Aussenstation – aus dem Nest gefallen

Anna ist sieben Jahre alt, als sie an Kinderlähmung erkrankt. Sie bleibt schwer gelähmt. Anna verbringt die meiste Zeit in Spitälern und Reha-Kliniken. Der weitgehend autobiografische Roman von Monique Kreis ist eine Reihe von Geschichten, Gedanken und Begegnungen, die eine Entwicklung vom körperbehinderten Kind zur Erwachsenen im Rollstuhl aufzeigt.

Monique Kreis kann sich auf ihren Assistenzhund verlassen. Er wurde gezielt ausgebildet und begleitet sie 24 Stunden am Tag. (Bild zvg.)
Monique Kreis kann sich auf ihren Assistenzhund verlassen. Er wurde gezielt ausgebildet und begleitet sie 24 Stunden am Tag. (Bild zvg.)

Anna, die Protagonistin des Romans «Aussenstation – aus dem Nest gefallen», lebte mehrere Jahre in der Aussenstation des Kinderspitals in Affoltern – heute Kinder-Reha Schweiz. Seit 1956 prägte die Ärztin Johanna Friderich als Leiterin der Aussenstation Affoltern die Rehabilitation chronisch kranker Kinder. Monique Kreis verbrachte 9 ½ Jahre in der Reha in Affoltern. Sie erinnert sich gut an Johanna Friderich. «Sie war dominant, aber nicht negativ. Wir durften zwar mit unserer Situation hadern und traurig sein, aber sie forderte uns immer auf, unser Schicksal anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Sie hat viel bewirkt und ich habe viel von ihr gelernt.»

Lebenslang auf den Rollstuhl angewiesen

Im Roman heisst Johanna Friderich Frau Doktor Emmerich. «Stehen sollen die Kinder wieder lernen, um jeden Preis! Stehen und gehen!» Dazu wurden damals technische Mittel wie Schienen eingesetzt. Anna verletzte sich immer wieder bei diesen Gehübungen und schliesslich resignierte Johanna Friderich: «Machen wir eine gute Sitzpatientin aus ihr!»

Im Vorwort schreibt Monique Kreis: «Diese Personen und diese Institute gehörten und gehören zum Leben und in das Leben. Natürlich, das ist selbstverständlich, sind die Namen und Orte geändert, verändert, gemischt, vermischt und zusammengewürfelt. Die Geschehnisse und Ereignisse, ja, alles das Geschriebene wurde erlebt – vieles jedoch weggelassen und nur wenig dazu gedichtet. Aber es darf auf keinen Fall vergessen werden, es ist ein Roman, eine Fiktion, zusammengestellt aus Erlebtem und Erfahrenem.»

Monique Kreis erinnert sich an Pflegende, Therapeuten, Lehrpersonen und vor allem an die Mitpatienten aus den unterschiedlichsten Kulturen. Mit Pflegenden und Therapeuten machte sie auch belastende Erfahrungen. Mit der Lähmung ist sie abhängig, ohnmächtig und kann nicht einfach weglaufen, wenn sie von einer Situation überfordert ist.

Copingstrategien

Anna im Roman und Monique im Leben entwickeln Strategien, um in der Situation des Ausgeliefertseins psychisch zu überleben. Einerseits liest Anna sehr viel, flieht in Buchwelten, und anderseits passt sie sich an. «Ich arrangiere mich.» Immer sorgte sie dafür, hübsch auszusehen – auch wenn es beispielsweise hiess: «Wozu brauchst du so viele Schuhe, du kannst ja sowieso nicht gehen.» Oder wenn man ihr nahelegte, Kleider zu tragen, die für die Pflegenden keinen Aufwand bedeuteten. Es sollte bequem sein, für alle. Aber Anna besteht auf schöne Kleidung, die das Korsett versteckt.

Noch heute legt Monique Kreis grossen Wert auf ihr Äusseres. Schon immer mochte sie ihr langes Haar zu Zöpfen geflochten. Sie will sich und anderen gefallen. Dafür hat sie ein grosses Vorbild: Frida Kahlo. Die mexikanische Künstlerin war nach einem Verkehrsunfall schwer verletzt, musste unzählige Operationen über sich ergehen lassen, Schmerzen aushalten – und doch zeigt sie sich auf Bildern und Fotos als schöne Frau, die ihren Platz in der Kunstwelt gefunden hat. «Ich bin nicht schön», lacht Monique Kreis, «aber ich strebe es an – verstehen Sie, was ich meine?»

Stärke zeigen

Monique Kreis hat eine leise, feine Stimme. Aber sie ist eine starke Persönlichkeit. Dabei hat sie feine Antennen, eine grosse Sensitivität für ihre Mitmenschen. Sie kann gut zuhören und wird oft um Rat gebeten. Sie ist interessiert, fragt gezielt nach. «Ich liebe die Menschen.» Von ihrer Mutter hat sie nicht viel Liebe erfahren, aber ihr Vater schenkte ihr Wärme und Zuwendung. «Am liebsten war mir mein Grossvater. Der Dachdeckermeister hatte nach einem Sturz von einem Dach Erfahrungen gemacht, die ihn die Situation seiner Enkelin verstehen liessen. «Mit ihm konnte ich sprechen, philosophieren – es war eine Verbundenheit im gemeinsamen Schicksal.»

Das Buch hat Monique Kreis ihrem geliebten Ehemann Konrad gewidmet. Sie ist weit über dreissig Jahre glücklich verheiratet. «Wir kennen auch Konflikte, gehen aber damit konstruktiv um, so ist unsere Beziehung lebendig geblieben». Und mit einem Grinsen und voller Liebe sagt sie: «Es gelingt mir noch immer, ihn manchmal um den Finger zu wickeln.» Monique Kreis arbeitete in der Administration des Spitals Limmattal – dort scheute man keine Mühe, ihr eine Erwerbsarbeit zu ermöglichen. In den Jahrzehnten, in denen sie auf einen Rollstuhl angewiesen ist, erlebte sie die rasante Entwicklung in der Medizintechnik, die ihren Alltag erleichtert. Bereichernd und hilfreich ist Golden Retriever, die ihr als Assistenzhündin das Telefon bringt, den Schüsselbund aufliest und vor allem auch emotional viel gibt.

Zweites Buch in Arbeit

«Aussenstation – aus dem Nest gefallen» bringt 588 Seiten zwischen zwei Buchdeckel. Weniger wäre mehr, das ist sich die Autorin bewusst. Sie arbeitet an einem Folgeroman – dabei strafft sie den Text bewusst. Monique Kreis schreibt, wie sie redet. Offen, ehrlich, differenziert und manchmal blitzt auch ihr feiner Humor durch. Es ist nicht ihr Ziel, ein literarisch hochstehendes Werk zu verfassen. Sie will die Geschichte eines gelähmten Kindes erzählen, ohne Mitleid zu wecken. Sie will aufzeigen, dass man auch mit einer Behinderung ein erfülltes Leben leben kann, dass man lieben und geliebt werden und die ganze breite Palette von Gefühlen, Höhen und Tiefen erleben kann. Sie will Mut machen, das Beste aus einer Situation zu machen und sich nie selbst aufzugeben.

Aussenstation – Aus dem Nest gefallen, Monique Kreis, 588 Seiten, 2019, ISBN 978-3-907106-34-1, Fr. 24.80.

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