«Corona hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen»
Als «Erwin aus der Schweiz» ist Marc Haller, in Wettswil geboren und in Affoltern wohnhaft, im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt. Im Interview mit dem «Anzeiger» erläutert er, wie ihm durch den Shutdown die Lebensgrundlage entzogen wurde und wie er gelernt hat, aus der Krise Kraft zu schöpfen.

«Anzeiger»: Sie haben Ihre bisherige berufliche Laufbahn als Bühnenkünstler verbracht. Haben Sie sich für eine besonders riskante Laufbahn entschieden?
Marc Haller: Ja und nein (lacht). Unsicherheit war und ist ein ständiger Begleiter von Kunstschaffenden. Mittlerweile kann man sich aber in fast keinem Beruf mehr auf der Erstausbildung ausruhen. Das Rad der Zeit dreht sich unaufhaltsam und wer sich nicht kontinuierlich weiterentwickelt und ab und zu neu erfindet, kann sich schnell auf dem Abstellgleis wiederfinden – egal in welcher Branche. Als Künstler war ich mir von Anfang an bewusst, dass ich mich konstant weiterentwickeln muss. Denn das Publikum will bei jedem Besuch von etwas Neuem begeistert werden.
Woher kam dieses Bewusstsein für die Schnelllebigkeit der Unterhaltungsbranche?
Dies habe ich sicher zu einem guten Teil meinen Eltern zu verdanken. Sie haben meine Künstlerlaufbahn von Anfang an mitgetragen, aber nicht ohne mich auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Sie haben gemeint, dass ich zuerst einen Beruf lernen sollte, beispielsweise Lehrer, um eine sichere Basis zu haben. Ich war jedoch überzeugt, dass ich bessere Chancen habe, wenn ich voll auf die Zauberei setze, anstatt sowohl ein durchschnittlicher Zauberer als auch ein durchschnittlicher Lehrer zu werden.
Wann wurde Ihnen klar, dass Sie diesen Weg einschlagen wollen?
Das war während der Kantonsschule. Ich war fast nie im Ausgang, sondern habe zu Hause Zaubertricks geübt. Als meine Eltern merkten, wie determiniert ich diesem Ziel nachgehe, haben sie mich vorbehaltlos unterstützt. Heute kann ich davon leben und sie sind sehr stolz auf mich.
Können Sie «heute» wirklich davon leben?
Erwischt (lacht). Corona hat tatsächlich alles verändert und mich in meinen Grundfesten erschüttert. Ich habe stets gedacht, dass ich als Künstler immer spielen kann. Als der Shutdown kam, musste ich über 60 Auftritte absagen oder auf Eis legen – was emotional noch schwieriger war. Anfangs hat es mir schlicht und einfach den Boden unter den Füssen weggezogen und ich hatte Panik. Ich fühlte mich ungerecht behandelt und sah meine berufliche Existenz bedroht.
Wie haben Sie diese Angst bekämpft?
Zu Beginn der Corontäne war dies sehr schwierig. Jahrelang habe ich allen, die mich auf die Unsicherheit des Berufs Künstler angesprochen haben, erzählt, dass ich nur eine Holzkiste als Bühne und mich brauche, um aufzutreten. Dies war plötzlich nicht mehr so.
Hat sich der Shutdown nur negativ ausgewirkt?
Nein, ganz und gar nicht. Nach einigen Wochen ist eine ungeahnte Ruhe eingekehrt. Da die Pause von aussen verordnet war, fiel es mir schwerer, mich darauf einzulassen. Meine Partnerin, meine Eltern und mein gesamtes Umfeld haben mich aber super unterstützt und aus diesem Loch geholt.
Wie konnten Sie die finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise bewältigen?
Ich habe meine eigene GmbH, bei der ich angestellt bin. Da ich der einzige Angestellte meiner GmbH bin, müsste ich mir selbst kündigen, was mir bei der Arbeitslosenversicherung Wartetage einbringen würde. Deshalb konnte ich zu Beginn keine Kurzarbeit anmelden. Im März hat der Bundesrat jedoch entschieden, dass auch Kunstschaffende Kurzarbeit anmelden können. Zudem wurde ein Künstlerfonds eingerichtet, aus dem hoffentlich bald etwas ausbezahlt wird. Im Juni hiess es dann, dass Selbstständigerwerbende nichts mehr kriegen. Nachdem ein Aufschrei durch die Kunstszene und andere von den immer noch herrschenden Massnahmen gebeutelte Branchen ging, hat der Bundesrat eine Kehrtwende gemacht und ich konnte wieder neu Kurzarbeit anmelden.
Fühlen Sie sich fair behandelt?
Ich habe gemischte Gefühle. Einerseits bin ich dankbar, dass wir etwas kriegen. Millionen Menschen in anderen Regionen der Welt sind viel stärker betroffen. Mit meinen Ersparnissen und dem Einkommen aus der Kurzarbeit komme ich aber zurecht. Ich habe jedoch viele Bekannte, die ebenfalls in der Kleinkunstszene aktiv sind, die sich weniger gut abgesichert haben. Sie fallen momentan durch die Maschen des Systems.
Hat der Shutdown auch Positives mit sich gebracht?
Ja. Rückblickend war die «Corontäne» eine wertvolle Zeit. Ich konnte entschleunigen, mich intensiv um meine Tochter kümmern. Ich war die letzten 15 Jahre ständig unterwegs, reise fast täglich für Auftritte im gesamten deutschsprachigen Raum umher und war manchmal sehr müde. Erst als mir diese Zwangspause verordnet wurde, habe ich gemerkt, wie gut sie mir tut. Ich konnte mich zurücklehnen und einige Wochen Ruhe geniessen, ohne das Gefühl, die Chance auf einen Auftritt zu verpassen.
Haben Sie auch an einem neuen Programm gearbeitet?
Andere Künstler haben die Corontäne genutzt, um ein neues Programm zu schreiben. Ich habe mich dagegen entschieden. Ich war ziemlich sicher, dass es keinen zweiten Shutdown geben wird. Deshalb habe ich diese Ruhephase voll genossen und arbeite seit einigen Wochen wieder weiter.
Wie sieht die Arbeit jetzt aus? Es gibt ja noch keine neuen Auftritte.
Ich habe beispielsweise mit Roland Camenzind digitale Kunst probiert, auf schlaumeier.ch. Das hat funktioniert, weil ich Kindern zaubern beibringen konnte. Ich mache aber primär Kleinkunst und diese funktioniert nur mit Publikum.
Bei den Proben sind Sie doch auch allein. Wäre ein Auftritt mit Übertragung nicht vergleichbar?
Nein. Comedy kann erst entstehen, wenn Publikum da ist. Bei den Proben funktioniere ich völlig anders. Ich passe bei den Auftritten meinen Rhythmus dem Publikum an, komme in einen Flow und lasse mich durch die Stimmung zu Höchstleistungen antreiben. Ich bin sozusagen vom Publikum abhängig.
Ist jedes Publikum vergleichbar dankbar?
Am liebsten spiele ich vor ländlichem Publikum oder in Kleintheatern. Im kleinen Rahmen entsteht eine intime Atmosphäre und ich kann mit allen Zuschauerinnen und Zuschauern interagieren. Auf dem Land ist das Publikum zudem entspannter und traut sich auch hemmungslos zu lachen. Darum freue ich mich so auf meinen Auftritt im «Rössli» Mettmenstetten, am 5. September, ab 19.30 Uhr. Auch ein grosses Publikum hat seinen Reiz. Doch mein Bauchgefühl zieht mich immer wieder auf die Kleinkunstbühne.


