Backen für ein besseres Leben
Eigentlich hatte «Pöschtli Beck»-Inhaber Nik Vogel für den Sommer 2018 eine Töfftour durch die USA geplant. Es kam anders: Stattdessen reiste er für das Hilfsprojekt «Smiling Gecko» nach Kambodscha und brachte einem jungen Mann seinen Beruf näher. Nun, ein Jahr später, war Tola Sieng bis Mitte Oktober in Obfelden zu Gast.

«Der Zufall wollte es so», heisst es manchmal, wenn das Leben eines Menschen ganz unerwartet eine positive Wendung nimmt. Im Fall von Nik Vogel war das anders. Da war es nicht der Zufall, sondern Hannes Schmid, der das so wollte.
Hannes Schmid. Das ist der Mann, der 1946 in Zürich zur Welt kam, seine Karriere mit Reisereportagen begann, später als Fotograf mit Rockstars wie «Queen», «Kiss» oder «Depeche Mode» um die Welt tourte, ab 1994 die legendäre Werbefigur «Marlboro Man» neu inszenierte, 2012 in Kambodscha das Hilfswerk «Smiling Gecko» gründete... und: der zufällig seit Jahren im selben Haus im Toggenburg Skiferien macht, wie die Familie Vogel. Man tauschte sich aus, über dies und das, über «Smiling Gecko» und die Bäckerskunst, und irgendwann, so Vogel, habe Schmid gemeint: «Nik, du solltest mal nach Kambodscha kommen!» Da war es passiert. Schmid, der im Ruf steht, ein exzellenter Netzwerker zu sein, wollte Vogel im Team und bearbeitete seinen Nachbarn fortan mit sanfter Hartnäckigkeit. Dann, so erzählt Nik Vogel, sei im Sommer 2018 eine Töffreise durch die USA geplant gewesen. Doch die fiel aus. Da habe seine Frau spontan zu ihm gesagt: «Geh doch nach Kambodscha.» Er habe eine Nacht darüber geschlafen, am nächsten Tag mit Hannes Schmid die Details seines Einsatzes besprochen – und sei kurz darauf, Anfang September, für zwei Wochen nach Kambodscha gereist.
Keine Haselnüsse, keine Mandeln, aber viel Improvisation
Nördlich von Phnom Penh, in Kampong Chhnang, hatte Schmid im Jahr 2014 Land gekauft, um dort einen Betrieb aufzubauen. Das Ziel: Die Armut bekämpfen und Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Zum Projekt gehören inzwischen eine Schule, ein Bungalow-Hotel mit Restaurant, Farmhäuser für einheimische Familien und natürlich die Farm. Neben Schweine-, Geflügel oder Fischzucht wird auf dem Gelände auch Obst und Gemüse angebaut. Und auch eine Grossküche mit Metzgerei und Bäckerei gehört zur Infrastruktur, mit der sich die Gemeinschaft selbst versorgt.
Dort, in der Backstube, arbeitet der 32-jährige Tola Sieng. Ihm hat Nik Vogel während seines zweiwöchigen Aufenthalts das Bäckerhandwerk nähergebracht. Mit im Gepäck hatte er damals drei Grundrezepte für Brote. Dabei galt es, kreativ zu sein mit jenen Zutaten, die in Kambodscha vorhanden sind. «Wir haben viel mit Reismehl gearbeitet oder einem importierten Standardmehl gearbeitet», sagt Vogel. Gewisse Rohstoffe, die hierzulande häufig für Backwaren verwendet werden, sind in Kambodscha nicht erhältlich. Andere, wie Mandeln oder Haselnüsse kaum erschwinglich. So sind in der ersten Woche Eigenkreationen aus Brot-, aber auch Süsswaren aus Zopfteig entstanden. In der zweiten Woche habe Tola Sieng dann sein neues Wissen gefestigt, den Fertigungsablauf der Backwaren geübt und Fragen gestellt.
Verständigung, fast ohne Worte
Nach seiner Rückreise vergingen ein paar Monate. Dann, gegen Ende des Sommers, habe sich Hannes Schmid erneut bei ihm gemeldet. Er schlug Nik Vogel vor, Tola Sieng wie vormals angetönt, für vier Wochen in die Schweiz zu holen. Einen Monat später stand der Nachwuchsbäcker bereits in Obfelden in der Backstube. Sechs Tage die Woche schaute er den Berufskollegen über die Schulter, lernte und half mit. Das sei für seinen Gast herausfordernd gewesen, sagt Nik Vogel. Dieser sei es nicht gewohnt, in einer Mehrstunden-Schicht zu arbeiten. «Spätestens nach drei Stunden braucht er jeweils eine Pause, um das ganze Wissen aufnehmen zu können.»
Für die Reise- und Aufenthaltskosten von Tola Sieng kam «Smiling Gecko» auf, untergebracht war er in einer kleinen Wohnung, die Nik Vogel organisiert hat. Am Morgen und Mittag verpflegte er sich jeweils in der Bäckerei, am Abend ass er bei der Familie Vogel. Für seinen Gast findet Nik Vogel nur lobende Worte: «Er ist bei der Arbeit sehr kreativ und lernwillig». Aber auch sonst seien die vergangenen vier Wochen eine Bereicherung gewesen. Man habe gemeinsam viel gelacht, auch wenn man nicht dieselbe Sprache spreche – Tola Sieng spricht ein stark gebrochenes Englisch. «Wir haben uns einfach in das Experiment reingeschickt und versucht uns zu verständigen», so Vogel. In der Backstube sei das zu Beginn nicht allen so leicht gefallen, aber dann habe es immer besser funktioniert.
Inzwischen ist Tola Sieng zurück in Kambodscha. Er weiss nun, welche Zutaten in ein Vollkornbrot gehören, oder wie er erkennt, ob der richtige Gärgrad eines Teigs erreicht ist. Ausserdem hat er erlebt, welche Effizienz in der Produktion der Backwaren nötig ist, damit ein Betrieb rentiert. Und natürlich hat er neue Rezepte dabei, die er zu Hause nachbäckt. Ein neues Zopfrezept gehört dazu, aber auch ein Vollkorn- und ein Kartoffelbrot.
Und Nik Vogel? Bei Bedarf gibt er Tola Sieng weiterhin Tipps, ansonsten ist das Projekt für ihn abgeschlossen. Für den Moment zumindest. Bis Hannes Schmid vielleicht eines Tages sagt: «Nik, du solltest mal wieder nach Kambodscha kommen!»


