorliebe für Plüsch-Frösche hat.

Kniebeugen und Sonnengrüsse

Dann gilt es ernst: Um viertel nach acht starten Christian Gerber und Sohn Kimo mit dem Training. Ihr Kameraausschnitt wird im Grossformat angezeigt, damit die anderen die Übungen nachturnen können. «Wir arbeiten in jedem Training mit einem anderen Gegenstand», sagt Christian Gerber. Beim letzten Mal wars ein Besen, heute kommt ein Blatt Papier zum Einsatz. Bevor das Hauptprogramm beginnt, sind die Aufwärmübungen dran: Schultern kreisen, Joggen an Ort und Stelle. Es folgen Kniebeugen, Liegestützen – und Christian Gerber empfiehlt: «Und lächle debii.»

Dann übernimmt der 9-jährige Kimo: «Jetzt machemer Yoga», sagt er und zeigt den Teilnehmenden erste Übungen. In den kleinformatigen Kamera-Ausschnitten zeigt sich: Da wird fleissig mitgeturnt. Währenddessen fragt man sich: Was läuft da eigentlich? Also musikalisch, ganz leise im Hintergrund... «I always feel like somebody’s watchin’ me». Aha. «Pointierte Songauswahl», denkt man sich – und merkt dann: Ojemine, es ist gar nicht Rockwell, der da singt... sondern DJ Bobo, dessen Zeilen «I’ve Got this Feeling, Somebody Dance with Me» aus der Ferne erstaunlich ähnlich klingen.

Von der Piste in die Beiz

Später folgt eine Einführung ins Fechten. Mit dem A4-Blatt formen sich die Turner ein Sportgerät, das je nach Form und Grösse als Degen, Florett oder Säbel bezeichnet werde, wie Christian Gerber erklärt. Geübt werden die Grundschritte, bis das längsformatig eingerollte A4-Blatt schliesslich in der Mitte getrennt wird, sodass daraus zwei Skistöcke werden. Bernhard Russi übernimmt, man flitzt in der Hocke die Lauberhorn-Strecke hinunter, dazu blendet Gerber ein YouTube-Video ein. Und dann endet das Training nach einem letzten Spiel um zehn vor neun. Willkommen am ­virtuellen Stammtisch, heisst es nun. Mit einem Bier oder einem Glas Wein.

Bis auf Weiteres Online-Training

Theoretisch dürften die Sportvereine seit dem 11. Mai wieder in der Turnhalle trainieren – unter Einhaltung von Schutzmassnahmen. Die Männerriege Obfelden wolle ihr Training in den nächsten Wochen jedoch virtuell weiterführen, erklärt Christian Gerber. Etwa die Hälfte der Mitglieder sei über 65 Jahre alt und gehöre damit zur Risikogruppe. «Wir überlegen uns aber natürlich auch sinnvolle Ergänzungen oder Alternativen, damit möglichst viele Mitglieder profitieren können.»