Sturzprävention im Alter
95 Prozent der jährlich 1700 durch Stürze tödlich verunfallten Menschen waren im Rentenalter

«Eine 70-jährige Parkinson-Patientin verlor beim Schliessen der Heckklappe des Autos das Gleichgewicht und stürzte auf die Schulter. Folge: Teilruptur einer Rotatorenmanschetten-Sehne. Diese Muskeln ziehen von der Schulterblattregion zum Oberarmkopf und bilden eine Manschette, die das Schultergelenk stabilisiert. Die daraus resultierenden Schmerzen beeinträchtigten die Selbstständigkeit im Alltag schwer und verschiedene Therapien mussten langfristig verordnet werden», erzählt Eveline Breidenstein, Hausärztin in Obfelden. Sie erlebt die Folgen von Stürzen – etwa anhaltende Schmerzen, Dekonditionierung aus Angst vor weiteren Stürzen oder infolge körperlicher Schonung nach Knochenbrüchen oder anderen Verletzungen – regelmässig in ihrer Praxis.
Gravierende Folgen
Laut Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) verletzen sich jedes Jahr rund 290000 Personen bei Stürzen. Ältere Menschen stürzen signifikant häufiger – und die Folgen können besonders schwerwiegend sein: lange Spitalaufenthalte, Einschränkungen der Mobilität oder sogar der Verlust der Selbstständigkeit bis hin zu einem frühzeitigen Eintritt in eine Pflegeeinrichtung. Die Ärztin rät, nach einem Sturz mit anhaltenden oder zunehmenden Schmerzen eine Hausarztpraxis aufzusuchen und die Ursachen abklären zu lassen. «Damit kann zeitnah gezielt behandelt werden. Dazu gehört auch eine angemessene Schmerzmedikation, die an die Nierenfunktion sowie an die bestehende Dauermedikation angepasst werden muss.»
Ängsten entgegenwirken
«Die Angst vor Stürzen hängt von der allgemeinen Fitness der Patientinnen und Patienten ab: Wer schon vor der Pensionierung körperlich aktiv war, wird dies auch weiterhin tun und ist deshalb weniger sturzgefährdet und hat auch weniger Angst vor Stürzen», weiss Eveline Breidenstein.
Besonders gross ist die Verunsicherung nach einer Schenkelhalsfraktur. «Bei Hochbetagten besteht durchaus ein höheres Sterberisiko nach einer Schenkelhalsfraktur. Dies ist aber nicht bedingt durch die Fraktur selbst, sondern die Dekonditionierung», so die Obfelder Ärztin. Dekonditionierung beschreibt den Verlust von körperlicher Leistungsfähigkeit und Kondition durch Inaktivität, Krankheit oder Verletzung, was zu Muskelschwäche und schlechterer Koordination führt.
«Die Operation bei Schenkelhalsfraktur wird deshalb heutzutage so durchgeführt, dass die Patienten am nächsten Tag bereits wieder auf die Beine gestellt werden und die Physiotherapie und Rehabilitation unmittelbar nachher beginnt.» Sowohl Eveline Breidenstein als auch der Hausarzt und Geriater Erich Villiger betonen die Notwendigkeit von Sturzprävention, insbesondere im Alter. Diese setzt auf mehreren Ebenen an. Mit gezieltem Training von Kraft und Gleichgewicht lässt sich das Risiko reduzieren. Viele Übungen lassen sich einfach in den Alltag integrieren.
Generell gilt: Wer regelmässig trainiert und damit Kraft, Stabilität und Gleichgewicht aufrechterhält, bleibt mobil. Pro Senectute bietet Kurse für körperliche Fitness an, beispielsweise Gymnastik, Tanzen, Fitnesstraining und Outdoorsport.
Ebenso wichtig ist ein sicheres Wohnumfeld. Dazu kann man ein professionelles Hilfsangebot der Rheumaliga in Anspruch nehmen. Die Sturzprävention der Rheumaliga Schweiz ist kein Dauerprogramm, sondern eine einmalige Intervention mit Nachkontrolle. Ziel ist es, auf Sturzgefahren in der Wohnung aufmerksam zu machen und das individuelle Risiko zu senken. Kernstück ist der Hausbesuch. Studienergebnisse zeigen, dass mit dem Sturzpräventionsprogramm «Sicher durch den Alltag» die Sturzrate um 24 Prozent gesenkt werden kann. Zudem wird die Sturzangst reduziert, die häufig auch Angehörige belastet. Kostenpauschale: 500 Franken.
Derzeit übernehmen sechs Schweizer Krankenversicherungen nach Kostengutsprache die Kosten ganz oder teilweise.
Eigenverantwortung wahrnehmen
Sturzprophylaxe beginnt mit einer ehrlichen Selbsteinschätzung: Fühle ich mich beim Stehen oder Gehen unsicher? Habe ich Angst, zu stürzen? Bin ich in den letzten zwölf Monaten gestürzt? Zu wenig bewusst ist, dass Medikamente Sehfähigkeit und Gleichgewicht beeinträchtigen können. Wer sich unsicher fühlt, soll deshalb das Gespräch mit der Hausärztin oder dem Hausarzt suchen.
Gehhilfen unterstützen ältere Menschen dabei, möglichst lange selbstständig zu bleiben. Entscheidend ist jedoch, die passenden Geräte zu wählen und sie korrekt anzuwenden. Auch eingeschränktes Sehvermögen kann zu Stürzen führen.
Im Alter sollen Schuhe getragen werden, die Halt geben und rutschfest sind. Insbesondere bei Schnee und Eis ist es sinnvoll, wenn möglich zu Hause zu bleiben und wenn nötig Hilfe anzunehmen, beispielsweise für das Einkaufen. Auch Notrufgeräte können zusätzliche Sicherheit bieten.
Im Alltag lohnt es sich, das eigene Zuhause regelmässig zu überprüfen: Gibt es Stolperfallen wie lose Kabel oder Teppiche? Sind Räume und Treppen gut beleuchtet? Sind Dusche und Badewanne rutschfest? Sind Handläufe vorhanden? Nutze ich Aufstiegshilfen sicher oder delegiere ich besser Tätigkeiten in Haus und Garten, die mir Angst machen?
Sich Ängste bewusst zu machen und sich mit möglichen Risiken auseinanderzusetzen – und gezielt Massnahmen zu ergreifen, kann die Sturzgefahr deutlich reduzieren.


