«An Misserfolgen kann man wachsen»
Planen, umsetzen, dokumentieren gehören zum Projektunterricht der Abschlussklassen an der Oberstufe Ennetgraben in Affoltern. Auch dieses Jahr ist dabei wieder Eindrückliches entstanden. Eine Auswahl.

«... und dann kam Corona.» So oder ähnlich haben es dieses Jahr die meisten Schülerinnen und Schüler in ihrer Projektdokumentation festgehalten. Die grosse Zäsur wirkte sich in vielerlei Hinsicht aus. Hier fehlte es an Material, weil die Läden zu oder die Lieferfristen lang waren, da am Werkzeug und dort am Support, wenn sich die ganze Kommunikation auf Online-Kanäle beschränken musste. Bei manchen Jugendlichen hat der Ausnahmezustand die Zeitnot verstärkt oder die Motivationskurve geknickt. Andere waren mit ihrem Projekt schon vor dem Shutdown fertig und konnten sich in der ruhigen Zeit umso besser auf die Dokumentation konzentrieren.
«Eine Welt voller Magie und Wunder»
Der Projektunterricht im Abschlussjahrgang hat an der Oberstufe Ennetgraben in Affoltern eine lange Tradition. Seit 13 Jahren gebe es ihn in der heutigen, klassenübergreifenden Form, so Lehrer Felix Naef. Und klassenweise sogar noch länger. Etwas war dieses Jahr trotzdem anders: Nach dem Lehrplan 21 stehen nur noch zwei statt drei Lektionen pro Woche zur Verfügung. Umso beeindruckender sind die Resultate: Etwa das automatische Gewächshaus von Cédric Bommel, die mobile Esse, in der Joel Weiss tatsächlich schmieden kann, oder die Holzuhr mit Rahmen von Merima Hafizovic. Nicht weniger als eine eigene Fantasiewelt hat Iris Glutz erfunden. In ihrem Buch «Athia» stellt sie diese Orte und ihre Bewohner in Wort und Bildern vor. «Sei bereit, denn dich erwartet eine Welt voller Magie und Wunder», richtet sie sich in der Einleitung an die Leser.
Dass er den FC Bayern München mag, daraus macht Normen Badertscher kein Geheimnis. Gefragt nach seinem Lieblingskicker, nennt er Serge Gnabry: «Ich mag Spieler, die schnell und trickreich sind», begründet der 15-Jährige. Auf die Idee, das Stadion der Bayern, die Allianz Arena, als Modell nachzubauen, habe ihn ein Kollege gebracht. Auf Youtube fand er dann ein Video, wie sich das umsetzen lässt. Auf einem Sockel aus Holz und Stützen aus Styropor und Gitterdraht hat er eine Fassade aus Krepppapier aufgezogen – originalgetreu beleuchtet durch farbige LEDs. Das Stadioninnere prägen nebst dem Spielfeld die Tribünen aus Wellkarton. «Im Nachhinein würde ich besser planen», zieht er Bilanz. Das Fundament musste er zweimal sägen, weil er zuerst zu schweres Holz gewählt hatte. Bei der Aussenhülle ging ihm dann das Krepppapier aus. Weil die Läden Corona-bedingt zu waren, musste er auf normales Papier ausweichen. Zumindest arbeiten habe er immer gekonnt: «Meine Grosseltern wohnen im gleichen Haus und ich durfte das Atelier meiner Grossmutter nutzen.»
Objekte für den künftigen Lehrbetrieb und die Schulbibliothek
Etwas Nützliches, bei dem sie auch etwas lernen kann – das stellte sich Naya Brandenberger für ihr Projekt vor. Was es genau werden sollte, das blieb ihr allerdings lange unklar. «Ich habe mir überlegt: Was mache ich gerne und was zeichnet mich aus?», erzählt sie. Über das Reisen und das Interesse an Neuem kam sie auf die Idee, eine Weltkarte zu gestalten, auf der sie mit Magneten ihre Reisedestinationen ausstecken kann. Die Kontinente wollte sie deshalb ursprünglich aus Metall ausschneiden. Aus praktischen Gründen disponierte sie dann um auf Laubsägeholz, die Magnetwirkung erreichte sie mit Metallfarbe. Beim Sägen habe ihre Zwillingsschwester sie unterstützt, verrät Naya Brandenberger. Und auch für die Herausforderung der indirekten Beleuchtung fand sie eine kreative Lösung: Statt grossem Löt-Aufwand kaufte sie eine zweite LED-Kette und führte die Leuchtschnur hinter der Rückwand von Kontinent zu Kontinent. Wo würde sie ihre Reiseplan-Magnete am liebsten anbringen? «Nach Australien will ich sicher mal und in Amerika war ich auch noch nie», verrät die Schülerin. Die magnetische Reisekarte ist aber nicht für ihr Zimmer gedacht, sondern für die Räumlichkeiten des Versicherungsunternehmens, bei dem sie nach den Sommerferien ihre Lehre antreten wird. Und nach der Ausbildung möchte sie für ein Austauschjahr nach Amerika gehen.
Bei der Ernst Schweizer AG in Hedingen hat Megan Kauer für ihre anstehende Lehrzeit angeheuert. Und der künftige Arbeitgeber hat sogar angeboten, sie bereits beim Schulabschlussprojekt zu unterstützen. So durfte sie die Lehrlingswerkstatt nutzen, um das Lochblech im Zentrum ihrer Zettellampe zu schneiden, zu rollen, zu nieten und mit Draht zu vernähen. Die Inspiration für ihre Kreation hat Megan Kauer von Designer Ingo Maurer. Das Design ist allerdings nur das Gefäss. Spannend sind die Wünsche und Ziele, welche die Jugendliche bei ihren Mitschülerinnen und Mitschülern der Abschlussklassen gesammelt und an Schweisserdrähten rings um das Lampengehäuse angeklammert hat. Die handschriftlichen Botschaften sind vielfältig, von «Glück und Gesundheit» über «...dass Züri Meister wird», bis hin zu «Frieden auf Erden», reicht das Spektrum. Selber hat sie allerdings keinen Zettel ausgefüllt. Was wäre denn ihr Wunsch? «Ein glückliches Leben führen, Spass haben und geniessen können», meint sie spontan. Und ihre Lampe nimmt sie nicht etwa mit nach Hause, sondern überlässt sie der Schulbibliothek.
Hommage an den verstorbenen Grossvater
«Learning by Crashing», charakterisiert Lehrer Felix Naef einen wichtigen Aspekt von Projektarbeiten: «Misserfolge gehören dazu, um an der Aufgabe wachsen zu können.» Dass ein Projekt zweimal abstürzen und trotzdem erfolgreich abgeschlossen werden kann, das hat Jonas Grüninger bewiesen. Als angehender Automatiker wollte er ein Projekt mit Basteln und Elektronik umsetzen, «irgendetwas Ferngesteuertes», wie er präzisiert, «und fliegen sollte es können.» Da er schon einen Heli und eine Drohne hatte, entschied er sich für ein Modellflugzeug. Die Anleitung fand er auf Youtube, den Bausatz im Handel: Eine Vought F4U «Corsair», ein amerikanisches Kampfflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg, «kompakt und mit Knickflügeln», wie er es beschreibt. Am ausgestellten Modell hängt bereits der dritte Propeller. Nach zwei Bruchlandungen hat er Stützskier nachgerüstet. Eine Eigenkreation ist auch die Abwurfvorrichtung mit Servo-Auslöser. Und was bedeutet das «FS» am Heckruder? «Das sind die Initialen meines Grossvaters», sagt Jonas Grüninger, «er ist vor einem halben Jahr gestorben. Er hatte gerne elektronische Sachen und war ein richtiger Tüftler.»
«Es ist spannend, wie die Jugendlichen selber Lösungen finden», so Lehrer Pascal Gadient. Eine grosse Herausforderung sei dabei das selbstständige Planen über mehrere Wochen. «In der Lehre müssen sie ihre Arbeit auch selber einteilen können, da steht nicht immer der Lehrmeister hinter ihnen.» Und in einem sind sich Lehrpersonen sowie Schulleiter Ivan Nikolic einig: «Trotz Corona und Verzicht auf Zeugnisnoten sind wieder Top-Projekte entstanden!»


