Beherzter Einsatz zugunsten des technikhistorischen Erbes

Unterhaltsarbeiten am historischen Kleinkraftwerk Ottenbach

Marcel Funk beim Ölen der sogenannten Königswelle. (Bilder Marcus Weiss)

Marcel Funk beim Ölen der sogenannten Königswelle. (Bilder Marcus Weiss)

Die Vereinsmitglieder des historischen Kleinkraftwerks: Bruno Wiederkehr (Präsident und Kassier), Hans Gugerli (kniend), Marcel Funk (Aktuar), Urs Weber (mit Sonnenbrille), Markus Roth und Andy Heller (Revisor).

Die Vereinsmitglieder des historischen Kleinkraftwerks: Bruno Wiederkehr (Präsident und Kassier), Hans Gugerli (kniend), Marcel Funk (Aktuar), Urs Weber (mit Sonnenbrille), Markus Roth und Andy Heller (Revisor).

Marcel Funk erklärt die Schutzmassnahmen gegen Hochwasser, die im Zuge des Baus des Autobahnzubringers beim Oberwasserkanal umgesetzt wurden.

Marcel Funk erklärt die Schutzmassnahmen gegen Hochwasser, die im Zuge des Baus des Autobahnzubringers beim Oberwasserkanal umgesetzt wurden.

Hans Gugerli und Markus Roth zeigen, wie die Mechanik der Schleuse funktioniert.

Hans Gugerli und Markus Roth zeigen, wie die Mechanik der Schleuse funktioniert.

Marcel Funk an der Jugendstil-Schalttafel des Kraftwerks, die bereits einmal ins Depot des Technoramas Winterthur abtransportiert war, aber den Weg zurück nach Ottenbach gefunden hat.

Marcel Funk an der Jugendstil-Schalttafel des Kraftwerks, die bereits einmal ins Depot des Technoramas Winterthur abtransportiert war, aber den Weg zurück nach Ottenbach gefunden hat.

Was normalerweise ein beschaulicher Ort ist, mutete am vergangenen Mittwochvormittag fast wie ein animiertes Wimmelbild an. Die Eingangstüre zum historischen Kleinkraftwerk Ottenbach steht weit offen, und im Inneren scheint alles in Bewegung zu sein. Durch menschliche Aktivität, wohlverstanden, denn die altehrwürdigen Maschinen sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal angelaufen. Sechs gestandene Männer tragen gewichtige Metallteile durch den Maschinenraum, drehen – manchmal mit vereinten Kräften – an gusseisernen Einstellrädern, stets mit einem Seitenblick prüfend, ob die gewünschte Funktion schon ausgelöst worden ist. «Wir haben heute Einsatztag», begrüsst Marcel Funk, Aktuar beim Verein Historisches Kleinkraftwerk Ottenbach, den Gast vom «Anzeiger» gut gelaunt. Obwohl für alle hier die Beschäftigung mit der alten Technik quasi ihre Berufung ist, gehe es auch um die Erfüllung einer Verpflichtung: «Der Verein hat eine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton Zürich, dem Eigentümer dieser denkmalgeschützten Anlage», erklärt Funk und führt weiter aus, dass dies neben dem Unterhalt der gesamten Maschinerie auch die Pflicht umfasse, Führungen durch das historische Kleinwasserkraftwerk anzubieten. «Bei uns macht jeder alles», unterstreicht er nicht ohne Stolz. «Man muss als Vereinsmitglied sowohl mit der früheren Technik vertraut sein als auch eine Begabung dafür haben, sie Besuchenden näherzubringen.»

Das Industrieensemble hat manches Hochwasser überstanden

Ganz in der Manier einer solchen Publikumsführung blendet der Aktuar nun zurück in die «grossen Zeiten» des Kleinkraftwerks. «Man muss sich vorstellen, dass in der angrenzenden Seidenweberei in der Blütezeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts 250 bis 350 Webstühle in Betrieb waren, die mit der hier produzierten Energie angetrieben wurden», skizziert Vereinspräsident Bruno Wiederkehr den einstigen Zweck der im Zustand von 1920 erhaltenen Anlage. Dass diese immer noch so gut in Schuss und funktionsfähig ist, grenzt schon fast an ein Wunder, bringt doch die Reuss, ihres Zeichens Energielieferant für das Kraftwerk, auch immer wieder grosse Überschwemmungen mit sich. Diese haben das industriegeschichtliche Erbe schon öfter in ernste Gefahr gebracht. Die Männer deuten auf eine Markierung an der Wand: «Hochwasserstand 22.8.2005» ist dort zu lesen. «Alles, was tiefer lag, war an diesem Tag überschwemmt», zeigt sich der Vereinspräsident noch heute betroffen. Der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser könne an der Reuss ohne Weiteres vier Meter betragen, was am gebirgigen Einzugsgebiet des Flusses liegt. Bei einem kurzen Abstecher ins Gelände zeigt sich die Situation rund um den Oberwasserkanal, der von der Reuss abzweigt und das zur Energiegewinnung benötigte Wasser ins Kraftwerk leitet. «Es gibt verschiedene Faktoren, die hier zusammenwirken», weiss Bruno Wiederkehr. «Manchmal muss ein zu hoher Wasserstand im Vierwaldstättersee abgesenkt werden, was sich natürlich auf die Pegel hier auswirkt, aber auch die Kleine Emme, die in die Reuss mündet, kann etwa bei Gewittern sehr schnell anschwellen und grosse Wassermassen mit sich bringen.» Mit dem vor wenigen Jahren fertiggestellten Autobahnzubringer sei die Gefahr hier in Ottenbach aber zumindest ein Stück weit gebannt worden. Als Kompensationsmassnahme für den Strassenbau wurde das angrenzende Naturschutzgebiet erweitert. Ähnlich wie ein Flusspolder wird es nun periodisch überflutet und entlastet die Reuss.

Die Epochen der technischen Entwicklung sind ablesbar

Zurück im Kraftwerk muss zuerst noch die sogenannte Königswelle geölt werden. Marcel Funk steigt mit einem Ölkännchen zum Umlenkrad hoch, welches die Antriebskraft des Wassers zunächst rein mechanisch über Transmissionsriemen zu den Webstühlen brachte. Später produzierte ein Generator Strom, der es ermöglichte, die Webstühle elektrisch zu betreiben. Die Vereinsmitglieder reden sich geradezu ins Feuer, wenn sie auf die technischen Besonderheiten des Kleinkraftwerks zu sprechen kommen. Unter anderem erfährt man, dass die heute vorhandene Francis-Turbine, 1921 von der Maschinenfabrik Bell in Kriens geliefert, bereits die dritte Turbine in diesem Kleinkraftwerk war. Als Erstes sei 1881 eine Henschel-Jonval-Turbine zum Einsatz gekommen. Man merkt, dass die Anlage in ihrer aktiven Zeit ein Spiegel der technischen Entwicklung war.

Nun aber wird die Maschinerie in Bewegung gesetzt, dies ist jeweils auch der Höhepunkt einer jeden Besucherführung. Zuerst ganz langsam, dann mit beeindruckend hoher Geschwindigkeit, drehen sich unzählige Räder, und die Transmissionsriemen sausen über die Rollen. Gebannt schauen die Männer auf eine Anzeige aus drei unregelmässig blinkenden, farbigen Leuchten, angebracht an einem modernen Schaltkasten. «Erst wenn alle drei Lampen konstant leuchten, ist die richtige Spannung von 50 Hertz erreicht, sodass wir die produzierte Leistung ins Stromnetz abgeben könnten», erklärt Marcel Funk. Die Leistung sei mit 85 PS für heutige Verhältnisse unbedeutend, dafür hielten diese Maschinen aber Hunderte von Jahren, gibt er zu bedenken.

Nachwuchs kann immer gebraucht werden

Obschon man mit momentan sechs Aktivmitgliedern im Verein recht gut aufgestellt sei, müsse man auch immer etwas Werbung für Zuwachs in den eigenen Reihen machen, berichten die Technikbegeisterten. «Vor ein paar Jahren hatten wir eine grosse ‹Wachablösung›, bis dahin war die alte Garde aktiv, die dem Verein von der Gründung an treu geblieben ist», erzählt der Aktuar, selbst Maschinenbau-Ingenieur. «Obwohl ich später in die IT wechselte, blieb mein Herzblut bei der alten Mechanik. Es ist toll, hier Kollegen gefunden zu haben, die diese Leidenschaft teilen.» Seit etwa acht Jahren ist Markus Roth im Verein aktiv, er war durch einen Tag der offenen Tür auf das Kleinkraftwerk aufmerksam geworden. «Ich kam zufällig vorbei und fand es spannend, auch durch meinen persönlichen Hintergrund. Ich war früher im Sihltal zu Hause und machte einst die Wartung bei einer ähnlichen Anlage, der ‹Fabrik im Schiffli› in Sihlbrugg», berichtet er. Das Mitglied mit der längsten «Diensterfahrung» ist im Moment Hans Gugerli. Der gelernte Metallbauer wechselte im Laufe seines Berufslebens zwar ins Büro, behielt jedoch seine Passion für das Technische. Auch er kam eher durch einen Zufall zum Verein: «Ich hatte in meiner Freizeit ein Atelier als Maler und Holzbildhauer und betrieb dort Modellbau. Eines Tages suchte mich eine Vertreterin des Vereins auf und fragte, ob ich ein Modell aufarbeiten könne», erinnert er sich. Das Ergebnis dieses Zusammentreffens war nicht nur das völlig neugestaltete Modell, das Besuchenden das Zusammenspiel von Regulator und Leitrad erklärt, sondern auch ein von der alten Mechanik beseeltes neues Vereinsmitglied.

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