Affoltern auf dem Weg zur 12-Minuten-Stadt

Die Kandidierenden für den Stadtrat besprachen eine Fülle von Themen – Fortsetzung von Seite 1

Auch aus dem Publikum kamen am Abend der Podiumsdiskussion im Kasinosaal einige Fragen. (Bilder Claudia Eugster)

Auch aus dem Publikum kamen am Abend der Podiumsdiskussion im Kasinosaal einige Fragen. (Bilder Claudia Eugster)

Bernhard Schneider (links) führte durch den Abend, Orlando Rabaglio begrüsste und verabschiedete die Gäste.

Bernhard Schneider (links) führte durch den Abend, Orlando Rabaglio begrüsste und verabschiedete die Gäste.

Was denn eigentlich die drängendste Frage sei, die es Affoltern zu besprechen oder zu lösen gebe, fragte Moderator Bernhard Schneider ganz zu Anfang des Abends.

60 Sekunden Zeit gab er für die Antworten vor. Den Auftakt machte Galina Bruder (parteilos/SP, neu): «Jedes Problem ist wichtig», sagte sie, um dann doch noch etwas konkreter zu werden: «Der Erhalt der demokratischen Werte sowie Bildung, Erziehung und Schule.» Franz Wipfli (Die Mitte, neu) stand die nächste Minute zur Verfügung: «Mir geht es um die Art und Weise der Kommunikation zwischen dem Stadtrat und der Bevölkerung» – und er stellte noch rasch die Frage, ob alle diese Investitionen wirklich sein müssten. Stadtrat Markus Gasser (EVP) sprach das starke Bevölkerungswachstum an und die Klimaerwärmung, die auch vor Affoltern nicht haltmache.

Offenbar sensibilisiert auf den Vorwurf der mangelnden Kommunikation aus dem Stadthaus heraus, setzte die amtierende Stadtpräsidentin Eveline Fenner (EVP) auf Einwandvorwegbehandlung: «Mein wichtigster Punkt ist es, das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik zu stärken.» Stefan Kessler (Grüne, neu) hatte vier Punkte auf seinem Wunschzettel: «Bezahlbaren Wohnraum qualitatives Wachstum, die Stadt klimafitter machen und den sozialen Zusammenhalt fördern.» Das Wachstum war auch ein Thema, das Pascal Santi (FDP, neu) ansprach. Es brauche eine Stadtentwicklung mit Augenmass. Dito Claudia Spörri (SVP, bisher, will aber nicht mehr Schulpräsidentin werden): «Der Wandel muss mit Augenmass erfolgen.»

Ernst Beeler (Gewerbe/SVP, neu) aus Zwillikon machte deutlich, dass sein Herz für das Gewerbe und die Vereine schlägt. Die Kommunikation zwischen diesen Gruppen und der Stadtregierung wolle er verbessern.

Kommunikation als Herausforderung

Stichwort Kommunikation. Moderator Schneider, der genau zugehört und mitnotiert hatte, machte dieses Thema zum Auftaktthema des nachfolgenden Frage- und Antwortspiels: Was denn das konkrete Problem sei, fragte er. Wipfli: «Es wird zu spät über grosse Projekte informiert.»

Stadtpräsidentin Fenner merkte dazu an: Wir haben ein gesellschaftliches Problem, zu viele Leute würden nur noch in ihrer eigenen Blase leben: «Dabei brauchen wir mehr Dialog.» Sogleich kamen ein paar Vorschläge, wie man das besser machen könnte, wobei sich herausstellte, dass die Stadtkommunikation eigentlich auch schon viel macht. Genannt wurden Newsletter, Social-Media-Account, Bürgersprechstunden, 50 Medienmitteilungen pro Jahr und eine Flut von Artikeln im «Anzeiger». «Das ist ein Fass ohne Boden», sagte Stadtrat Gasser. «Tatsache ist, wir haben noch nie so viel kommuniziert wie derzeit. Aber irgendwie ist es immer zu wenig.» Gar nicht schlecht informiert fühlt sich Galina Bruder. «Es gibt doch Newsletter und auch den ‹Anzeiger›.» Aber als Bildungspolitikerin müsse sie auch darauf verweisen: «Wir müssen das eben auch schon den Kindern lehren, wie man gut kommuniziert.»

Die Finanzen waren natürlich auch ein Thema. Da wurde Santi ziemlich deutlich: «Wir sind die Gemeinde mit den vierthöchsten Steuern im Kanton Zürich. Da ist etwas nicht im Lot.» Das wollte Stadtrat Gasser nicht auf sich sitzen lassen: «Noch nie war Affoltern finanziell so gut aufgestellt wie jetzt.» Und die Stadtpräsidentin machte deutlich, dass man gut auf die Steuergelder aufpasse: «Wir müssen ständig priorisieren. Im Budgetprozess wird jeder Posten jedes Jahr genau angeschaut.»

Auch der Personalmangel der vorangegangenen Jahre, der laut Fenner «jetzt weitgehend behoben ist», war ein Thema. Auf dem Podium wie später auch aus dem Publikum wurde bemängelt, dass die Personalkosten zu hoch seien. Bekanntlich hatte die Stadt im vergangenen Jahr nach der verlorenen Abstimmung um die 38,5-Stunden-Woche die Löhne fürs Personal erhöht. Dies habe zumindest dazu geführt, dass man jetzt gutes Personal gefunden habe, so Fenner. Das wollte Beeler nicht so stehen lassen: «Da kann man noch mal über die Bücher gehen», befand er. Gasser wob dem Personal dabei ein Kränzchen: «Es kommen ständig neue Aufgaben dazu. Bei uns sitzt niemand herum. Unsere Leute in der Stadtverwaltung geben alle ihr Bestes.» – Was ihm einige Stimmen von Mitarbeitern der Verwaltung einbringen dürfte.

Wenig Einigkeit herrscht auch bei einem anderen Thema: dem Schwammstadtkonzept und der Gestaltung der Heimpelstrasse. Santi kritisierte das Projekt als «unausgegoren». Im Winter bilde sich auf dem Kies Eis, Personen mit Rollstühlen oder Rollatoren können den Weg nicht mehr gefahrlos nutzen, die Gefahr sei hoch, dass es zu einem Unfall kommen könne. «Ich gebe zu, das ist noch nicht das Gelbe vom Ei», war die Antwort von Gasser. Es gehe beim Schwammstadtkonzept auch um nachhaltige Ziele, um den Herausforderungen des Klimawandels mit seinen unvorhersehbaren Starkregen begegnen zu können. Allerdings sei das Projekt auch bewusst als Pilotprojekt konzipiert worden. Man sei darauf angewiesen, Erfahrungen zu sammeln, um bei zukünftigen Projekten gut planen zu können.

Einschub Primarschule

Das Wahlrecht in Affoltern sieht vor, dass auch das Präsidium der Primarschule über die Stadtratswahl besetzt wird. Das heisst, wer Präsident oder Präsidentin der Primarschulpflege werden will, muss erst einmal in den Stadtrat gewählt werden. Weil die bisherige Primarschulpräsidentin Spörri das Amt nicht mehr antreten möchte («Ich habe das viele Jahre gemacht, jetzt sollten einmal frische Köpfe auf diese Position.»), bewerben sich gleich drei Personen auf das Amt. Das sind Wipfli, Bruder und die – weil parteilos – nicht geladene Yvonne Accorinti. Die beiden Erstgenannten bekamen vom Moderator eine extra Portion Zeit, um bildungspolitische Fragen zu diskutieren. Nebst einigen deckungsgleichen Ansichten traten auch deutliche Unterschiede zwischen Wipfli und Bruder zutage. So plädierte Bruder bei der Frage nach Inklusion und Integration von Kindern mit Sonderbedarf an Aufmerksamkeit für eine differenzierte Betrachtung jedes Einzelfalls. Ziel müsse es sein, dass für jedes Kind eine individuelle Lösung gefunden werde. Und: «Alles, was jetzt gut läuft, soll erhalten und gefestigt werden.»

Wipfli sagte, man müsse auch die enormen Kosten im Auge behalten. Sei es bei der Schulraumplanung («Man könnte vielleicht auch mit Provisorien schaffen»), aber auch bei der integrativen Schule: «Es gibt zu viele Kinder mit besonderen Bedürfnissen.»

Die Zeit im Blick

Aus dem Publikum kam nebst einiger rückblickender Kritik am bisherigen Stadtrat, zum Beispiel wegen der Abstimmung für das Sportplatzgelände Im Moos, noch die spannende Frage, wie man denn gedenke, den Alltag der Menschen in der Stadt zu verbessern. Fenner nutzte die Gelegenheit, um nochmals auf ihr Schwerpunktthema Verbesserung des Dialogs hinzuweisen: «Aufeinander zugehen, zuhören, Menschen nicht verletzen, nicht diffamieren.» Gasser verwies auf die Strategie des Stadtrates in Sachen Nachhaltigkeit und verdichteter Bauweise: «Wir wollen eine Stadt der kurzen Wege – eine Zwölf-Minuten-Stadt.» Wie der Moderator hatte also auch er die Zeit im Blick.

Warum wen wählen?

Zum guten Ende ging es noch mal im Stakkato. 30 Sekunden waren das Limit pro Wortmeldung. Die geforderte Antwort sollte beschreiben, warum man den jeweiligen Kandidaten oder die Kandidatin denn wählen solle. Die Voten reichen dabei von «Ich bin bodenständig» (Beeler), «Ich kenne die Herausforderungen» (Spörri), «Junge in die politischen Prozesse einbeziehen» (Santi) über «Ich bin dialogfähig» (Kessler) oder «Ich liebe die Menschen von Affoltern» (Fenner) bis hin zu «Mir ist ernst mit der nachhaltigen Entwicklung der Stadt» (Gasser), «Lust auf einen Einsatz für die Stadt» (Wipfli) und «Ich fühle mich hier daheim» (Bruder). Und tatsächlich: Alle hielten sich an die sportliche Zeitvorgabe. Obwohl es um die Parteifinanzen offenbar nicht zum Besten steht und IPK-Präsident Orlando Rabaglio die Gäste ohne Apéro in die Nacht verabschiedete, blieben zahlreiche Personen aus dem Publikum noch eine Weile, um im persönlichen Gespräch den Kontakt zu einigen Kandidierenden zu vertiefen.

 

Am Dienstag, 10. Februar, erscheint im «Anzeiger» ein grosses Affoltern-Special mit der Vorstellung aller Kandidatinnen und Kandidaten.

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