Bis zu fünf Millionen FFP2-Masken
Die Lieferengpässe für Masken zu Beginn der Corona-Krise und die Blockade des Suezkanals zeigen eindrücklich, wie stark die Schweizer Wirtschaft von den globalen Märkten abhängig ist. Innovative Unternehmen wollen deshalb wieder vermehrt Produktionsketten in der Schweiz ansiedeln – wie die Produktion von FFP2-Schutzmasken im Gefängnis Affoltern.

Als Omar Simioni, Leiter Arbeitsbetriebe des Gefängnisses Affoltern, im März 2020 beobachtete, dass Schutzmasken nicht erhältlich waren, weil China praktisch für den gesamten Weltmarkt produzierte und die Masken plötzlich selber benötigte, sah er in diesem Bereich eine Chance für die Arbeitsbetriebe des Gefängnisses. Er schrieb ein Projektkonzept für eine Maskenproduktion im Gefängnis und lancierte die Idee bei der Leitung der Vollzugseinrichtungen beim Amt für Justizvollzug und Wiedereingliederung des Kantons Zürich. Da die Beschaffungskosten fast 400000 Franken betragen hätten, wurde die Investition als zu gross eingeschätzt. Omar Simioni: «Dies hat mich motiviert, am Markt einen Investor zu suchen. Ich hatte geschäftlich schon einmal Kontakt mit André Böni, und als ich ihn anrief und meine Idee vorstellte, war er Feuer und Flamme.»
André Böni kommt aus dem Transportgeschäft und wusste, dass das Gefängnis auch auf Aufträge aus der Privatwirtschaft angewiesen ist und dies bereits erfolgreich umsetzt: «Das Projekt ist vor nicht einmal einem Jahr entstanden und jetzt läuft die Maschine. Wir haben also richtig Gas gegeben. Wichtig war mir, mehr Unabhängigkeit für die Schweiz im Masken-Business zu schaffen. Wir wollen FFP2-Masken produzieren, da Betriebe wie Spitäler diese auch nach der Krise brauchen werden. Zudem wollen wir Schweizer Qualität liefern, hergestellt in der Schweiz. Flies, Band und Stahlflügel für die Nase werden in Nachbarländern hergestellt. Wir machen nicht «Made in Switzerland», wir machen «Hergestellt in der Schweiz». Wir wollen so mit Qualität, Komfort und Liefergeschwindigkeit überzeugen, dass wir in der Kosten-Nutzen-Rechnung der Kundschaft überzeugen können.»
Vom Zuchthäusler zum Eingewiesenen
Bevor André Böni die Produktion im Gefängnis Affoltern aufnehmen konnte, musste er noch einige Hürden überwinden. Das Gefängnis ist systembedingt eine Institution, bei der Mensch und Material nicht einfach hineinspazieren kann. Zudem sind die Arbeitstage kürzer – die Eingewiesenen arbeiten nur fünf Stunden.
Eingewiesene ist der neue Fachbegriff für Häftlinge. Früher wurden Häftlinge auch Insassen und noch früher Zuchthäusler genannt. Die Wandlung des Begriffs zeigt, dass es bei der Haft nicht mehr um Zucht, sondern um Wiedereingliederung in die Gesellschaft und die Verhinderung weiterer Verbrechen geht.
Omar Simioni setzt sich seit Jahren dafür ein, dass das Gefängnis Affoltern attraktive Aufträge ausführen kann: «Es darf einem Investor nicht um das schnelle Geld gehen und es braucht viel Vertrauen in die Arbeitsbetriebe und die Institution Gefängnis als Gesamtes. André Böni ist für uns ein Glücksfall. Er will langfristig mit uns zusammenarbeiten.» Da es sich um ein Auftragsverhältnis zwischen Staat und Privatwirtschaft handelt, werden Material, Werkzeugmaschine und Installationen vom Investor übernommen, das Gefängnis stellt den Platz zur Verfügung und verkauft Arbeitszeit.
Arbeit für einen Fünftel der Eingewiesenen
«An einem anderen Produktionsstandort könnten wir im Zwei- oder sogar Dreischichtbetrieb arbeiten. Doch Omar Simionis Konzept hat mich überzeugt und die Häftlinge sehen sich als Angestellte und sind motiviert, etwas zu leisten», erklärt André Böni und Omar Simioni ergänzt: «Wir haben einige Eingewiesene, die gefördert werden wollen. Wir haben Mechaniker, die momentan im Betrieb der Werkzeugmaschine geschult werden, Lageristen, Logistiker und Disponenten. Dies bietet den Insassen Berufserfahrungen, auf die sie nach der Entlassung im Berufsleben bauen können. Wir könnten noch mehr automatisieren, doch so haben wir einen guten Mittelweg zwischen Automatisierung und Manpower. Es ist auch für uns eine Herausforderung, die wir aber gerne annehmen.»
Bei der Produktion und Verpackung von FFP2-Schutzmasken können über Jahre acht bis zwölf Häftlinge beschäftigt werden. Das Gefängnis Affoltern bietet gesamthaft Platz für 55 Eingewiesene. Bei Vollproduktion können 20000 FFP2-Schutzmasken pro Tag produziert werden. Das macht bis zu fünf Millionen Masken pro Jahr.
Bisherige FFP2-Masken verbessert
Boeni-msm-Schutzmasken werden mit frei einstellbarer Länge der Ohrschlaufen sowie einem mit Schaumstoff gepolsterten Nasenbügel geliefert. Dank des Schaumstoffes laufen Brillen nicht mehr an und durch die Einstellbarkeit der Ohrschlaufen kommt es auch bei regelmässigem und längerem Tragen nicht zu Druckstellen hinter den Ohren.
Zuerst wird mit weissen Masken gearbeitet, in einigen Wochen werden auch farbige Masken lieferbereit sein. Da jede Farbe einzeln neu zertifiziert werden muss, werden die neuen Farben schrittweise eingeführt. Boeni-msm-FFP2-Schutzmasken werden zuerst direkt verkauft und sollen dann auch im Fachhandel erhältlich werden. André Böni: «Ich hoffe natürlich, dass kantonale Institutionen wie Spitäler und Sicherheitskräfte auf regional hergestellte Masken setzen werden. Damit könnte der Produktionsstandort Gefängnis Affoltern nachhaltig gesichert werden.»


