«Coronakrise darf nicht zur Schwächung der Berufsbildung führen»

In zwei Monaten ist Lehrbeginn. Im Interview verrät Xavier Nietlisbach, Präsident des Ämtler Lehrstellenforums, weshalb Schnupperlehren für Schüler und Betriebe gleichermassen wichtig sind und was es braucht, damit Unternehmen weiterhin in den Berufsnachwuchs investieren können.

Xavier Nietlisbach ist Leiter Berufsbildung der Ernst Schweizer AG in Hedingen und Präsident des Lehrstellenforums Bezirk Affoltern. (Bild zvg.)
Xavier Nietlisbach ist Leiter Berufsbildung der Ernst Schweizer AG in Hedingen und Präsident des Lehrstellenforums Bezirk Affoltern. (Bild zvg.)

«Anzeiger»: Viele Jugendliche würden aktuell gerne ihren möglichen Ausbildungsberuf hautnah kennenlernen. Lässt sich eine Schnupperlehre überhaupt mit den Vorgaben von Physical Distancing vereinbaren?

Xavier Nietlisbach: Zuerst einmal ein grosses Dankeschön an all die Lehrbetriebe, welche in den letzten Wochen wieder einmal gezeigt haben, wie kreativ unsere KMU sind. Und ja, es besteht die Möglichkeit aktuell Schnupperlehren zu absolvieren. Dies ist je nach ­Betrieb, Branche und Lehrberuf sehr unterschiedlich. Bei den Mitgliedern des Lehrstellenforums ist es aktuell möglich, Schnupperlehren zu absolvieren. Aufgrund der Lehrabschlussprüfungen ist die Anzahl Schnupperlehrplätze zurzeit beschränkt. Mitte Juni, wenn die Prüfungen vorbei sind, wird es wieder mehr Schnupperlehrplätze haben. Teilweise wurde die Einsatzdauer verkürzt oder das Setting der aktuellen Situation angepasst, um die Hygienevorschriften des Bundes einhalten zu können.

Weshalb ist das Schnuppern für die ­Jugendlichen so wichtig?

Die Jugendlichen der achten und neunten Klassen wären jetzt eigentlich mit Hochdruck am Schnuppern um Einblicke in mögliche Lehrberufe sowie mögliche Arbeitgeber zu erhalten. Die­ses Erleben der Arbeitswelt und das Ausführen der Tätigkeiten, welche zum gewünschten Lehrberuf gehören, sind die wichtigsten Grundlagen für die richtige Berufswahl. Die Jugendlichen der neunten Klasse erhalten durch eine Schnupperlehre einen Eindruck des Betriebes. Dieser Einblick in einen Betrieb ist gerade dann wichtig, wenn die Entscheidung für den Beruf bereits gefallen ist und die nächsten drei/vier Jahre geplant werden. Je besser die Jugendlichen sich mit einem Betrieb identifizieren, desto leichter fällt es ihnen, die Lehrzeit erfolgreich zu absolvieren.

Und weshalb sollten auch die Lehrbetriebe den Zusatzaufwand in Kauf nehmen und trotz Auflagen Schnupperlehren anbieten?

Wir sind uns bewusst, dass in der aktuellen Zeit viele neue aber auch bestehende Herausforderungen unseren Alltag beeinflussen. Doch jetzt erst recht haben wir die Möglichkeit, erneut zu beweisen, dass wir Lehrbetriebe auch auf solche ausserordentliche Situationen reagieren können. Denn gewiss ist, dass wir auch in Zukunft auf qualifizierten Berufsnachwuchs angewiesen sind. Deshalb ist es unabdingbar, dass Lehrbetriebe, die bis anhin ausgebildet haben, dies auch in Zukunft tun. Lehrstellen müssen, wann immer möglich, zur Verfügung gestellt werden, allenfalls auch Jugendlichen, die sich spontan interessieren. In der Krise ist Flexibilität ein grosses Plus. Wieso nicht die Lehrvertragsabschlüsse wo möglich etwas hinauszögern und dafür auch während der Sommerferien Schnupperlehren anbieten? Wir haben in Krisen immer bewiesen, dass wir flexibel sind und dass uns die Jugend am Herzen liegt und dies aktuell wieder durch die vielfältigen Lösungen der vielen Betriebe, welche so den Schülerinnen und Schülern den Einstieg in die Berufswelt ermöglichen.

Auch für die Lehrbetriebe sind diese Schnupperlehren wertvoll, um sich ein Bild der Bewerberinnen und Bewerber zu machen. Gerade in der aktuellen Phase ist es wichtig, dass die Betriebe eine gute Entscheidung bei der Nachwuchsrekrutierung fällen. Wenn der zukünftige Lehrling während einer gewissen Zeit im Betrieb beobachtet werden kann, gibt das eine andere Entscheidungsgrundlage, als wenn einfach ein Papier zur Hand genommen wird.

Welche Möglichkeiten haben Betriebe, ­angesichts der ausserordentlichen Lage?

Mit etwas Kreativität und Einfallsreichtum finden wir neue Wege, um interessierte Jugendliche kennen zu ­lernen und ihnen einen Einblick in die Berufe zu geben. Vielleicht findet das Vorstellungs-Interview für einmal ­online statt und die Schnupperwoche kann auf zwei Schnuppertage verkürzt werden – natürlich immer unter Einhaltung der Hygiene- und Abstands­regeln.

Wie wirkt sich die Coronakrise grundsätzlich auf den Lehrstellenmarkt aus?

Im Moment ist dies schwierig zu beurteilen. Der Lehrstellenmarkt ist immer von der Wirtschaft abhängig und auch hier ist noch einiges unklar. Ich persönlich hoffe, dass wir aus der Berufsbildungs- aber auch der Gesellschaftssicht gestärkt aus dieser Zeit herauskommen. Allenfalls wird es einige Unternehmen geben, welche keine Lehrstellen mehr bieten können oder wollen, aber ich bin überzeugt, dass der Grossteil, wenn irgendwie möglich, auch weiterhin Ausbildungsplätze anbieten werden. Die Lernenden bringen für die Unternehmen durch die Arbeitsleistung auch einen Mehrwert und sind nicht nur reine Aufwandspositionen in der Erfolgsrechnung. Schliesslich sind wir mit Blick auf die Zukunft auf gutausgebildeten Nachwuchs angewiesen.

Deckt das Lehrstellenangebot die Nachfrage für den Lehrstart 2020?

Es gibt noch immer sehr viele offene Lehrstellen. Natürlich gibt es gewisse Lehrberufe, welche jetzt nicht mehr zu finden sind, dies hat jedoch nichts mit der Corona-Situation zu tun. Schon in den vergangenen Jahren wurden jeweils bis kurz vor Lehrbeginn noch Lehrstellen vergeben.

Bis wann kann noch ein Lehrvertrag abgeschlossen werden?

Das Mittelschul- und Berufsbildungsamt erkennt Lehrverträge noch an, die bis Herbst 2020 unterschrieben werden, für eine Lehre, welche im August 2020 starten würde. Die Berufsschulen sind mit im Boot und werden den Unterricht auch etwas an diese ­Situation angleichen. Überall wird mit Hochdruck an Lösungen gearbeitet, um allen Beteiligten zu helfen.

Welches sind die wichtigen Termine im Hinblick auf den Lehrstart 2021?

Aktuell gehe ich davon aus, dass während der Sommerferien noch vermehrt Schnupperlehren für den Lehrbeginn 2020 durchgeführt werden und daher für Lehrbeginn 2021 erst ab September wieder vermehrt Schnupperlehren angeboten werden. Aber die ersten Monate werden sicher wichtig sein, um Schnupperlehren abzumachen und zu schnuppern. Ich persönlich erhoffe mir auch, dass die Betriebe den Schülerinnen und Schülern etwas mehr Zeit geben und diese spezielle Situation uns hilft, den Rekrutierungsstart etwas nach hinten zu schieben, damit die Schüler und Schülerinnen genügend Zeit haben, um eine saubere Berufswahl zu treffen. Die Betriebe sind sich auch alle bewusst, dass für die Schülerinnen und Schüler, welche ab August eine Lehrstelle für 2021 suchen, die Berufswahl etwas speziell abläuft und werden Verständnis dafür haben, dass diese nicht bereits fünf Berufe anschauen konnten.

Was raten Sie Schülerinnen und Schülern?

Lasst euch bitte nicht unterkriegen. Die Unternehmen mussten in den letzten Wochen Wege finden um mit der Situation umzugehen und sie tun dies. Schritt für Schritt werden wieder mehr Schnupperlehren angeboten, um den Schülerinnen und Schülern einen Einblick in den gewünschten Beruf zu ermöglichen. Nehmt doch einfach den Telefonhörer in die Hand, ruft Betriebe an und fragt nach, wie die Situation im jeweiligen Betrieb ist. Seid mutig sowie fleissig und ihr werdet sehen, dass es viele Schnupperlehrstellen, aber auch noch offene Lehrstellen hat. Gerade auch im Hinblick auf zukünftige Lehrabschlüsse ist es wichtig, dass die Jugendlichen sich informieren und bei den Betrieben melden – trotz fehlender ­Noten im Sommerzeugnis 2020.

Welche Möglichkeiten hat die Bevölkerung, das regionale Gewerbe zu stärken – und damit auch die Berufsbildung?

Die vielen Betriebe im Amt leisten sehr viel für die Region, nicht nur was die Berufsbildung betrifft. Es gibt viele Betriebe, die sich für die Jungen einsetzen und diesen den Einstieg in die Berufswelt ermöglichen. Bitte unterstützen Sie die Betriebe mit ihren Einkäufen. Nur so können die Unternehmen auch wieder in den Berufsnachwuchs investieren. Ich bin beeindruckt von der Kreativität und dem Willen, den all diese Betriebe zeigen, um unseren Jugendlichen so gut wie möglich zu einem guten Berufseinstieg zu verhelfen. Ich erachte es nicht als selbstverständlich, dass in der aktuellen Situation die Berufsbildung in diesen Unternehmen ­einen so hohen Stellenwert hat.

 

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