Affoltern – eine Stadt im Wandel
Die Stadt steht vor grossen Herausforderungen in städtebaulicher Hinsicht – 10 Kandidierende für sieben Sitze
Fragt man ChatGPT nach den wesentlichen Merkmalen von Affoltern, bekommt man bei den positiven Punkten als Erstes die schöne Lage im Knonauer Amt genannt. Dann folgen die sehr gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr (zumindest in Richtung Zürich), die Funktion als Regionalzentrum und das aktive Vereinsleben. Auch die grössten Herausforderungen kennt die künstliche Intelligenz. Die angespannte Situation am Wohnungsmarkt wird genannt, auch eine leicht über dem Durchschnitt liegende Kriminalitätsrate. Gerügt wird speziell «mangelnde politische Transparenz». Um das herauszufinden, hat ChatGPT vermutlich den «Anzeiger» konsultiert, da diese Zeitung fast das einzige Medium ist, das ausführlich über die Region berichtet und die Meinung der Bevölkerung in den Leserbriefspalten spiegelt. Das Fazit der Internetmaschine: «Affoltern steht vor typischen Herausforderungen einer wachsenden Stadt. Gleichzeitig existieren langfristige Strategien, um Infrastruktur, Wohnen und Lebensqualität nachhaltig zu verbessern.»
Eine Vision für die Stadt
Dieses Fazit stammt wohl aus der Lektüre der «Strategie der Stadt Affoltern am Albis 2035», die eine ganze Palette an drängenden Themen zu einer Vision zusammenfasst. Darin werden Punkte angesprochen wie eine verlässliche Finanzpolitik und ein stabiler Steuerfuss, eine weitsichtige räumliche Weiterentwicklung und eine hohe Aufenthaltsqualität oder auch die Positionierung als wirtschaftsfreundlicher und innovativer Standort. Die Liste liesse sich fast beliebig lang fortsetzen.
Ansiedlung einer Firma aus Zug
Tatsächlich wird in dem Papier aus dem Jahr 2023 eine Reihe von Themen angesprochen, die jetzt – zwei Jahre später – direkt spürbar ist. Stadtpräsidentin Eveline Fenner (EVP) verweist im Gespräch auf die spezielle Lage Affolterns als Regionalzentrum zwischen Zug und Zürich und auf einen wirtschaftlich starken Neuzuzüger. Das Zuger Maschinenbauunternehmen Hydac Engineering AG realisiert im Gewerbegebiet Moosbachstrasse eine neue Produktions- und Lagerhalle mit Büroanbau.
Ein anderes Thema aus der Vision 2023 ist die Verdichtung. Man will weiterhin eine 12-Minuten-Stadt bleiben. Das heisst, Wachstum ja, aber nicht in die Breite. Keiner soll länger als 12 Minuten brauchen, um zu Fuss oder mit dem Velo durch die Stadt zu kommen. «Verdichtung» ist das Schlagwort, das auch viele andere Schweizer Kommunen ernst nehmen. Nennenswert im Ort sind gleich mehrere grosse Überbauungen, die neu entstehen. Auf dem Schönbächler-Areal sollen an die 100 Wohnungen entstehen. Auf dem Zena-Areal wachsen dann einmal vier Wohnblöcke mit bis zu 25 Metern Höhe in die Luft. Das renommierte Architekturbüro Herzog & de Meuron ist daran beteiligt. Im Braui-Areal wächst fast ein neuer Stadtteil heran, ein Gymnasium soll kommen, und das Sammlungszentrum wird auch noch ausgebaut. Bagger und Kräne also, wohin man schaut. Und das ist nicht alles: «Es hat schon noch Potenzial», sagt Eveline Fenner. Es gäbe noch einige eher ältere und kleinere Häuser, die einst grösseren Überbauungen weichen könnten. Das bedeutet dann auch mehr Einwohnerinnen und Einwohner. Von derzeit knapp 13000 Personen könnte die Stadt auf 16000 bis ins Jahr 2040 wachsen. Die 13000er-Marke dürfte noch in diesem Jahr geknackt werden.
«Schwammstadt» sorgt für Kritik
Noch ein anderer Punkt aus der Vision 2033 ist der Umgang mit dem Klimawandel. Aus den Überlegungen, wie man mit plötzlich auftretenden Starkregen umgehen könne, ist die Vision entstanden, möglichst viel Regen direkt an Ort und Stelle versickern zu lassen – auch bekannt als Schwammstadt-Prinzip. Daraus gewachsen ist das Projekt Heimpelstrasse – das allerdings umstritten ist, weil einige Personen, vor allem solche mit Rollatoren oder Rollstühlen aus dem benachbarten Seewadel, ihre Schwierigkeiten mit dem speziellen Kiesbelag haben.
Die Stadtpräsidentin nimmt die Anliegen ernst: «Wir wollen mit dem Pilotprojekt dort Erfahrungen sammeln und daraus lernen. Und was ist Ihr drängendstes Problem, Eveline Fenner? «Ich spüre eine gewisse Staatsverdrossenheit bei der Bevölkerung. Ich möchte gerne das Vertrauen der Bevölkerung verbessern.» Ein bisschen – so scheint es – steckt ihr noch die verlorene Abstimmung zur 38,5-Stunden-Woche in den politischen Knochen.
Die Ausgangslage an der Urne
Die politische Ausgangslage vor den Wahlen am 8. März: Zur Wahl für den siebenköpfigen Stadtrat stehen 10 Kandidatinnen und Kandidaten zur Verfügung. 6 Neue und 4 Bisherige. Nicht mehr zur Wahl stehen Felix Fürer, Markus Meier und Eliane Studer Kilchenmann. Stadtpräsidentin Eveline Fenner (EVP) tritt wieder an. Einen Gegenkandidaten haben die bürgerlichen Parteien, die an sich einen Machtwechsel im Stadthaus erreichen wollen, nicht gefunden.
Doch auch Fenner wird nicht automatisch zur Stadtpräsidentin, auch wenn sie in den Stadtrat gewählt wird. In einer sogenannten Nebenwahl muss sie auch das absolute Mehr fürs Präsidium erreichen. Das Gleiche gilt für das Präsidium der Primarschulpflege. Für dieses Amt treten gleich drei Personen an: Yvonne Accorinti-Aeberli (parteilos), Galina Bruder (parteilos, von der SP portiert) und Franz Wipfli (parteilos, von der Partei Die Mitte portiert). Die anderen zur Wahl antretenden Personen repräsentieren das ganze Parteienspektrum: Ernst Beeler (Gewerbe/SVP, neu), Markus Gasser (EVP, bisher), Stefan Kessler (Grüne, neu), Claudia Ledermann (parteilos, portiert durch die GLP), Pascal Santi (FDP, neu) und Claudia Spörri (SVP), die bisherige Primarschulpräsidentin, die dieses Amt zwar nicht mehr will, aber dennoch als Stadträtin für ein anderes noch zu bestimmendes Ressort antritt. Für das Affoltemer Stimmvolk gibt es somit zumindest bei den Kandidatinnen und Kandidaten für den Stadtrat eine recht grosse Auswahl. Dass das Interesse an der städtischen Politik gross ist, zeigte der beachtliche Zulauf an zwei Podiumsdiskussionen, die in der vergangenen Woche stattgefunden haben.
Aber auch wenn die Stadtpräsidentin Fenner mangels Gegenkandidaten eine sehr gute Chance hat, gewählt zu werden, achten Beobachter dann wohl doch genau auf die Zahl der Stimmen, die sie zur Stadtpräsidentin machen könnten.
Zur Erinnerung: Vor vier Jahren waren drei Kandidaten fürs Stadtpräsidium gegeneinander angetreten: Der damals amtierende Stadtpräsident Clemens Grötsch, der aus dem Stadtrat als überzählig ausschied, Hermann Brütsch, der nur wenige Stimmen erhielt, und – eben Fenner. Sie erreichte 55,35 Prozent der Stimmen. Ob sie das Resultat wiederholen oder verbessern kann? Und wenn ja, wie sehr? «Auch für mich ist dann Zahltag», sagt sie.








