Aufgetauter «Ice Man» in Ottenbach

Das dreiköpfige Bibliotheksteam lud zur Lesung mit dem Ex-Skirennstar Carlo Janka

Carlo Janka – der einstige «Ice Man» – umgeben vom Bibliotheksteam Melanie Häberling, Alexandra Meier und Stefanie Batur (von links). (Bild Sandra Isabél Claus)
Carlo Janka – der einstige «Ice Man» – umgeben vom Bibliotheksteam Melanie Häberling, Alexandra Meier und Stefanie Batur (von links). (Bild Sandra Isabél Claus)

Die Zeiten, in denen Carlo Janka als «Ice Man» galt, gehören der Vergangenheit an. Am vergangenen Mittwochabend unterhielt er die rund 50 Gäste in der Bibliothek Ottenbach mit Charme und auch Witz – als hätte er nie etwas anderes gemacht.

Die drei Organisatorinnen der Veranstaltung – Alexandra Meier, Melanie Häberling und Stefanie Batur – wollten den Anlass bewusst im überschaubaren Rahmen halten, auch der Atmosphäre wegen. Und vielleicht war genau dies der Schlüssel, um das Eis bereits von Beginn an zu brechen.

Karriere verlief alles andere als geradlinig

Mit einem kurzen Video als Einstieg wurde den Anwesenden vor Augen geführt, welche Höhepunkte Carlo Janka in seiner Karriere als Skirennfahrer feiern durfte. Es waren Triumphe, die sich sehen lassen konnten: Im zarten Alter von 22 Jahren wurde er 2009 Weltmeister im Riesenslalom von Val d’Isère. Ein Jahr später holte er Olympiagold in Vancouver und kürte sich im selben Winter zum Gesamtweltcupsieger. Als erst vierter Schweizer überhaupt.

Nach zwölf Jahren mit rund 300 Weltcup-Rennen, davon 100-mal in den Top Ten sowie elf Siegen, trat der Bündner im Januar 2022 von der Skirennbühne ab. Trotz dieser eindrücklichen Erfolgsbilanz verlief seine Karriere alles andere als geradlinig. 2011 kam es zur Krise: Wegen Herz- und Rückenproblemen lief plötzlich nichts mehr. Dazu gesellten sich auch noch Probleme mit dem Material. Für das Meistern dieses Leidensweges brauchte es Hartnäckigkeit, Wille und viel Zuversicht, um Jahre später wieder an frühere Erfolge anzuknüpfen. Der Befreiungsschlag gelang schliesslich 2016 mit dem Sieg in Wengen.

Ein Buch schreiben nach der Karriere war eigentlich nie geplant

Nach seiner Karriere stand das Schreiben eines Buches eigentlich nicht auf seiner Liste. «Ich dachte, es sei schon alles über mich gesagt», meint er. Doch als der Autor Philipp Gurt über Umwege mit der Idee auf ihn zukam und hartnäckig blieb, liess sich Carlo Janka überzeugen. Der Bündner Schriftsteller, der in seinem Leben selbst als sogenanntes «Schattenkind» mit grossem Leid konfrontiert war, ist vor allem als Krimiautor bekannt.

Für das Buch «Durchbruch – mein Weg, dein Erfolg» brauchte es einen regen Austausch zwischen den beiden – zahlreiche E-Mails und rund 250 Telefonate. «Und das ist für mich, der nicht oft und auch nicht besonders gern telefoniert, eine beachtliche Leistung. Zum Schluss war ich dann aber doch froh, nicht mehr täglich einen Anruf von ihm zu bekommen», gesteht der ehemalige Skirennstar augenzwinkernd.

«Es scheint mir, als wäre an meiner Stelle ein anderer gefahren»

Das fertige Buch hält Carlo Janka nun in den Händen. Er eröffnet die Lesung und gewährt den Gästen im ersten Teil Einblicke in ein tragisches Kapitel seines Lebens als Skirennfahrer. Man fühlt sich hautnah dabei, wenn er berichtet, wie er als unerfahrener Newcomer nach dem fürchterlichen Unfall seines ebenfalls jungen Teamkameraden Daniel Albrecht beim Abschlusstraining 2009 in Kitzbühel hadert. Wie er zweifelt und ihm die blanke Angst vor der bevorstehenden Abfahrt auf der berühmten und noch viel berüchtigteren «Streif» im Nacken sitzt. Er erinnert sich daran, wie er sich mit den überwältigenden Emotionen und dem enormen Druck völlig allein fühlte. Doch ohne Angst gäbe es keinen Mut. Und so stürzt er sich an jenem Samstag mit der Startnummer 28 und weit über 100 Kilometern pro Stunde wagemutig die Unfallstrecke am Hahnenkamm hinunter. Ohne das Gefühl zu haben, es wirklich zu erleben. «Ich finde es rückblickend noch heute verrückt, dass ich, wenn ich mich an das damalige Rennen zu erinnern versuche, einfach ins Leere laufe. Es scheint mir, als wäre an meiner Stelle ein anderer gefahren. Da gibt es keinerlei Erinnerungen daran», liest Carlo Janka vor. Er fuhr damals auf Platz 20.

Nach den ergreifenden Zeilen beantwortet der Obersaxner ungezwungen und sympathisch Fragen der Moderatorin, Stefanie Batur, sowohl zu seiner aktiven Zeit als Skirennfahrer als auch zum heutigen Alltag als dreifacher Familienvater und zu seinen beruflichen Zielen. Eine Frage aus dem Publikum bringt Carlo Janka kurz zum Grübeln: Würde er seine Abfahrt-Bronzemedaille bei den Ski-Weltmeisterschaften 2009 in Val d’Isère gegen einen Sieg in Adelboden eintauschen? Mit einem Schmunzeln und den Worten «Das ist mal eine neue Frage» verschafft er sich einen Moment zum Überlegen, bevor er gesteht: «Ja, ich glaube schon, das würde ich. Denn das Ambiente in Adelboden, die Einfahrt in den Zielhang, das Raunen des Publikums – das ist einfach einmalig.»

Auch die Stimmung in der Bibliothek Ottenbach hätte nicht besser sein können. Und so klang der Abend aus, wie er begonnen hatte: persönlich, nahbar und getragen von Gesprächen, signierten Büchern und einem gemeinsamen Apéro.

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