Zwischen Klamauk und Wahrheit

Brief aus Indien: Familie Rexer aus dem Säuliamt lebt sich in den indischen Alltag ein (2/6)

Familie Rexer aus dem Säuliamt verbringt einige Monate in Indien. (Bilder zvg)

Familie Rexer aus dem Säuliamt verbringt einige Monate in Indien. (Bilder zvg)

Stella bei der Katzenwäsche.

Stella bei der Katzenwäsche.

Seit zwei Wochen sind wir in der Wärme. Kerala fühlt sich an wie Hochsommer in der Schweiz – nur intensiver. Die Luft ist feucht, die Farben satt, der Alltag reduziert. Wir reisen mit wenig Gepäck, denn viel braucht es hier nicht. Meine Frau Chiara kennt Indien gut. Sie hat mehrere Monate am Stück hier gelebt und bei ihren Lehrern in Mysore Yoga studiert. Für sie ist vieles vertraut. Für mich und unsere Kinder wird es schnell Alltag.

Schlangen sind real

Dazu gehört auch, gewisse Dinge zu lernen, die bei uns selbstverständlich anders sind: nicht in Laubhaufen stehen bleiben, nicht in Tümpeln spielen. Schlangen sind real, nicht nur eine abstrakte Gefahr. Die Kinder verstehen das rasch. Insgesamt finden sie sich erstaunlich leicht zurecht. Bevor ich Chiara kennengelernt habe, wäre ich nie auf die Idee gekommen, nach Indien zu reisen. Krankheiten, Armut, giftige Tiere – all das hatte ich im Kopf. Diese Realität ist nicht verschwunden, sie gehört dazu. Wichtig ist, nicht naiv oder leichtsinnig zu sein. Der nächste Arzt, der helfen kann, ist gut zwei Autostunden entfernt.

Wir leben ausserhalb von Kovalam, hier bleiben wir bis Ende Januar. Zusammen mit zwei indischen Hausfrauen, ihren Familien und einem Koch. Er sagt, er sei pensioniert und habe Zeit für uns. Er ist 40 Jahre alt. Da beginnt das Nachdenken. Er wirkt älter, hat viel erlebt, jahrelang auf Hochseeschiffen gearbeitet. Und doch liegt bei allem, was er erzählt, ein Lächeln auf seinem Gesicht.

Zeit für die Kinder?

Eines Tages schaut er mich an und fragt direkt: «Arbeitest du viel? Warum? Hast du Zeit für deine Kinder?» Diese Frage trifft mich. Ich erinnere mich an einen Film von Wim Wenders über Papst Franziskus. Auch er blickt direkt in die Kamera und fragt: «Verschwendest du Zeit mit deinen Kindern?» Für uns war von Anfang an klar: Die drei kommen mit. Mit drei, sechs und neun Jahren ist das hier ein grosses Abenteuer. Und ein intensiver Lernort. Nirgends lernt man so viel, so unmittelbar wie hier.

Indien ist laut. Und zugleich still. Der Ruf der Moschee mischt sich mit den Gesängen aus den Tempeln. Verschiedene Religionen existieren nebeneinander. In all dem Trubel finde ich etwas, das mir im Alltag oft fehlt: Ruhe. Zeit zum Nachdenken. Über mich, über meine Arbeit, über Comedy. Ich bringe Menschen zum Lachen. Das konnte ich schon immer. Aber hier, in dieser direkten, ungefilterten Welt, stelle ich mir neue Fragen. Was bedeutet Lachen wirklich? Ist es Unterhaltung? Ablenkung? Oder etwas Tieferes?

«Lachen ist schön»

Neulich fragte mich ein Mann am Kokosnussstand nach meinem Beruf. Ich sagte: Schauspieler, Comedian. Er überlegte kurz und fragte dann: «Ist das lustig?» Ich konnte nicht sofort antworten. «Lachen ist schön», sagte ich schliesslich. Wenn andere lachen – und ich mitlachen kann. Indien lässt kein Ausweichen zu. Die Menschen sind direkt. Wie der Verkehr hier: chaotisch, laut, aber erstaunlicherweise kommt jede und jeder aneinander vorbei. Vielleicht gilt das auch für das Leben.

Ich habe beschlossen, genauer hinzuschauen. Weniger zu denken, mehr wahrzunehmen. Das Aussen wirken zu lassen. Ende Woche reisen wir weiter in den Norden Keralas, nach Kollam und Marari. Heute sahen die Kinder einen Bettler mit verstümmelten Gliedmassen. Ich merkte, wie sehr sie das beschäftigte. Dann fragten sie mich: «Papa, warum hat der Mann so schön gelacht?» Ich lege den Sketch beiseite, an dem ich eben noch gearbeitet habe, er spielt im Gymfit, meinem Fitnessstudio in Affoltern. Ich schreibe ihn für Rob Spence und mich. Jetzt muss das warten. Ich denke nach.

Die Frage meiner Kinder beschäftigt und begleitet mich. Bis zum nächsten Reisebericht.

Florian Rexer

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