Auf der Erde ist es zu warm
Es waren düstere Zukunftsaussichten, die der Klimaforscher Professor Dr. Andreas Fischlin in seinem Referat am letzten Sonntag in der Kirche Kappel prognostizierte. Der Vizepräsident des Weltklimarates sagte: «Ein ungebremster Klimawandel gefährdet unsere Zivilisation.»

Coronabedingt wurde der Anlass in der Klosterkirche durchgeführt. Trotz der Einhaltung der Distanzregeln galt eine Maskenpflicht, was bereits beim Zuhören für ein unangenehmes Klima im Gesicht sorgte. Passend dazu sagte Pfarrer Volker Bleil, der durch die Tagung führte, in seiner Einleitung, dass der Buss- und Bettag ein Tag zum Innehalten sei, um sich darüber bewusst zu werden, vielleicht in einer Sackgasse zu stecken. «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch», zitierte Bleil aus Hölderlins «Patmos». Die Hitze der letzten Sommer habe die Bleifenster der 700 Jahre alten Klosterkirche so stark ausgedehnt, dass sie kaputt gegangen seien. Dann übergab der theologische Leiter des Klosters Kappel das Wort an Andreas Fischlin.
Dieser eröffnete pointiert: «Ich glaube nicht, dass Gott die Naturgewalten ausser Kraft setzt, um uns von der Selbstzerstörung zu bewahren. Ich lade Sie deshalb ein, aktiv gegen den Klimawandel zu kämpfen. Denn wir verändern das Klima. Das vom Bund propagierte Ziel ‹netto null› für fossile Energieträger ist die Lösung.» Ab sofort sollten die Investitionen in klimaschädigende Projekte gestoppt werden. Um die Auswirkungen des Klimawandels zu illustrieren, brachte der Forscher das Beispiel von zwei Bildern aus dem Luzerner Gletschergarten. Eines zeigte das tropische Klima in der Schweiz vor vier Millionen Jahren und ein anderes vor 18000 Jahren unter einer Eisschicht. Er schätzte, dass während der Tropenphase und einem Plus von zwei bis drei Grad mehr Durchschnittstemperatur der Meeresspiegel etwa 14 Meter höher war als heute. Während der Eiszeit dagegen sei der Meeresspiegel um etwa 1,5 Meter tiefer gewesen als heute.
Beunruhigende Prognosen
Die Zukunft der Erde gehe eher wieder Richtung Tropenphase. Man habe alleine in den letzten 60 Jahren einen Temperaturanstieg in der Schweiz von 8,5 auf 9,4 Grad festgestellt. Dies während zwei je 30-jährigen Messperioden ab 1960 und ab 1990. Wenn wir so weitermachten, gebe es ein Plus von 4,7 Grad bis Ende des Jahrhunderts. Bis ins Jahr 2300 sei eine Temperaturzunahme von 8,5 Grad möglich. Anhand diverser Charts zeigte Fischlin, dass die Erderwärmung kein Hirngespinst, sondern Realität ist. Er widerlegte die Thesen der Klimaskeptiker, die sagen, dass es Klimaerwärmung schon immer gegeben habe. Im Winter werde es spürbar wärmer, nicht im Sommer. Im internationalen Vergleich habe die Klimaerwärmung in der Schweiz sogar doppelt so stark zugenommen, da wir mehr ländliche und Bergregionen mit Gletschern haben. Die Folgen betreffen alle Lebensbereiche, vor allem aber den Wald, die Landwirtschaft und die Wasserwirtschaft. Es sei ein Teufelskreis, denn je wärmer es werde, desto stärker äusserten sich auch die negativen Folgen wie extreme Trockenheit und extremer Regen, der zu Überschwemmungen führt. Dazu komme das Schmelzen des Permafrosts, der Bergstürze und Erosionen in Berggebieten bewirke. Die Entwicklungsländer treffe es besonders hart, was wiederum Völkerwanderungen und Flüchtlingsströme auslöse. Mit unserer Lebensweise und unserem Einfluss auf die Politik hätten wir es in der Hand, die Entwicklung zumindest zu bremsen.


