«Bewohnende müssen lernen, mit Scheitern umzugehen»

Fast 18 Jahre lang hat Alexander Koerdt das Wohnheim Central für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen geleitet. Nun hat er die Leitung an die langjährige Mitarbeiterin Josy Molnar übergeben, die den Grundgedanken beibehalten und weiterentwickeln will.

Josy Molnar erhält von Alexander Koerdt an seinem letzten Arbeitstag symbolisch die Schlüssel, einen Blumenstrauss und die besten Wünsche für eine herausfordernde und bereichernde Aufgabe. (Bild Salomon Schneider)
Josy Molnar erhält von Alexander Koerdt an seinem letzten Arbeitstag symbolisch die Schlüssel, einen Blumenstrauss und die besten Wünsche für eine herausfordernde und bereichernde Aufgabe. (Bild Salomon Schneider)

Am 17. Dezember 2000 hat Alexander Koerdt die Leitung des Wohnheims Central übernommen Während dieser Zeit haben über 100 Bewohnerinnen und Bewohner in den zwölf Zimmern gelebt – von einigen Jahren bis über ein Jahrzehnt. Das Team war dabei sehr konstant und hat das Haus gemeinsam getragen. Alle haben sich kontinuierlich weitergebildet, vor allem in lösungs- und ressourcenorientierter Beratung. Gleichzeitig konnte sich durch die gute Stimmung im Team eine unterstützende Atmosphäre bilden.

Positive sowie negative Erfahrungen

Mit den Bewohnerinnen und Bewohnern erlebte das Team zahlreiche positive aber auch negative Entwicklungen. Es gab beispielsweise eine Bewohnerin, welcher nie etwas zugetraut wurde. «Hier wurde ihr etwas zugetraut und sie hat im Götschihof eine Lehre zur Fachangestellten Betreuung gemacht. Anschliessend hat sie eine Stelle gefunden und wohnt seit einigen Jahren erfolgreich autonom. Hätten wir ihr nicht so viel zugetraut, hätte sie den Einstieg ins Berufsleben wohl nicht geschafft. Jetzt lebt sie glücklich und fühlt sich als vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft, anstatt von staatlicher Unterstützung abhängig zu sein», freut sich Josy Molnar. Im Wohnheim Central geht es darum, die Wohnfähigkeit der Bewohnenden zu stärken – die Hand zu reichen und zu unterstützen. Schwierigkeiten bereiten der Institutionsleitung die Verfahrensabläufe des Kantons. «Wenn die Bewohnenden volle Unterstützung in Anspruch nehmen, zahlt der Kanton für alle Leistungen. Dies nennt sich Defizitorientierung. Wenn das Wohnheim Central Zeit investiert, um die Leute zur Selbstständigkeit zu begleiten, dann streicht der Kanton Leistungen, obwohl es mindestens so aufwändig ist, psychisch kranke Menschen an Aufgaben heranzuführen, anstatt sie einfach selber zu erledigen», kritisiert Alexander Koerdt.

Suizide beschäftigen die gesamte Bewohnerschaft

Tiefpunkte in Alexander Koerdts Zeit als Institutionsleiter stellten Suizidfälle dar: «Zwei Personen haben während ihres Aufenthalts hier Selbstmord begangen. Das Personal sowie die Bewohnenden wurden dabei für längere Zeit stark aufgewühlt», erinnert sich Alexander Koerdt und ergänzt: «Die Folge daraus war, dass ich den Suizidrapport für den Bezirk Affoltern gegründet habe. Das Ziel der Suizidrapporte ist es, dass sich alle Säuliämtler, die in ihren Berufen mit Suizid zu tun haben – Polizei, Institutionen, Selbsthilfegruppen – austauschen, um Suizide zu verhindern »

Für sein Engagement hat Alexander Koerdt 2010 den Innovationspreis von Insos gewonnen: Eine Mitarbeiterin zeichnete sich verantwortlich für das Projekt. «Wir haben die beruflichen Hintergründe der Bewohnenden abgeklärt und haben Kooperationsverträge mit 18 Betrieben im Bezirk Affoltern aufgebaut. Dafür haben die Bewohnenden einen Bonus zum Taschengeld erhalten. Auf der anderen Seite, haben wir vermittelt, wenn es Schwierigkeiten mit den mitarbeitenden Bewohnenden gab und die Geschäfte gesamthaft psychologisch unterstützt. 2012 hat der Kanton das Projekt leider eingestellt, da es nicht legal ist, wenn Arbeitgeber Personen beschäftigen und denen nichts bezahlen. Das war richtig schade und bedeutete einen grossen Rückschritt für mehrere Bewohnende.»

Menschen, die nicht autonom lebensfähig sind

Josy Molnar begann ein halbes Jahr vor Alexander Koerdt im Wohnheim Central zu arbeiten. Durch ihre langjährige Erfahrung und ausgeprägte Empathie kann sie sich hervorragend auf die Bewohnenden einlassen und Menschen mit Depression und vergleichbaren Erkrankungen optimal begleiten. Sie ist ausgebildete Pflegefachfrau und Institutionsleiterin und will Abläufe besser strukturieren und den Wohnheimalltag gleichzeitig entschleunigen. Das Grundkonzept will sie jedoch beibehalten. Beschäftigung wird auch für sie klares Ziel bleiben: «Die Leute kommen aus psychiatrischen Kliniken hierher und sind nicht autonom lebensfähig. Das Wohnheim Central begleitet die Menschen individuell, damit sie wieder Fuss im Leben fassen können. Sie sind von der Leistungsgesellschaft meistens so ausgebrannt, dass sie zuerst einmal scheitern lernen müssen. Wenn sie wissen, dass sie scheitern können und trotzdem getragen werden, ist das ein erster Schritt zur Rückkehr in den Alltag.»

Das Wohnheim Central stellt auch immer wieder Praktikanten und Praktikantinnen an. Josy Molnar: «Sie können hier von einem erfahrenen Team profitieren und gleichzeitig sehen wir, wo wir blinde Flecken haben.

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