«Das Virus bestimmt unser ganzes Leben»

Das Coronavirus hat unser aller Leben total verändert. Wir können nicht mehr so sein, wie wir sind, Vieles ist ungewiss und unkontrollierbar geworden, sagt die Psychiaterin Fulvia Rota aus Aeugst. Das lässt Ängste aufkommen und macht vielen Menschen Sorgen.

«Wir können nicht mehr so leben wie davor, das hat Folgen», sagt Psychiaterin Fulvia Rota. (Bild zvg.)
«Wir können nicht mehr so leben wie davor, das hat Folgen», sagt Psychiaterin Fulvia Rota. (Bild zvg.)

«Anzeiger»: Die aktuelle Situation mit ­Corona ist eine aussergewöhnliche. Haben Sie mehr Patientinnen und Patienten ­deswegen?

Fulvia Roth: In der ersten Coronawelle im Frühling gab es in der Kinder- und Jugendpsychiatrie deutlich mehr Patienten, nicht aber bei den Erwachsenen. Nun in der zweiten Welle, suchen deutlich mehr Erwachsene Hilfe bei Psychiatern und Psychologen. Dass die Folgen in der ersten Welle nicht so gravierend waren, hat mehrere Gründe. Im Frühling war der Shutdown einschränkend und ungewohnt, aber viele Leute erlebten ihn auch als befreiend. Sie hatten plötzlich weniger Verpflichtungen und mehr Zeit. In der Schweiz war der Lockdown bei Weitem nicht so schwer wie etwa in Italien oder Spanien. Man durfte raus aus den eigenen vier Wänden, hatte Vertrauen ins Gesundheitswesen, das nie überfordert war.

Wer kommt heute zu Ihnen in die Praxis?

Menschen aus dem ganzen Spektrum der Gesellschaft, vom einfachen Arbeiter bis zur Akademikerin. Es kann jeden treffen, vor allem aber Personen, die schon vorher etwas verletzlicher waren, zum Beispiel schon früher unter Ängsten litten. Wer sicher mehr unter Druck ist und leidet, sind Menschen, die in ökonomisch prekären Verhältnissen leben. Diese holen jedoch selten Hilfe, aus dem schlichten Grund, dass etwa Putzfrauen oder Verkäufer meist nicht einfach vom Arbeitsplatz weg in eine Therapie gehen können.

Weiss man, wie viele Menschen in der Schweiz ernsthafte Probleme wegen ­Corona haben?

Genaue Zahlen liegen dazu (noch) nicht vor. Was man aber sicher sagen kann, ist, dass die Pandemie einen Einfluss hat auf die psychische Stabilität der Bevölkerung.

Was macht die Pandemie mit der Psyche der Menschen?

Das Virus bestimmt unser Leben auf allen Ebenen. Es geht ins tiefste Private hinein und dominiert auch die Arbeitswelt. Man weiss plötzlich nicht mehr, kann man sich noch mit Freunden und Kollegen treffen. Bei vielen Menschen kommt Misstrauen auf, man verliert Sicherheit. Vor Corona konnten wir frei entscheiden, nun mach ich dies, nun mach ich das. Jetzt stellen sich dauernd Fragen wie: Darf ich? Soll ich? Mach ichs richtig? Auch wenn das vielleicht nicht bewusst in uns abläuft, es ist in uns drin.

Das Leben hat sich verändert.

Wir können nicht mehr so leben wie davor. Das Alleinsein drückt aufs Gemüt. Die Ungewissheit, wie lange das Ganze noch dauern wird, ist für viele schwer auszuhalten. Auch ist unsere körperliche Unversehrtheit bedroht. Wenn es kratzt im Hals, wenn man Kopfweh hat, tauchen plötzlich Ängste auf. Man kennt vielleicht jemanden, der schwer krank oder gar an Corona gestorben ist. Der Tod kommt näher. Dies alles kann Ängste und Sorgen auslösen. Gefühle von Unkontrollierbarkeit und Kontrollverlust verunsichern uns. Langanhaltender Stress kann zu psychischen Folgeerkrankungen führen. Niemand sollte jetzt aber in Panik verfallen, dass er nun automatisch depressiv wird; man wird nicht einfach nur wegen Corona depressiv. Doch bei gewissen Menschen ist Corona der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Menschen, die schon einmal psychisch krank waren, haben sicher ein viel höheres Risiko, depressiver zu werden.

Welche Menschen leiden am meisten?

Für Leute, die allein leben, keinen Partner haben, ist die Situation sehr schwierig. Viele Frauen sind stärker belastet als Männer, weil sie Mehrfachbelastungen zu tragen haben. Sie arbeiten zu Hause im Home Office, müssen den Haushalt besorgen und auf die Kinder schauen. Alte Menschen, die nicht mehr mobil sind, haben es schwer. Deren Angehörige sollten ihnen nun mehr Aufmerksamkeit schenken, sie regelmässig anrufen – lieber täglich einige Minuten als einmal wöchentlich eine Stunde lang –, mal eine Karte schicken, oder auch eine Zeichnung der Enkel. Es geht vor allem darum, dem Gefühl älterer Menschen entgegenzuwirken, dass man sie vergessen hat.

Leute mit tiefem Einkommen haben weniger Kompensationsmöglichkeiten. Während begüterte Menschen sich zum Beispiel einfach eine schöne Opernaufnahme kaufen können, wenn die Oper geschlossen ist oder sich statt eines teuren Essens im noblen Restaurant ein teures Take-away leisten können, sind Menschen mit wenig Geld solche Möglichkeiten verschlossen.

Die Angst vor Jobverlust trifft zunehmend mehr Leute.

Diese Ängste steigen gerade in jüngster Zeit stark an mit der Konkurswelle, die aktuell eingesetzt hat. Die Angst vor Arbeitslosigkeit ist ein extrem hoher Stressfakor. Studien zeigen: ­Arbeitslosigkeit korreliert zudem stark mit ­erhöhter Suizidalität.

«Jeder soziale Kontakt ist einer zu viel» hat Österreichs Bundeskanzler seine Landsleute drastisch gewarnt, und auch der Bundesrat rät, jeden unnötigen Kontakt zu vermeiden. Ist das ein sozial überhaupt verantwortbares Rezept gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie?

Haben wir ein anderes Rezept? Das Problem besteht ja global. Die totale Kontrolle bis ins Schlafzimmer wie in China möchten wir ja nicht. Aber ist Schweden besser dran? Auch dort wurden die Massnahmen verschärft. Bundesrat Berset sagte im Frühling, wir hätten einen Marathon vor uns. Heute sind wir in diesem Marathon – wir wissen aber nicht, an welchem Punkt wir uns befinden. Sind wir bei km 20, 30 oder 40?

Wer unter Corona leidet: Ab wann ist ­psychiatrische Hilfe angezeigt? Wann weiss ich, ob ich eine psychiatrische oder psychologische Hilfeleistung in Anspruch nehmen muss?

Wenn Sie bedrückt, freudlos sind, mehr Ängste haben, oder wenn Sie merken, dass sie ständig grübeln und die Gedanken stetig um das gleiche Thema kreisen und fast nicht mehr abzustellen sind. Wenn Ihnen die Partnerin sagt: Du bist immer so gereizt, was ist los? Wenn man das Gefühl hat, es nicht mehr zu schaffen, dann sollte man sich einge­stehen, dass man professionelle Hilfe braucht.

Jede und jeder hat ja einen Hausarzt oder eine Hausärztin, sie können helfen und auch gut abschätzen, ob man psychologische oder psychiatrische Hilfe braucht.

Haben Sie konkrete Tipps, was man gegen den «Corona-Blues» tun kann?

Wer im Home-Office arbeitet, sollte sich unbedingt eine Tagesstruktur geben. Nicht den ganzen Tag, ungeduscht, ungekämmt, und ungeschminkt im ­Pyjama arbeiten. Sich also zu Hause so herrichten, wie wenn man an den Arbeitsplatz ginge. Arbeit und Freizeit ­sowie Essen strikt trennen. Wenn möglich ein eigenes Zimmer fürs Home-Office einrichten. Fehlt der Platz dazu, dann einen separaten Tisch nur zum Arbeiten einrichten. Ist auch das nicht möglich, dann den Tisch vor dem Essen freiräumen.

Menschen, die den ganzen Tag mit Nachrichten über Corona konfrontiert sind, geht es nachweislich schlechter. Besser ist es, nur einmal am Tag entsprechende Meldungen zu konsumieren und sich dabei auf eine Quelle, die vertrauenswürdig ist, zu konzentrieren. Stets im Internet nach Informationen über Corona zu suchen, verunsichert nur. Wichtig ist auch, sich bewusst regelmässig Freiräume zu schaffen und sich etwas zu gönnen. Das muss nicht etwas Materielles sein, sondern zum Beispiel eine Stunde ein Buch lesen oder ganz gezielt und ausschliesslich nur Musik hören. Oder ein schönes Bad nehmen. Auch Sport treiben ist sehr ratsam. Und Leute treffen, die man mag, das kann auch via Videokonferenz passieren.

 

Höchste Psychiaterin der Schweiz

Auch wenn es diesen Titel offiziell nicht gibt, so ist Fulvia Rota so etwas wie die höchste Psychiaterin der Schweiz. Im Sommer gewählt, hat sie vor zwei Wochen ihr Amt als Präsidentin der Schweizerischen ­Gesellschaft für Psychiatrie und ­Psychotherapie (SGPP) angetreten. Die SGPP ist der Berufsverband der psychiatrisch-psychotherapeutisch tätigen Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz und ist eine Fachgesellschaft der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH. ­Fulvia Rota ist Fachärztin für ­Psychiatrie und Psychotherapie und führt eine eigene Praxis in Zürich. Die 64-Jährige wohnt in Aeugst, ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. (sts)

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