Den ganzen Koran von Hand abgeschrieben

«Kathrina Redmann transportierte den Koran in 20 Jahren von Kairo nach Zürich», war in einer ­arabischen Zeitung zu lesen. Was völlig unspektakulär mit der Freude an Ornamenten begonnen hatte, fand in der arabischen Welt Beachtung.

Sprache und Ästhetik: Kathrina Redmann verbindet ihre Liebe zu Sprachen und zum Gestalten beim Schreiben von Hand. (Bilder Regula Zellweger)

Sprache und Ästhetik: Kathrina Redmann verbindet ihre Liebe zu Sprachen und zum Gestalten beim Schreiben von Hand. (Bilder Regula Zellweger)

Die arabische Schrift wirkt ornamentartig. Es werden ausschliesslich Konsonanten aneinandergereiht und Vokale als Zeichen über die Konsonanten gesetzt.

Die arabische Schrift wirkt ornamentartig. Es werden ausschliesslich Konsonanten aneinandergereiht und Vokale als Zeichen über die Konsonanten gesetzt.

Am 7. Februar 2021 erschien in der ­Dubaier Zeitung «alroeya» ein reich ­bebilderter Artikel über Kathrina Redmann und ihre Abschrift des Korans. Verfasst hat der Artikel Nelly Ezzat, eine in Bonn lebende ägyptische Journalistin. Sie erzählt darin die Geschichte, wie Kathrina Redmann zu ihrer Begeisterung für die arabische Schrift kam. Eine Affinität zu arabischen Märchen hatte die Hausemer Malerin und Schriftstellerin bereits als Kind, später las sie ihrer kleinen Tochter aus 1001 Nacht vor. Dazu bauten die beiden ein Zelt im Wohnzimmer, schufen so Geborgenheit und tauchten in die sinnliche, mit Farben und Düften spielende arabische Welt ein.

Kathrina Redmann hat ein Flair für Formen und Rhythmen, dies vermittelte sie auch als Lehrerin an einer Kunstschule in Zürich. Sie wollte mehr über die arabische Ornamentik und Schrift wissen und nahm ab 1986 Arabischunterricht. Nach sieben Jahren Hocharabisch motivierten ihr Lehrer Essam Mohsen, aber auch ihr persönliches Umfeld sie, drei Monate das International Language Institute in Kairo zu besuchen, wo sie zusätzlich zum Sprachunterricht auch Lektionen in Kalligrafie erhielt. Und wo sie mit allen Sinnen in die arabische Alltagswelt eintauchte. Im Jahr 2000 eröffnete sie ihre Sprachschule «ArabiKalam» in Zürich.

Arabische Schrift

Mit dem Bilderverbot im Islam erlangte die Ornamentik in der arabischen Welt schon früh grosse Bedeutung – so auch in der Schrift. Sie gehört zu den Alphabetschriften und wird von rechts nach links geschrieben. Es gibt keine Gross- und Kleinschreibung und keine Druckschrift, denn die Buchstaben werden immer verbunden. Es werden ausschliesslich Konsonanten aneinandergereiht, die Vokale werden als Zeichen über die Konsonanten gesetzt.

Mit Begeisterung zeichnete Kathrina Redmann Ornamente in ein Buch. Sie orientierte sich zuerst an Fotos und anderen Vorlagen, später begann sie selbst zu gestalten. Man kann gut verstehen, dass das Zeichnen von Ornamenten mit ihren Rhythmen meditativ ist, zentrierend, beruhigend.

Die Idee, an einer Abschrift des ­Korans zu arbeiten, wurde durch eine Radiosendung 2000 ausgelöst: Eine Frau erzählte, sie habe die ganze Bibel auf Bauabsperrbänder geschrieben. Seither richtete sich die Künstlerin überall, wo sie sich aufhielt, ihren persönlichen Schreibort ein. Manchmal schrieb sie täglich, manchmal ging das Projekt ­«Koran abschreiben» über Monate ­vergessen. Aber sie blieb dran, bis zum Abschluss nach 20 Jahren.

Viele kleine Arbeiten ergeben eine grosse

Kathrina Redmann ist eine vielschichtige, vielseitig interessierte Frau. Sie sprudelte ihr Leben lang vor Ideen, auch heute noch, mit 75 Jahren. Sie scheint selbst zu staunen, wenn sie sagt: «Ich habe etwas durchgezogen, über lange Zeit, und habe es zu Ende gebracht.» Sie ist neugierig, will «es» immer genau ­wissen, ausprobieren, Dinge einfach tun. So konnte sie mit ihren Bildern ­einige Ausstellungen gestalten. Als Schriftstellerin veröffentlichte sie ­Gedichte, Kurzgeschichten und Romane, insgesamt sechs Bücher. Mit dem ­Abschreiben des Korans bringt sie ihre Liebe zur Sprache und zum Gestalten zusammen.

20 Jahre sind eine lange Zeit, während der in einem Menschenleben viel geschehen kann. Eine Konstante wie das stete, unverkrampfte Verfolgen eines Ziels kann wohltuend sein. Jetzt ist die Abschrift fertig. Was nun? Kathrina ­Redmann wünschte sich gegen Ende des Kopierens des Korans, es möge nicht aufhören. Angesprochen auf ihre ­Ausdauer zitiert sie sinngemäss den Philosophen Ludwig Hohl: «Es gibt keine grosse ­Arbeit. Man macht viele kleine Arbeiten – und irgendwann ist damit die grosse Arbeit getan.»

Der Koran

Der Koran enthält als heilige Schrift des ­Islam die wörtliche Offenbarung an den Propheten Mohammed. Sie besteht aus 114 Kapiteln, den Suren. Diese wiederum setzen sich aus je einer unterschiedlichen Anzahl Verse zusammen. Bei Kathrina Redmann ergaben sich daraus 826 handgeschriebene Seiten.

Neben dem Kopieren des Korans schrieb sie auch deutschsprachige ­Bücher, beispielsweise 1998 «Sindbads erste Reise», Geschichten aus Kairo, eine Mischung aus Traum und Realität, ­Prosa und Poesie. Ein anderes Buch trägt den Titel «Mord in Gordes». Das Spektrum an Interessen, aber auch das Spektrum ihres Schaffens, ist immens breit.

Kathrina Redmann ist es ein Anliegen, die guten Aspekte der islamischen Religion aufzuzeigen, zu erzählen, dass die Religion Tausenden von Menschen hilft, ihr oft hartes Schicksal anzunehmen und im schweren Alltag zu bestehen. Sie wehrt sich aber dagegen, in eine «arabische Schublade» gesteckt zu werden, ihre Wurzeln sind in unserer westlichen christlichen Kultur.

Kathrina Redmann ist eine «Go ­between», eine Vermittlerin zwischen zwei Welten, die nicht urteilt, sondern mit Respekt und Wertschätzung ­beschreibt – und damit zum gegenseitigen Verständnis beiträgt. Ihre Arbeit wird in der arabischen Presse beachtet und positiv aufgenommen. Es erschienen einige Artikel über sie und einzelne Zeitungen haben sogar kurze Videos in ihre Online-Ausgaben aufgenommen.

Mehr zu Kathrina Redmann unter www.arabikalam.ch.

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